Das zweite Gesicht

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Eduardo Rodriguez vom New York University Langone Medical Center probte dafür mit seinem Team jahrelang an Leichen sowie gerade erst verstorbenen Hirntoten. 2012 kam es zu der bis dahin aufwendigsten Verpflanzung eines Gesichts samt Knochen, Zähnen, Zunge und einem Teil der Kopfhaut. Der 37-jährige Patient Richard Lee Norris hatte sich 15 Jahre zuvor versehentlich Nase, Wangenknochen, Lippen, Zunge, Zähne, Kiefer und Kinn weggeschossen.

Zwei Jahre nach der 36-Stunden-Operation schaffte es der Gesichtstransplantierte sogar auf das Titelblatt des amerikanischen Männermagazins "GQ". Und erst im vorigen Herbst erzielte Rodriguez mit dem 41 Jahre alten Patrick Hardison ein ähnlich gutes Ergebnis. Über dem Feuerwehrmann war ein brennendes Hausdach eingestürzt, während er eine Frau aus den Flammen retten wollte.

Jedem der Patienten ist bisher noch anzumerken, dass sie nicht mit ihrem eigenen Gesicht leben. Rodriguez' Ziel aber ist "eine ganz durchschnittliche Person". Wenn sein Patient einen Raum betrete, solle ihm nicht gleich jeder das Gesichtstransplantat ansehen. Kein Wunder, zählt Rodriguez doch zu den vehementen Verfechtern des Eingriffs.

"Konventionell ins Gesicht verpflanztes Gewebe von anderen Teilen des Körpers – Armen oder Beinen – sieht dort nie normal aus und funktioniert auch nicht so", sagt der New Yorker Chirurg. Diese Einschätzung teilen viele seiner Fachkollegen: Neben den Franzosen Devauchelle und Testelin ist das auch Bohdan Pomahač, Direktor der plastischen Chirurgie am Bostoner Brigham & Women's Hospital, dessen Team mit bisher fünf Eingriffen wohl die meisten Gesichtstransplantationen weltweit vorgenommen hat. Zu seinen Patienten gehört auch Tarleton.

Die fremden Gewebe scheinen sich dabei überraschend gut in die körpereigenen zu integrieren. Ein Patient konnte schon nach drei Tagen mit der neuen Nase wieder riechen. Meist dauern diese Prozesse jedoch Monate bis Jahre. Besonders langwierig ist es, die neuen Muskeln zu kontrollieren und Gefühl in den transplantierten Gesichtspartien zu entwickeln. Carmen Blandin Tarleton lernte innerhalb des ersten Jahres, die Lippen zu schließen, zu lächeln und auch das Tröpfeln aus ihrem Mund zu beherrschen. Aber selbst drei Jahre nach der Operation hat ihr Gesicht nur rund 65 Prozent seiner Sensitivität wiedererlangt.

Immer wieder erleidet sie Rückschläge: Nachdem sie vorigen Sommer bereitwillig für Hunderte von Fotos für ein Teenagerauditorium posiert hatte, verlor sie ihr Lächeln auf der einen Seite des Mundes; es zurückzuerlangen, ist ein langwieriger Prozess. Beklagen will sie sich dennoch nicht: "Vor der Transplantation hatte ich gar kein Gefühl mehr."

Die prekärste Begleiterscheinung ist allerdings die Immunreaktion des Körpers auf das fremde Gewebe. Auch Tarleton hatte damit dreimal zu kämpfen. Wie sämtliche Empfänger von gespendeten Organen müssen die Gesichtstransplantierten ihr Leben lang Immunsuppressiva einnehmen: Medikamente, die zum einen die Infektanfälligkeit erhöhen und zum anderen zu Krankheiten wie Diabetes und Krebs führen können. Pionierin Dinoire hatte bereits unter solchen Spätfolgen zu leiden. "Die ersten neun Jahre war alles okay", sagt der Chirurg Devauchelle. Aber dann sei sie an Lungenkrebs erkrankt, von dem sie inzwischen allerdings wieder geheilt sei.

Bei einer lebensrettenden Transplantation sind diese Folgen vertretbar. Aber bei einer Verpflanzung des Gesichts, die – so schrecklich das entstellte Antlitz aussieht – nicht lebensbedrohlich ist? In den Nebenwirkungen der Immunsuppressiva sieht auch Bohdan Pomahač das größte Hindernis für eine weitere Verbreitung von Gesichtstransplantationen. Er hofft daher, eine "Immuntoleranz" des Körpers herbeiführen zu können und hat derzeit ein Verfahren in der Studienphase.

Andere Ärzte forschen in dieselbe Richtung. Mediziner am Transplantationszentrum der Johns Hopkins University in Baltimore übertragen den Transplantierten zum Beispiel parallel zum Organ Knochenmark, das sie dem gleichen Spender entnehmen. Anschließend benötigen sie nur noch eines von drei Medikamenten. Laut Kückelhaus wird an verschiedenen Ansätzen geforscht, um eine bessere Verträglichkeit zu erzielen und um am Ende eventuell ganz auf Immunsuppressiva verzichten zu können. "Doch bis zum entscheidenden Durchbruch dauert es noch einige Jahre", befürchtet er. Dann stünde Gesichtstransplantationen allerdings nichts mehr im Weg, über die Pomahač sagt: "Sie retten kein Leben, aber sie geben ein Leben."

Für Tarleton könnte kaum ein Satz besser passen. Dass ihr neues Leben begonnen hatte, merkte sie auf der Heimfahrt vom Krankenhaus. "Wir hielten an einem Laden – und niemand nahm Notiz von mir." Seit sie sich von dem Überfall einigermaßen erholt hat, spricht Tarleton öffentlich vor Publikum und in den Medien über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Häusliche Gewalt, Organspenden oder ihre persönliche Geschichte stehen im Mittelpunkt der Veranstaltungen. Zur größten in Kalifornien seien 12000 Menschen gekommen. Ihrem früheren Mann, der zu 30 Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt wurde, habe sie vergeben. "Das macht man nicht für den anderen, sondern für sich selbst: Damit das Leben weitergehen kann." Sie sei kein Opfer, sondern eine Überlebenskünstlerin, heißt es in einem Fernsehbeitrag.

Ihr neues Gesicht betrachtet die 47-Jährige als "ein gewaltiges Geschenk, das eine erhebliche Verbesserung meiner Lebensqualität bedeutet". Während sie ihr neues Antlitz vor drei Jahren bei einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit präsentierte, saß Marinda Righter – die Tochter der Spenderin – neben ihr. Im Gegensatz zu allen Befürchtungen reagieren in den USA die Familien der Spender meist positiv darauf, dass ein Teil ihrer Lieben in einem anderen Menschen weiterlebt.

"Darf ich es anfassen?", fragte zum Beispiel Rebekah Aversano, deren Bruder von einem Auto überfahren worden war, beim ersten Treffen Richard Lee Norris. Als sie dem Gesichtstransplantierten schließlich begegnete, strich sie ihm liebevoll über die Wange. Bei Tarleton bestand von Anfang an ein herzlicher Kontakt zur Tochter der Spenderin: "Im Gegensatz zu anderen Betroffenen hat sich mein Gesicht über die Jahre kaum verändert", berichtet die Empfängerin. Deshalb kann sie nachvollziehen, dass Righter immer noch ihre Mutter im Antlitz der Krankenschwester wiederfindet, etwa deren Sommersprossen. "Ich selbst erkenne die Nase wieder", sagt Tarleton, die Bilder von ihrer Spenderin besitzt. (inwu)