Geschäft mit der Angst

Seite 2: Geschäft mit der Angst

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Sie hat gerade ihr zweites Kind bekommen und sich mit ihrem Mann für Vita 34 entschieden. Vita-34-Chef Lampeter, der den Anteil solcher Paare auf fünf Prozent steigern möchte, lobt sie gern als Prototypen der Wissensgesellschaft: Die Entscheidung für die Blutaufbewahrung korreliere weder mit Kaufkraft noch Angst der Eltern, sondern mit "dem Grad ihres Wissens über das Thema".

Der könnte allerdings noch höher sein, wenn die besorgten Eltern bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmarks- und Blutstammzelltransplantation nachfragen würden: Es gebe nicht eine Erkrankung, bei der ausschließlich eigene Nabelschnurblut-Stammzellen helfen würden, teilten die Experten vor kurzem mit. Zudem sei ein Ernstfall extrem unwahrscheinlich, und sollte er doch auftreten, genügten eigene blutbildende Stammzellen aus Blut oder Knochenmark. Auch Professor Christoph Baum, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie, zeigt sich skeptisch: "Die bisherigen Erfolge sind wissenschaftlich unklar. Im Nabelschnurblut sind zudem viel weniger Stammzellen als im Knochenmark oder im Blut. Für mehrere Behandlungen muss man sie also vermehren. Die dafür nötigen standardisierten Techniken könnten wir vielleicht in zehn Jahren haben, doch sie werden nicht billig." Auch die Züchtung von menschlichem Gewebe aus Nabelschnurblut-Stammzellen befindet sich derzeit noch im Stadium der Grundlagenforschung.

Neben solcher Kritik könnten auch alternative Angebote der jungen Branche das Geldverdienen schwerer machen. In bereits sechs öffentlichen deutschen Nabelschnur-Blutbanken können Eltern das Nabelschnurblut ihrer Kinder spenden. Damit verzichten sie auf einen exklusiven Zugriff auf die potenziell rettende Lagerware – die Zellen kommen zum Einsatz, sobald sie hinreichend gut zu den Gewebemerkmalen irgendeines Patienten passen. Dafür ist die Chance, im Notfall für das eigene Kind fündig zu werden, relativ groß, weil keine hundertprozentige Übereinstimmung nötig ist.

Wem das nicht reicht: Die Dresdner Nabelschnurblutbank, eine Dependance der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, hat damit begonnen, in Ausnahmefällen auf Wunsch der Eltern Blut auch ausschließlich für die Behandlung des Spenders einzulagern. Das ist nicht kostenlos, aber deutlich billiger als bei den privaten Anbietern. Alexander Platz, leitender Arzt der Nabelschnurblutbank, ist allerdings kein Freund dieser Variante. "Die DKMS empfiehlt ausdrücklich, die Nabelschnurblut-Stammzellen zu spenden." (bsc)