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Telearbeit gilt als überschätzter Hype der neunziger Jahre – zu Unrecht. Videokonferenz-Systeme, die bisher vor allem den Vorstandsetagen vorbehalten waren, kommen mittlerweile auch für normale Mitarbeiter und Privatleute infrage.

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Telearbeit gilt als überschätzter Hype der neunziger Jahre – zu Unrecht. Videokonferenz-Systeme, die bisher vor allem den Vorstandsetagen vorbehalten waren, kommen mittlerweile auch für normale Mitarbeiter und Privatleute infrage.

Als das Ehepaar Wiecher schon fast nicht mehr an seinen Traum, in New York zu leben, geglaubt hatte, klappte es schlieĂźlich doch noch: Sein Arbeitgeber, eine internationale Unternehmensberatung, bot Mathias Wiecher dort eine Stelle an. FĂĽr seine Frau Barbara war die Freude allerdings getrĂĽbt, hatte sie doch gerade ein halbes Jahr zuvor einen guten Job in der Personalabteilung einer Essener Firma angenommen. Jetzt wĂĽrde sie sich wohl in den USA einen neuen suchen mĂĽssen.

Doch so weit kam es nicht. Dank Telearbeit kann sie von New York aus weiter für ihre alte Firma arbeiten. Sie mietete sich in einem Gemeinschaftsbüro ein und kommuniziert seitdem per Internet und Telefon mit ihren deutschen Kollegen. "Das mit der Telearbeit ist eine super Sache, weil ich so meinen Job behalte", sagt Barbara Wiecher. Auch für mehr Nähe zwischen den Familienmitgliedern sorgt die Technik. Barbaras Mutter, die sich extra ein Notebook angeschafft hat, skypt nun regelmäßig. Denn sie möchte ihre in New York geborene Enkelin Lotta möglichst oft sehen.

Telearbeit über 6000 Kilometer hinweg, Videotelefonie zwischen Oma und Enkeltochter – kaum eine Zukunftsvision der sechziger und siebziger Jahre kam ohne diese Zutaten aus. Nun ist sie also Wirklichkeit geworden. Und doch haftet ihr der Geruch einer überzogenen Technikversprechung an. Spätestens 2012 sollten 30 Prozent aller Büromitarbeiter mindestens an zwei von fünf Werktagen zu Hause arbeiten, der Berufsverkehr werde durch Videokonferenzen um 20 Prozent schrumpfen – so sagte es eine 1998 veröffentlichte Studie des Bundesbildungsministeriums voraus. Davon ist bis heute nichts zu spüren: Heimarbeiter sind in den meisten Betrieben nach wie vor Exoten, und Autos verstopfen die Innenstädte zu Stoßzeiten wie eh und je.

Doch spricht vieles dafür, dass Telearbeit nun durchstartet. In vielen Unternehmen hat die Technologie die Arbeitsweise mittlerweile verändert. Barbara Wiechers transkontinentales Arbeitsmodell ist nur ein Beispiel von vielen. Wenn ein Firmenvorstand mit den Leitern der Filialen per Video konferiert, wenn Ingenieure ein Produkt gemeinsam mit weit entfernten Zulieferern entwickeln, wenn über die ganze Welt verstreute Spezialisten zu einem Projektteam zusammenfinden, wenn ein Arzt aus der Ferne Diagnosen stellt oder ein Student online die Kurse auf einem anderen Kontinent verfolgt – all dies sind Spielarten moderner Telearbeit. Zu der Entwicklung tragen mehrere Faktoren bei: Auf der technischen Seite schnelle Internet-Verbindungen, leistungsfähige Hard- und Software sowie Cloud Computing; auf der wirtschaftlichen Seite Globalisierung, Fachkräftemangel und das zunehmende Bedürfnis nach einer besseren Work-Life-Balance.

Weltweit praktizieren 35 Prozent der Befragten regelmäßig Telearbeit, ergab eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos unter knapp 17.000 Menschen aus 24 Ländern. Deutschland liegt mit 12 Prozent zwar deutlich unter dem Schnitt, Interesse an diesem Modell haben allerdings weit mehr: Jeder zweite Deutsche würde der Umfrage zufolge gerne fern des Firmensitzes arbeiten, wenn er ein entsprechendes Angebot bekäme. In anderen Ländern bestimmt Telearbeit den Berufsalltag schon jetzt weit stärker. Spitzenreiter ist Indien mit 83 Prozent, gefolgt von Indonesien (71 Prozent), Mexiko (58 Prozent), Südafrika (56 Prozent) und der Türkei (56 Prozent). Telearbeit ist also kein Phänomen der Industrieländer, sondern eher solcher mit einer schlechten Verkehrsinfrastruktur.

Noch ein anderes Vorurteil widerlegen aktuelle Zahlen: Telearbeiter entsprechen nicht dem Klischee einer jugendlichen digitalen Boheme. Im Gegenteil: Gerade junge Männer bis etwa 30 Jahren bevorzugen das klassische Büro, hat eine Umfrage der Teamviewer GmbH herausgefunden. Attraktiv finden Heimarbeit vor allem Frauen sowie ältere Arbeitnehmer ab 46 Jahren.

Warum sich Telearbeit trotz der häufig geäußerten Vorteile – freie Zeiteinteilung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kein Pendeln mehr – in Deutschland bisher so schleppend durchsetzt, hat mehrere Gründe: IT-Administratoren bereitet Sorge, dass sich Heimarbeitsplätze schlecht absichern lassen. Und – gravierender noch – der Chef muss einem Heimarbeiter mehr Vertrauen entgegenbringen oder sich möglicherweise neue Ansätze zu dessen Leistungsbeurteilung einfallen lassen. "Ich glaube, dass die Telearbeit bei mir nur deshalb so gut funktioniert, weil ich zu meiner Chefin ein sehr vertrauensvolles Verhältnis habe und ich alle Leute, mit denen ich telearbeite, persönlich kenne", sagt Barbara Wiecher.

Ein Problem ist ihr allerdings bewusst: Sie ist ausgeschlossen vom Small Talk in der Kaffeeküche. Oft werden gerade da durchaus relevante Informationen ausgetauscht, die aber in keiner Rundmail, keinem Protokoll und keinem Memorandum auftauchen. "Das ganze Team diszipliniert sich sehr, was die Informationsweitergabe an mich angeht. Aber es geht natürlich trotzdem viel verloren, vor allem die ganzen inoffiziellen Inhalte", sagt Wiecher. Ihre Gegenmaßnahme: "Ich telefoniere eher, statt E-Mails zu schreiben, damit ich persönlichen Kontakt zu den anderen habe und präsent bleibe."

Ihr wichtigstes Arbeitsmittel ist Skype. "Es ist schön, dass wir uns auch immer wieder sehen. Das schafft Nähe", sagt die Diplom-Psychologin. "Allerdings ist die Verbindung oft so schlecht, dass ich dann doch zum Telefon greife." Kein Wunder: Skype wurde schon vor zehn Jahren entwickelt, und zwar zunächst nur für die Telefonie. Heutige Highend-Systeme für die professionelle Telearbeit haben mit Skype ungefähr so viel gemeinsam wie ein 3D-Dolby-Surround-Kino mit einem Schwarz-Weiß-Fernseher. Um sich auch sprachlich von schlichteren Systemen abzugrenzen, reden die Anbieter nicht mehr von "Videokonferenz", sondern von "Telepräsenz", gern versehen mit dem Zusatz "immersiv".

Solche "immersiven Telepräsenz-Systeme" markieren die Spitze dessen, was derzeit in Sachen Realitätsnähe zu haben ist. Sie bestehen in der Regel aus mehreren 65-Zoll-Moni-toren, Mikrofonen und Lautsprechern, sind fest in Konferenzräumen installiert und kosten schnell einen sechsstelligen Betrag; dazu kommt noch eine entsprechend hurtige Internetverbindung – unter zwölf Megabit pro Sekunde geht in der Regel nichts, und die Übertragung eines Signals über das Internet sollte nicht mehr als 300 Millisekunden dauern. Damit der Provider die nötige Kapazität bereitstellen kann, müssen Telepräsenz-Treffen oft vorab angemeldet werden. Ist die Verbindung hergestellt, stellen die Bildschirme bis zu zwölf Gesprächspartner in Lebensgröße dar. Um die Illusion zu vervollkommnen, steht vor der Monitorwand meist noch ein halbkreisförmiger Tisch, der sich nahtlos auf den Bildschirmen fortsetzt – es wirkt, als säßen alle tatsächlich in Augenhöhe an einem runden Tisch. Filme, Präsentationen und andere Multimedia-Elemente lassen sich so einbinden, dass alle Beteiligten die gleichen Informationen haben.