Der größte Wasserfilter der Welt

Seite 2: Riesige MĂĽllstrudel im Meer

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Im Gegensatz zu anderen wichtigen Materialien ist Kunststoff vor allem Wegwerfware. Nur neun Prozent werden recycelt, 12 Prozent werden verbrannt, während die restlichen 79 Prozent auf der Müllhalde oder in der Natur landen. Nach Geyers Berechnungen werden jedes Jahr rund acht Millionen Tonnen Plastik ins Meer geschwemmt. Bis 2050, so die US-amerikanische Ellen MacArthur Foundation, werden nach dem Gewicht gemessen mehr Plastikteile als Fische in den Weltmeeren schwimmen.

Ein Großteil dieses Kunststoffs landet früher oder später in einem der fünf großen Wirbelströme oder "Gyres". Sie bilden sich dank einer Kombination aus der Schubkraft der Winde und der Erdrotation vom Nordpazifik bis zum Südatlantik und drehen sich dort wie überdimensionale Wirbel, die man aus dem heimischen Waschbeckenabfluss kennt.

Viele Experten halten Slats monumentale Filter dennoch für monumentale Geldverschwendung – getragen von dem Glauben, große Probleme brauchen große technische Lösungen. Denn das Bild vom "Müllteppich" ist irreführend. Es legt eine fast geschlossene Fläche von Plastikmüll nahe, die es in der Realität nicht gibt. "Wir benutzen den Begriff Garbage Patch, obwohl die Dichte und Verteilung sowohl räumlich als auch zeitlich stark schwanken", sagt Amy Uhrin, die leitende Wissenschaftlerin der Abteilung Marine Debris bei der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA).

Das feinmaschige Netz wird unter den Plastikrohren befestigt, um den MĂĽll zusammenzutreiben.

Fachleute messen den schwimmenden Müllteppich mithilfe von Stichproben, die sie mit Netzen und Fotos erheben. Allein der Wirbelstrom im Nordpazifik, in dem Ocean Cleanup seine Filter aussetzen will, ist laut Uhrin rund 18 bis 23 Millionen Quadratkilometer groß, also zwei- bis dreimal so groß wie die gesamte USA. "Selbst im Garbage Patch schwimmt Kunststoff nicht nur an der Oberfläche, sondern ist über die gesamte Wassersäule bis zum Meeresboden verteilt", erklärt die NOAA-Mitarbeiterin. "Wind, Wellen und Strömung bewegen und durchmischen den Müll kontinuierlich."

Hinzu kommt, dass der Plastikmüll im Wasser keineswegs nur aus großen Objekten wie Bojen oder alten Fischernetzen besteht, sondern aus sogenanntem Mikroplastik, das als Teilchen von unter fünf Millimetern Größe definiert wird. Sie entstehen zum einen, wenn Wind, Wellen und UV-Strahlung den Plastikmüll mit der Zeit aufreiben, bleichen, mürbe machen und so in immer kleinere Fragmente zersetzen. Die zweite große Quelle sind Kosmetikprodukte mit Mikroperlen oder synthetische Kleidung, von der sich in der Waschmaschine Fasern lösen. Dieses Mikroplastik bereitet den Fachleuten besondere Sorge, weil es leicht in die Nahrungskette gelangt. Aber Slats Methode ist ungeeignet, es herauszufischen, weil sie nur große Stücke in die Enge treiben soll.

So mancher Plastikmüll-Experte bemängelt daher, dass die schwimmenden Filter vom eigentlichen Problem ablenken: der Prävention an Land. "Wir ermutigen innovatives Denken und freuen uns, dass das Thema mehr Aufmerksamkeit findet", gibt sich NOAA-Wissenschaftlerin Uhrin diplomatisch. Aber "wenn mein Waschbecken überläuft, muss ich als Erstes den Hahn zudrehen und nicht das volle Becken säubern". Zum einen könnte man bedeutend mehr Plastikmüll entfernen, wenn man Filteranlagen an strategischen Punkten entlang der Küsten und großer Flüsse platzierte. Ihr Hauptaugenmerk liegt jedoch darauf, die Herstellung von Plastik zu drosseln, damit er gar nicht erst zu Müll wird.

So sieht es auch Marcus Eriksen, Mitgründer und Forschungsdirektor der Antiplastik-Initiative 5 Gyres. "Ich wünsche Ocean Cleanup viel Erfolg, aber sie räumen den Müll der Konsumgesellschaft auf. Das ist keine langfristige Lösung", sagt der Umweltaktivist in Los Angeles.

Nicht zuletzt äußern Meeresbiologen Kritik. Sie fürchten, dass sich kleine Lebewesen in dem Filter verfangen könnten. Er wäre dann nichts weiter als ein gefährliches Treibnetz, nur in gigantischem Ausmaß. Macht es sich Boyan Slat also zu einfach? Er kennt die Kritik, seit er im Oktober 2012 seine Idee vorgestellt hat. Viel Zeit bringt er seitdem damit zu, sie zu entkräften. Ob sein Netz tatsächlich ungefährlich für kleine Meeresbewohner ist, soll eine Umweltverträglichkeitsstudie zeigen, die er bei externen Experten diesen Sommer in Auftrag geben will.

Er hofft, dass sie die Vermutung bestätigen werden: Gerade weil der Filter nur drei Meter in die Tiefe reiche, würden kleine Organismen vom steten Wellengang entweder unter dem Vorhang hindurch- oder über die Plastikrohre hinweggespült. Zudem hat Ocean Cleanup unter anderem ein Team von 16 internationalen Fachleuten engagiert, die in den vergangenen drei Jahren zwei Expeditionen in den Pazifik unternahmen, dort Netze auswarfen, Luftaufnahmen machten und im Labor experimentierten. Ihr im März in "Nature Scientific Reports" veröffentlichter Bericht stützt Slats Argument, dass man an der Oberfläche durchaus viel abschöpfen kann.

Danach ist der Müllteppich zwischen San Francisco und Hawaii 16-mal größer als bislang angenommen. Er misst 1,6 Millionen Quadratkilometer und ist damit fast dreimal so groß wie Frankreich. In der Abfallsuppe treiben mindestens 87.000 Tonnen oder 1,8 Billionen Stückchen Plastik – vom Flaschenverschluss bis zu Spielzeugen, die der Tsunami 2011 von Japan in den Pazifik spülte. Wer diesen Müll abfischt, verhindert zumindest, dass noch mehr gefährliches Mikroplastik entsteht. "Wenn das Material zerfällt, kann die Konzentration an Mikroplastik auf lange Sicht um das 30-Fache bis auf unglaubliche 50 Billionen Partikel steigen", warnt Laurent Lebreton, Erstautor der Studie. Slat ist daher überzeugt: "Das ist eine Zeitbombe, die wir entschärfen müssen."