Kryptowährungen: Wer hält sich an seinen Coins fest?

Seite 2: Warum es zu einem Krypto-Crash kommt

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Als UST am Donnerstag vor zwei Wochen einen Wert von 0,37 Dollar erreichte, hat das verwaltende Unternehmen Terraform Labs als letzten Ausweg die Transaktionen in seinem Netzwerk vorübergehend gestoppt, um einen weiteren Rückgang zu verhindern, und die Währung dann über Nacht erneut eingefroren, um zu verhindern, dass Token-Inhaber das Wenige, das sie noch hatten, nehmen und abhauen. Seit dem Neustart des Netzwerks schwankt der UST von Terra in der letzten Woche deutlich unter 0,50 Dollar; Luna liegt knapp über Null.

Jedes Unternehmen im Krypto-Ökosystem hat seine eigene Erklärung dafür, warum es zu einem Crash kommt. Der mit Spannung erwartete NFT-Marktplatz von Coinbase hatte Ende April einen enttäuschenden Start, was die Investoren abgeschreckt und dem Aktienkurs geschadet haben könnte. Die "Luna Foundation Guard", jene Non-Profit-Organisation, die Terraform Labs unterstützt, hatte bis Anfang Mai 3,5 Milliarden Dollar in Bitcoin gehortet und schien dann einen Teil ihrer Bestände zu verkaufen, um sich über Wasser zu halten, als der UST-Preis zu sinken begann.

Beide Aktionen könnten dazu beigetragen haben, dass der Wert von Bitcoin sank. Einige Terra/Luna-Anhänger beschuldigten die großen Investmenthäuser BlackRock und Citadel sogar, den Markt absichtlich manipuliert zu haben, um UST zum Absturz zu zwingen – ein Gerücht, das bösartig genug war, um die Unternehmen zu einer Stellungnahme zu veranlassen, in der sie beteuerten, dass sie keinen Einfluss auf das Ereignis hatten. Und dann ist da noch die Frage des Managements. CoinDesk berichtete, dass der CEO von Terraform Labs auch hinter einem früheren gescheiterten DeFi-Experiment stand.

Aber all diese problematischen Teile summieren sich zu einem experimentellen System, das für die gleichen Markttrends anfällig ist wie das traditionelle Finanzwesen – nur ohne strenge Regulierung und echte Leitplanken. Der Preis für die wilde Fahrt der vorletzten Woche beläuft sich auf rund 270 Milliarden Dollar an verlorenen Krypto-Vermögenswerten. Sogar der nicht-algorithmische Stablecoin Tether – selbst immer wieder hinterfragt – rutschte letzte Woche kurzzeitig unter die 1-Dollar-Marke, was darauf hindeutet, dass Standard-Stablecoins möglicherweise nicht gegen Volatilität immun sind. Und die Auswirkungen all dieser Aktivitäten enden wahrscheinlich nicht an der Grenze der Kryptowährungen.

Mit der Nutzung von Kryptoprodukten durch Banken und nicht-algorithmischer Stablecoins, die auf Papiergeld angewiesen sind, um sie stabil zu halten, ist die Kryptoindustrie in mehrfacher Hinsicht eindeutig mit dem Rest des Finanzmarktes verbunden. Die Frage ist nun, ob die fallenden Preise im Gegenzug traditionelle Aktien nach unten ziehen werden. Im Januar prophezeite Paul Krugman in der "New York Times", dass Kryptoanlagen die neuen Subprime-Hypotheken sein könnten – faule Eier, die den gesamten Markt verderben. Diese Woche haben einzelne Krypto-Investoren angeblich bereits ihre gesamten Ersparnisse verloren. Es könnten noch mehr Schmerzen bevorstehen.

Aber selbst wenn sich die sozialen Medien mit spöttischen Memes füllen und skeptische Medien dies als den "Beginn eines Krypto-Winters" bezeichnen – das war es sicher noch nicht. Investoren und Krypo-Fans machen sich auf einen Neustart bereit, denn auf den Winter kommt der Frühling. Am Mittwoch twitterte der Terra-Gründer Do Kwon einen Brief an seine Community, in dem er seinen Plan zur Wiederbelebung des Stablecoins beschrieb und versicherte, dass es wieder aufwärts gehen wird. "Kurzfristige Stolpersteine definieren nicht, was man erreichen kann", schrieb er. "Es kommt darauf an, wie man auf sie reagiert." Der Gründer von Coinbase, Brian Armstrong, behauptet ebenfalls, sich voll und ganz auf die Zukunft zu konzentrieren – trotz Aktienrutsch. In einem internen Memo, das Armstrong veröffentlichte, schrieb er: "Volatilität ist unvermeidlich. Wir können sie nicht kontrollieren, aber wir planen sie ein." Man werde stärker aus der Krise kommen.

Viele Krypto-Gläubige sind auf eine lange Reise vorbereitet. Die vorherrschende Philosophie der Web3-Enthusiasten ist HODL: "Hold on for dear life." Das ist sowohl zum Wohle der Krypto-Gemeinschaft gedacht als auch zum Erhalt des Wertes der eigenen Bestände bei einer Kursdelle. Einige "Lunatics", wie sich Terra/Luna-Fans und Investoren selbst nennen, halten tatsächlich an ihren Coins fest. Do Kwons Plan, Terra wieder gesund zu pflegen, bedeutet, dass eine große Menge an Terra-Token "verbrannt" wird, was Terra- und Luna-Besitzer erhebliche Werte kostet. Bis Sonntag letzter Woche hatten mehr als 60 Prozent der Inhaber von Governance-Token für den Plan gestimmt; es sind nur 40 Prozent nötig, um ihn zu verabschieden.

Das nächste Kunststück wird für Investoren und Führungskräfte sein, den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass Krypto – insbesondere Bitcoin und Stablecoins – immer noch ein gesundes Experiment ist. Dafür gibt es gute Gründe: Der Glaube allein kann die ungedeckten Kryptomärkte tatsächlich nach oben treiben. In einer gut getimten Erklärung am Donnerstag letzter Woche gab das Bitcoin-Lightning-Netzwerk-Startup Lightspark – gegründet von einem Veteranen des geschlossenen Stablecoin-Projekts von Meta – bekannt, dass es unter anderem von den großen Web3-Akteuren Andreessen Horowitz und Paradigm finanziert wird. Am selben Tag gab Bankman-Fried bekannt, dass er eine bedeutende neue Investition in die schwächelnde Investmentplattform Robinhood getätigt hat; daraufhin sprang die Aktie um 22 Prozent. Weitere vertrauensstiftende (und aktiensteigernde) Ankündigungen von Krypto-Größen dürften folgen.

Es bleibt abzuwarten, ob das echte Geld, das noch immer von VCs und Evangelisten in die Branche fließt, sie durch eine eisiger werdende Zeit führt. Gelingt der Weg zurück zur Sonne, fragt sich, wer dabei übrig bleibt – und wie viele untergehen.

(jle)