60 Jahre CED: Wie Bildplatten einen Weltkonzern ruinierten​

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This article is also available in English. It was translated with technical assistance and editorially reviewed before publication.

Zu dem Zeitpunkt, also Ende der 1970er, hat RCA immerhin eine grobe Vorstellung davon, wie man auf Vinyl Video in akzeptabler Qualität mit spielfilmtauglichen Laufzeiten speichern könnte. Wie die TED nutzt man Tiefenschrift und eine Art Abtastnadel. Allerdings sind die PVC-Scheiben Carbon-beschichtet, Scheibe und eine winzige Titan-Elektrode an der Diamant-Abtastnadel bilden einen Kondensator. Die Bild- und Tonsignale werden als Kapazitätsschwankungen kodiert. Das ist technisch deutlich ausgefuchster als die TED und reicht für 60 (später 63, auf PAL-Scheiben sogar für 73) Minuten Spielzeit je Seite. Wie die TEDs sind aber auch die CEDs empfindlich und werden deshalb in recht sperrigen und schweren Kunststoff-Caddys verkauft. Zur Wiedergabe schiebt der Kunde den Caddy in den CED-Player – der zieht die Scheibe aus der Hülle, der Nutzer den Caddy aus dem Gerät – dann kann die Schau losgehen.

Auch die CED nutzt eine Rille als Spurführung, die Information steckt aber in Kapazitätsschwankungen. Platte und Abtaster bilden einen Kondensator.

(Bild: RCA)

Zehn Jahre nach Beginn der Arbeit an CED sucht RCA in Japan nach System- und Fertigungspartnern. Man stellt Panasonic (damals firmiert deren Mutterkonzern noch unter Matsushita) wenig überzeugende Prototypen der Technik vor. Die Japaner sind nicht begeistert. Zu der Zeit hält Matsushita auch Anteile am selbsternannten VHS-Erfinder, der Victor Company of Japan (JVC). Ob man sich hausintern einen Tipp gibt oder, wie so oft, die Zeit einfach für bestimmte Technologien reif ist, lässt sich nicht rekonstruieren. Fakt ist: Kurz nach RCAs CED steht JVC mit der Video High-Density Disc (VHD) in Japan in den Läden.

Ebenfalls kapazitiv, aber ohne Rille, arbeitet JVCs VHD. Die Abtastnadel orientiert sich an zwei Referenzspuren ("fp1/fp2") auf der Platte.

(Bild: JVC)

Auch die VHD arbeitet kapazitiv und mit Nadel. Aber die gleitet nur noch über eine Art Lochspur, muss also nicht mehr verschleißträchtig Rillen durchpflügen. Ganz im Gegenteil: Sollte sich ein Staubkörnchen auf die VHD-Oberfläche verirren, schubst die Nadel des Systems es beiseite. Damit das aber möglichst gar nicht erst vorkommt, steckt auch die VHD in einem Caddy.

Aber geht es nicht besser ganz ohne Mechanik? Nadel und Rillen stammen aus der Zeit des Edison-Phonographen, also von 1877. Und, wie sowohl Schallplatten als auch die mechanischen Bildplatten zeigen, sind sie empfindlich und nur begrenzt haltbar.

Das denkt man sich zwei Jahre nach der TED, also 1972, auch bei der US-Plattenfirma MCA, wo man an der berührungslos abgetasteten "Discovision" arbeitet. Philips und Pioneer tüfteln an ähnlichen Systemen – man tut sich zusammen und bietet Player und Scheiben zunächst als Laservision, später CD-Video und zum Schluss Laserdisc (LD) an. Die ist TED, CED und VHD technisch deutlich überlegen. Mit einer ununterbrochenen Spielzeit von einer Stunde pro Seite gibt’s zwar auch mit LD noch eine kleine Wende-Unterbrechung pro Film. Aber die Discs werden optisch abgetastet, die Informationsschicht liegt geschützt unter transparentem Kunststoff und ist bei normalem Gebrauch verschleißfrei und kratzfest. Anders, als die später auf der optischen Abtastung basierende Audio-Compact-Disc vermuten lässt, sind Bild und Ton auf LDs analog gespeichert. Für die Stereo-Tonspuren nutzt man sogar, um die Qualität zu verbessern, das CX genannte und ursprünglich für Schallplatten entwickelte Rauschunterdrückungssystem. Erst Ende der 1980er kommt PCM-Ton in CD-identischer Qualität auf LDs.

Aufbau der Lochspur (links) einer Laserdisc sowie der Disc-Schichten (rechts).

(Bild: Philips)

Entsprechende Player stehen 1978 in den USA und 1982 auch in Europa in den Läden. Die Geräte sind mit rund 2000 DM zwar günstiger als die ersten Videorekorder (um 3000 Mark), die LDs mit 70 bis 100 DM günstiger als ein Spielfilm auf VHS-Kassette – der kostet 1982 mal eben 300 Mark.

Aber die Rekorder können eben auch aufnehmen, was beim damals dürftigen Live-TV-Angebot viel wichtiger ist als im Zeitalter von 24-Stunden-Fernsehen und Mediatheken. Zudem sind die LD-Spieler schwer, wuchtig und laut. Und da die Technik analog arbeitet, ist die Bildqualität keineswegs perfekt. Kleine Aussetzer ("Drop-outs") blitzen auch im Bildsignal der Laserscheiben immer wieder auf. Die Umdrehungszahl der Discs ist zudem direkt an die Bildfrequenz des geforderten TV-Standards gekoppelt – 1800 U/min in NTSC-Ländern (Japan/Kanada/USA), 1500 für PAL-Gebiete. Je schneller die Scheiben rotieren, desto besser wird der Signal-Störabstand und umso geringer das Rauschen, also der Schnee im Bild. Die Discs für Europa sind aus Prinzip im Nachteil, das Gestöber sichtbar. Schließlich stellt sich Anfang der 1990er noch heraus, dass manche der doppelseitigen Discs von innen gammeln. Das Problem wird unter dem irreführenden Namen "Laser rot" berüchtigt – tatsächlich rotten die Scheiben ganz ohne Laser-Einwirkung.

Anfang der 1980er gibt es also drei konkurrierende Bildplattensysteme, seit 1975 Heimvideorekorder im Betamax-, seit 1976 im VHS-Format. JVC baut VHS und VHD, Pioneer Betamax und Laserdisc, Philips hat die Rekorderformate VCR, VCR-LP und Video 2000 am Start sowie Laserdisc. Und RCA? Bietet in den USA nach dem absehbaren Videorekorder-Boom ab 1977 von Panasonic zugekaufte VHS-Rekorder an. Unter dem Namen Selectavision, der eigentlich für die CED gedacht ist und die weiter auf sich warten lässt.

Das Ende vom Lied: Keines der drei Bildplattensysteme kann Anfang der 1980er punkten. VHD ist in Japan einige Jahre für den Mitsingspaß Karaoke und als 3D-Scheibe im Einsatz, Laserdisc erlebt Mitte der 1990er als erstes Heimkinoformat mit Dolby-Digital-5.1-Ton eine kurze Blüte. Und CED, zweifellos das schlechteste aller Bildplattenformate? Es wird 1984 eingestampft. RCA hat nach heutigem Kurs knapp zwei Milliarden US-Dollar mit dem Projekt versenkt und sich viel zu viel Zeit bei der Entwicklung gelassen. Anfang der 1970er hätte man mit einem gut sortierten Programmangebot die Technik wohl erfolgreich vermarkten können – aber nicht mehr Anfang der 1980er. 1986 kauft General Electric die Reste von RCA und filetiert den Konzern. Heute ist das Kürzel nur noch ein von anderen Produzenten verwendetes Etikett.