Bauteiloptimierung mit dem Geodreieck

Seite 2: Bauteiloptimierung mit dem Geodreieck

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Der 45-Grad-Winkel, der schon bei den stützenden Wurzelanläufen zu beobachten war, zieht sich wie eine Naturkonstante durch die belebte Welt und verhindert Materialversagen. Die Seitenwurzeln von Bäumen zweigen von der Hauptwurzel in einem 45-Grad-Winkel ab, weil so bei äußeren Belastungen am effektivsten ein Ausreißen der Wurzeln verhindert wird. Bei unverzweigten Wurzeln würde der Baum bei ausreichend hohen Schubkräften – mit anderen Worten Scherkräften – viel leichter entwurzelt. Auch die Äste von Bäumen oder die Nebenadern von Blättern zweigen aus Stabilitätsgründen in einem 45-Grad-Winkel ab, eben so wie die Ästchen einer Feder.

Auf die Frage, warum er mit der vereinfachten Optimierungsmethode sein eigenen Produkte sabotiere, erwidert Mattheck: „Ich wäre ein Volksschädling, wenn ich sie weiter verkaufen würde, ohne auf die einfachen Methoden hinzuweisen.“ Solche Aussagen hört man aus Wissenschaftler- und Industriekreisen selten. Doch Mattheck ist es so ernst damit, dass er für die neue graphische Methode keine Schutzrechte beantragt hat. „Wir leben von den Steuermitteln der Gesellschaft, da fände ich es unmoralisch, Schutzgebühren zu verlangen.“ Die Geodreieck Methode machte er in Form des Buches „Die verborgenen Gestaltgesetze der Natur“ öffentlich zugänglich, das vor kurzem erschienen ist (bestellbar über die Buchhandlung Mende, E-Mail: info@mende.de).

Bei aller Einfachheit warnt er gleichzeitig davor, vor lauter Computerfreiheit allzu leichtsinnig zu werden. „Auch eine Optimalform kann versagen, wenn sie unterdimensioniert ist. Ein Bauteilversagen kann das Leben eines Menschen zerstören.“ Das Verfahren habe eindeutig Grenzen, zum Beispiel müsse stets zusätzlich die Dimensionierung der Bauteile erfolgen und die Belastbarkeit des optimierten Bauteils durch Bruchtests und Festigkeitsnachweise geprüft werden.

Ganz ohne Computer wird die Bauteiloptimierung also vorerst nicht auskommen. Denn zum einen gibt es Sonderfälle, bei der seine bisherige Software doch noch gebraucht wird. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn es bei einer Konstruktion aus technischen Gründen zwingend Kreislöcher geben muss – dann berechnet das Programm die notwendigen Wülste um das Loch herum, die die Spannungsspitzen abfangen. Zum anderen verhandelt Mattheck gerade mit Entwicklern von CAD-Programmen, damit seine neue Methode kostenlos darin integriert wird. Dann legt man die Zugdreiecke einfach per Mausklick an das Bauteil. Unternehmensnamen zu nennen ist laut Mattheck noch zu früh. Doch die 50 Industrie-Vertreter, die sich vor wenigen Tagen auf einem Seminar in die Geodreieck-Methode einarbeiten ließen, hätten sich sehr positiv geäußert. Sie signalisierten zudem Interesse, wiederzukommen, wenn die nächste Vereinfachung, an der Mattheck arbeitet, im wahrsten Sinne des Worte spruchreif ist: Das Ziel ist eine gesprochene Bruchmechanik – eine Vorhersage der Rissausbreitung in Bauteilen, die ebenfalls ohne Formeln auskommt. (vsz)