Geistig anwesend
Wie sich die Unternehmenskultur durch den Einsatz solcher Telepräsenzsysteme verändert, zeigt ein Beispiel aus der Autoindustrie: Als Daimler und Chrysler 1998 fusionierten, gründete das Unternehmen erst einmal eine eigene Fluggesellschaft, um Manager und Ingenieure zwischen Stuttgart und Detroit hin und her zu fliegen. Manche Mitarbeiter, berichtet die Zeitschrift "automotiveIT", hätten sogar halbe Arbeitsmonate an Bord der Firmenjets verbracht. Heute ist Chrysler fest mit Fiat verbandelt, doch niemand muss mehr im Flugzeug leben. Fiat hat stattdessen an den verschiedenen Standorten insgesamt 46 Telepräsenzsysteme eingerichtet – auch direkt im Werk, sodass Ingenieure quer über den Atlantik Ferndiagnosen stellen können, wenn etwas nicht funktioniert.
Allein durch den Verzicht auf viele Geschäftsreisen macht sich ein Telepräsenzsystem laut dem US-Anbieter Cisco innerhalb von rund fünf Jahren bezahlt. Doch das ist nicht der einzige Effekt, wie eine vom japanischen Unternehmen Brother beauftragte Studie zeigt. Dazu ließ das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart (IAO) zwei Gruppen von Versuchspersonen bestimmte Aufgaben wie eine umkämpfte Budgetplanung lösen. Die eine Gruppe sollte sich per Telefon und E-Mail einig werden, die andere nutzte Videokonferenzen. Das Ergebnis: Die Videoteilnehmer waren nach eigener Auskunft mit der Lösung zufriedener und empfanden die Diskussion als weniger anstrengend. Der konsequente nächste Schritt zu noch mehr Wirklichkeitsnähe wäre eine 3D-Darstellung aller Beteiligten. Technisch ist das machbar, setzt allerdings aufwendige Hardware voraus, wie das vor zwei Jahren ausgelaufene EU-Projekt "3DPresence" gezeigt hat. Die Projektpartner, darunter das Heinrich-Hertz-Institut (HHI) der Fraunhofer-Gesellschaft, versuchen seitdem vergeblich, Interessenten für eine Markteinführung zu finden. "Die Frage ist: Wie weit nützt eine realistischere Darstellung noch? Welche Vorteile bringt sie für den Arbeitsalltag?", fragt Ulrich Leiner, Leiter der Abteilung "Interactive Media – Human Factors" am HHI.
Offenbar haben die Highend-Telepräsenzsysteme ihren Zenit ohnehin schon überschritten. Die Umsätze in diesem Segment gingen 2012 laut Marktforschungsunternehmen IDC um zehn Prozent zurück. Die teuren Installationen machen nur für große transnationale Konzerne Sinn – und dieser Markt scheint gesättigt. Und eine weitere technische Aufrüstung bringt kaum noch zusätzlichen Nutzwert.
Experten erwarten deshalb einen grundsätzlichen Richtungswechsel. "Telepräsenz ist tot! Lang lebe die Telepräsenz!", meint Howard S. Lichtman. Er ist als Herausgeber des Newsletters "Telepresence Options" ein langjähriger Branchenbeobachter und berät mit seiner Gesellschaft "Human Productivity Lab" Firmen beim Einsatz von Telepräsenzsystemen. Statt die ohnehin schon kostspieligen Konferenz-Installationen noch besser und somit teurer zu machen, gehe der Trend nun in Richtung kleiner, preiswerter und flexibler Programme, die auf Arbeitsplatzrechnern, Tablets und Smartphones laufen. "Mit den neuen technischen Plattformen kann Telearbeit weit flexibler gestaltet werden – zum Beispiel in der Bahn oder vom Kunden aus", sagt auch Josephine Hofmann, Telepräsenz-Expertin am Stuttgarter IAO. Damit kommen nach der Vorstandsetage jetzt auch andere Mitarbeiter in den Genuss der Technologie.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei Cloud Computing. "Wenn meine Daten ohnehin in der Cloud sind, ist es auch egal, wo ich sitze", meint Telekom-Sprecher Hans-Martin Lichtenthäler. Die Telekom bietet seit Anfang 2012 das cloudbasierte Telepräsenzsystem "Video-Meet" an, das kaum noch Anforderungen an das Endgerät stellt. Es baut auf bestehenden Verfahren wie Skype auf, läuft aber in einem normalen Browser und verträgt sich besser mit der Firmenfirewall, die Skype-Verbindungen sonst oft ausbremst.
Marktführer Cisco hat für Heimanwender den Computer gleich mit wegrationalisiert. Sein sogenannter "Zero Client" sieht aus wie ein Festnetz-Telefon, ist aber ein Minirechner, an den Bildschirm und Tastatur angeschlossen werden können – wobei Rechenleistung und Speicherplatz geschützt im Firmennetz des Arbeitgebers angesiedelt sind. Das System funktioniert auch mit anderen Endgeräten wie Tablets. Ein Servicetechniker zum Beispiel filmt vor Ort mit der Frontkamera des Geräts eine defekte Maschine und bittet per Videobesprechung Kollegen um Hilfe. Dank der großen Bandbreite des neuen Mobilfunkstandards LTE funktioniert die Videokonferenz sogar auf dem Rücksitz eines fahrenden Autos.
Üppige Bandbreiten sind für Videochats nicht mehr zwingend erforderlich: Nach Einschätzung von Tim Schütte, Europa-Vertriebschef beim Cisco-Konkurrenten LifeSize, funktionieren Videokonferenzsysteme in der Regel schon ab einer Bandbreite von 300 Kilobit pro Sekunde einwandfrei. Ab einem Megabit pro Sekunde werden Bewegtbilder in HD-Auflösung übertragen. Bei LifeSize und anderen Anbietern passt sich die Auflösung automatisch der vorliegenden Bandbreite an. "Im Zweifel erkennt der Nutzer nicht, ob er HD-Bilder oder eine Auflösung knapp unterhalb HD-Qualität erhält", verspricht Schütte.
Doch Kollegen zu hören und zu sehen macht nur einen kleinen Teil einer wirklichen Tele-Zusammenarbeit aus – die Beteiligten müssen auch gemeinsam an Präsentationen, Konstruktionszeichnungen und Designentwürfen feilen können. Moderne Telepräsenz-Plattformen schließen diese Anwendungen mit ein. Im "Teamcenter" von Siemens können beispielsweise alle Beteiligten auf einen Blick sehen, welche Entwürfe, Bauteile und Versionen es zu einem neuen Bauteil bereits gibt – und wer wofür zuständig ist. Braucht ein Ingenieur eine Entscheidung über bestimmte Spezifikationen, kann er mit wenigen Klicks alle Fachleute aus Konstruktion, Produktion und Marketing zu einer virtuellen Konferenz bitten, um den Fall per Text-Chat, Telefon oder Video zu diskutieren.