Streitgespräch: Brauchen wir Windkraft vom Meer?
Willenbacher: Die Studien gehen von falschen Voraussetzungen aus. Man kann auch an Land mehr Volllaststunden generieren. Dafür muss der Rotor relativ groß oder der Generator relativ klein gewählt werden. Dadurch verliere ich in sehr windigen Zeiten natürlich Energie. Aber dafür erreiche ich genau dieselbe Stetigkeit wie Offshore und kann die Energie sogar noch besser räumlich verteilen.
Sehr große Anlagen mit 160 bis 170 Metern Nabenhöhe und 140 Metern Rotordurchmesser erreichen sogar an windarmen Standorten 4000 Volllaststunden. Das ist kein Hexenwerk. Stattdessen rechnet zum Beispiel die Fraunhofer-Studie in zehn Jahren mit Windrädern, die 120 Meter Rotordurchmesser haben. Die bauen wir heute schon. Wenn also die 25000 Windräder, die wir heute schon in Deutschland haben, je 4000 Volllaststunden liefern, können sie sechzig Prozent unseres Strombedarfs decken.
Wagner: Das IWES zieht eben nicht Extrembeispiele heran, sondern den Durchschnitt aller Anlagen.
Willenbacher: Der Knackpunkt ist nicht der Stand der Technik, sondern die Politik. Die Windkraft-Technologie kann ja nichts dafür, dass in Schleswig-Holstein für viele Standorte eine Höhenbegrenzung von hundert Metern gilt. Ein politisch gewollter Stillstand...
Wagner: Vielleicht sind die kleinen Anlagen ja auch gĂĽnstiger fĂĽr den jeweiligen Standort in Schleswig-Holstein.
Willenbacher: Nein, sie sind nicht gĂĽnstiger. Das ist Quatsch.
Wagner: Das Technikargument teile ich ja bis zu einem gewissen Punkt. Aber das muss dann auch fĂĽr Offshore gelten. Ich kann natĂĽrlich auch Offshore-Anlagen so auslegen, dass sie praktisch konstanten Strom liefern.
Willenbacher: Keine Frage. Sie können auch offshore die Volllaststundenzahl noch etwas erhöhen, aber das würde es noch teurer machen.
Wagner: Und bei Onshore nicht? Onshore-Anlagen an windschwachen Standorten im Binnenland produzieren deutlich teureren Strom als die an der Küste. Und auf dem Meer herrscht deutlich stetigerer und stärkerer Wind als an Land, das ist nun mal so.
TR: Herr Willenbacher, befürchten Sie denn kein Akzeptanzproblem in der Bevölkerung durch noch mehr Windkraftanlagen und noch höhere Masten?
Willenbacher: Es geht ja nicht um noch mehr Standorte, sondern darum, sie regional besser zu verteilen. Das heißt, in Sachsen-Anhalt gäbe es dann weniger Windräder, dafür mehr in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Thüringen und so weiter.
Wagner: Ich frage mich schon, ob es die Akzeptanz in Zukunft noch geben wird, wenn wir 170, 180 Meter Nabenhöhe haben und 140 Meter Rotordurchmesser. Das heißt ja, die Flügelspitze liegt bei 250 Metern – das ist fast doppelt so hoch wie der Kölner Dom. Stellen Sie sich vor, 25000-mal den Kölner Dom quer durch die Republik.
Willenbacher: Das mit dem Kölner Dom ist das Standardargument der Windkraftgegner. Meine erste Anlage hatte 65 Meter Nabenhöhe. Jetzt bauen wir nur noch Anlagen, die eine Gesamthöhe von 200 Metern erreichen. Da haben wir null Diskussionen über den Rotordurchmesser. Null Komma null!
Wagner: Da höre ich gerade im Binnenland auch andere Stimmen, aber gut. Willenbacher: Wir bauen dieses Jahr 120 Windräder in eben dieser Größenordnung, und wir haben eine sehr hohe Akzeptanz. Natürlich ist nicht jeder, der da wohnt, mit der Veränderung des Landschaftsbildes einverstanden. Wir können nicht hundert Prozent Zustimmung erwarten. Aber wir haben in der Regel eine große Mehrheit hinter unseren Projekten.
TR: Das Schöne bei Offshore ist natürlich: Schweinswale und Fische beschweren sich nicht.
Wagner: Im Meer gibt's genau wie an Land auch Restriktionen. Aber diese sind deutlich geringer. Hinzu kommt: Ein Drittel der Nordsee und der Ostsee darf aus Naturschutzgründen gar nicht bebaut werden. An Land haben wir da deutlich weniger Restriktionen durch Naturschutzflächen, dafür aber anders gelagerte Akzeptanzfragen.
TR: Und dann ist da noch der Netzausbau, der immens viel Geld verschlingt. Könnte sich das nicht zum Sargnagel für die Offshore-Windkraft entwickeln, Herr Wagner?
Wagner: Den Netzausbau brauchen wir sowieso, weil wir einen großen Teil des Onshore-Windstroms weiter im Norden produzieren. Auch ohne Offshore brauchen wir Leitungen, um den Windstrom nach Süden in die Verbrauchszentren zu trans- portieren. Sie werden nicht alles vor Ort in Bayern und Baden-Württemberg produzieren können.
Willenbacher: In Rheinland-Pfalz sind bis zum Jahresende knapp 2000 Megawatt Windkraft aufgebaut, und es sind acht Kilometer Hochspannungsleitung zusätzlich gebaut worden. Acht Kilometer! Leitungen ausbauen muss man nur, wenn man alte Anlagen da stehen lässt, die vielleicht 1500 oder 2000 Volllaststunden schaffen, weil sie gerade mit dem Rotorblatt über die Grasnarbe schrubben.
Ich möchte, dass auch in Norddeutschland vernünftige Windräder mit bis zu 5000 Volllaststunden gebaut werden. Meine Bitte an die Nordbundesländer ist, dass sie die Höhenbegrenzung aufheben. Wenn wir die 3000 Megawatt, die heute in Schleswig-Holstein zur Verfügung stehen, mit 5000 Volllaststunden multiplizieren, sind das 15 Terawattstunden.
Wagner: Das ist doch eine Milchmädchenrechnung. Wenn ich den Windstromanteil an Land verdreifachen will, dann habe ich nicht gleichmäßig verteilt nur das Dreifache, sondern in der Spitze deutlich mehr. Und dafür müssen Sie Leitungen verstärken. So wie sich Autobahnen mit Schnellstraßen und Bundes- und Landesstraßen ergänzen, brauchen wir auch Hochgeschwindigkeitsstrecken, die den Strom möglichst verlustarm zu den Verbrauchern transportieren.
Willenbacher: Das ist das Wunschdenken einer zentralen Energieversorgung. Solche Stromautobahnen sind die Zementierung eines zentralistischen Systems. Produzieren wir dagegen Windstrom nah am Verbraucher, ist kein dramatischer Netzausbau notwendig. Wir werden alle erleben, dass wir ein dezentrales System bekommen, weil immer mehr Privathaushalte und Industriebetriebe dazu ĂĽbergehen, ihren Strom komplett selbst herzustellen.
Und je mehr Leute das tun, desto weniger wird tatsächlich eine Überlandleitung gebraucht. Und umso wichtiger wird es, darüber nachzudenken, ob wir uns überhaupt noch einen Netzausbau leisten wollen. Hunderte oder Tausende von zusätzlichen Strommasten sind für das Landschaftsbild aus meiner Sicht nicht besser als weitere Windräder.