60 Jahre CED: Wie Bildplatten einen Weltkonzern ruinierten
Seite 3: Was lange währt…
Bis in die 2000er dominieren VHS-Rekorder den Heim-Bewegtbildmarkt, ihre Disc-Gegenstücke scheitern samt und sonders. Aber an der grundsätzlichen Einschätzung RCAs hat sich ja nichts geändert: Scheiben lassen sich wesentlich günstiger und schneller in Massen produzieren als Magnetbänder. Mit der seit 1983 käuflichen Audio-Compact-Disc und der MPEG-Audio- und Video-Datenreduktion stehen Technologien bereit, um 74 Minuten Video auf einer handlichen, günstigen Scheibe zu speichern. Die so entstandene und seit Anfang der 1990er vermarktete Video-CD ist zwar technisch zu ihrer Zeit eine Leistung – aber die Scheiben erreichen nicht einmal die versprochene "VHS-ähnliche" Qualität, die für die Wiedergabe nötige Technik ist einmal mehr recht teuer.
Erst mit der seit 1997 verfügbaren Video-DVD machen Film- und Unterhaltungselektronikbranche fast alles richtig: kompakte, billig herzustellende Discs mit spielfilmkompatibler Spielzeit, deutlich bessere Qualität als VHS, die Option, Bilder im anamorphen 16:9-Format zu speichern sowie Dolby-Digitalton – und natürlich die verschleißfreie optische Abtastung einer robusten Disc.
Mit Blu-ray- und UHD-Blu-rays werden die kompakten Scheiben fit fürs HDTV- und UHD-Zeitalter. Heutzutage ärgern sich Kunden nicht mehr über kurze Spielzeiten oder Staub und Aussetzer auf den Scheiben, sondern nur noch über unsinnige Regionalcodes, nicht überspringbare Nerv-Einblendungen, Kopierschutz oder nagelneue Discs, die wegen vermeintlichen technischen Fortschritts auf gar nicht so alten Playern nicht mehr laufen.
Eigener Herd ist Goldes wert
Es bleibt die Gretchenfrage: Lohnt es sich überhaupt noch, in physische Medien und passende Player zu investieren? Zeigen die RCA-Pleite und die Entscheidung der US-Kette "Best Buy", DVDs und Blu-rays aus dem Sortiment zu nehmen, nicht, dass Datenträger tot sind? Gehen die Verkaufszahlen von Scheiben in den USA nicht seit Jahren zurück und musste der DVD-Verleiher Redbox nicht gerade Insolvenz anmelden? Schließlich liefern im Jahr 2024 Streamingdienste für wenig Geld zahlreiche Filme in UHD ins Wohnzimmer – und viele Streifen will man nach dem ersten kein zweites Mal sehen.
Alles korrekt – aber es gibt gute Gründe für eigene Medien. Der Wichtigste: Kein Streamingdienst hat alles, was das Cineastenherz begehrt. Vor allem: Da die Rechte an den Streifen alle naslang neu verhökert werden, kann der Film, den man heute noch bei seinem Anbieter findet, morgen ganz woanders auftauchen – oder in der Versenkung verschwinden. Oft sind die Rechte an älteren Streifen ungeklärt. Dann findet man sie tatsächlich nur auf VHS oder einem der antiken Bildplattenformate.
Was man hat, das hat man – zumindest Titel, bei denen man sich sicher ist, sie mehrfach sehen zu wollen, lohnt sich der Kauf. Zudem sind sowohl Discs wie auch Spieler vergleichsweise viel günstiger als vor 40 oder 50 Jahren: Eine aktuelle Blu-ray kostet um die 10 bis 15 Euro beziehungsweise 20 bis 30 Euro für die UHD-Fassung, die 1982 für 300 DM angebotene VHS-Kassette müsste inflationsangepasst 370 Euro kosten, der LD-Spieler von 1982 2460 Euro. Anders als die sperrigen Videokasetten und 80er-Bildplatten nehmen DVDs und Blu-rays wenig Platz weg. Man muss also nicht anbauen, um die Sammlung unterzubringen.
Und ähnlich wie einst bei Laserdisc zieht Qualität auch im Jahr 2024: Auf UHD-Blu-rays bekommt man – meist – besseres Bild und besseren Ton als per Streaming. Die Heimkinofans lassen sich das was kosten, die UHD-Blu-ray-Verkäufe ziehen in den USA an.
(dahe)