Vor 40 Jahren: Atari vergräbt die ganze Videospiele-Industrie in einer Müllhalde
Seite 2: Enttäuschendes Pac-Man
Vor allem zwei Spiele stehen für das Scheitern von Atari: "E.T." und "Pac-Man". Beides sind enttäuschende Umsetzungen. Das eine vom Spielfilm, das andere vom Arcade-Automaten.
"Pac-Man" ist eine Lizenz des Spielhallen-Hits von Namco, sieht aber im Vergleich kĂĽmmerlich aus: 16 KB ROM, 2Â KB RAM und 2Â KB Video-RAM des Arcade-Boards mĂĽssen in ein 4Â KB groĂźes Steckmodul fĂĽr die Konsole gepresst werden; und das bei einem deutlich langsameren Prozessor. Alles ist heruntergerechnet. Das Labyrinth, die Grafik, die Bewegungen.
Obwohl sich "Pac-Man" mehr als acht Millionen Mal verkauft und damit zum erfolgreichsten Spiel für die Konsole wird, erwächst für Atari ein doppeltes Problem: Erstens erhofft sich das Unternehmen weit mehr Verkäufe und produziert mehr Module, als überhaupt Konsolen auf dem Markt sind – die Rede ist von 12 Millionen. Zweitens zeigt das Spiel im Vergleich zum Original (und etwa zum C64), dass die Zeit des fünf Jahre alten Atari 2600 abgelaufen ist. Atari steht nicht mehr wie früher für Qualität.
Die Tragödie des E.T.-Spiels
Wenn man an die Videospiele-Krise denkt, denkt man natürlich in erster Linie an "E.T.", das "schlechteste Spiel aller Zeiten", wie es zuweilen spöttisch genannt wird. Umsetzungen erfolgreicher Filme sind 1982 der neueste Schrei. Unter anderem erscheinen "Alien", "Tron" und "Star Wars – Das Imperium schlägt zurück" für das Atari 2600. Wermutstropfen: Alle drei werden nicht von Atari selbst produziert, sondern von 20th Century Fox, Mattel und Parker Brothers. Eine Lizenz ergattern kann Atari für die beiden Sahnestücke "Indiana Jones" und eben "E.T." von Spiele-Narr Steven Spielberg. Doch beide werden kein sonderlicher Erfolg.
Dabei zahlt die Atari-Mutter Warner für die Rechte an "E.T." eine absurd hohe Lizenzsumme: Häufig werden 20 bis 25 Millionen Dollar genannt; eine Spielberg-Biographie spricht von 23 Millionen allein als Vorschuss auf die Tantiemen. Warner-Boss Steve Ross verfolgt mit dem Angebot einen weiteren Zweck. Er möchte Spielberg auch als Regisseur für sein Filmstudio gewinnen – was wenige Jahre später mit "Die Farbe Lila" und "Im Reich der Sonne" gelingt.
Doch die Verhandlungen ziehen sich so lange hin, dass dem Entwickler Howard Scott Warshaw nur fünf Wochen Zeit bleiben, um ein Spiel zu entwickeln, das rechtzeitig vor Weihnachten erscheint. Spielberg schwebt etwas in der Art wie "Pac-Man" vor; aber Warshaw möchte etwas Originelles, Innovatives. Was am Ende zu kompliziert wird. Damit zeigen sich viele Spieler überfordert; und sie geben es enttäuscht zurück. Von den 5 Millionen produzierten Modulen verkaufen sich nur 1,5 Millionen.
Den Spiele-Journalisten Harald Fränkel ärgert der schlechte Ruf des Spiels: "In Wahrheit gehört es wegen seiner für damalige Verhältnisse hohen Komplexität sogar zu den besseren Titeln für das Atari 2600. Es war seiner Zeit voraus, weil es eine offene Welt bot, als der Begriff Open World noch gar nicht existierte. Als man bei Spielen kaum mehr tun konnte als nach links und rechts zu lenken und zu schießen, lasen Spieler selten Anleitungen – deshalb haben es viele nicht verstanden. Die Spielmechanik erlaubte es zum Beispiel, mit dem Feuerknopf am Joystick neun Funktionen auszulösen."
Die Doku "Atari – Game Over" bringt es wohl auf den Punkt: "E.T. wurde nicht vergraben, weil es das schlechteste Spiel aller Zeiten ist. Man hielt es für das schlechteste Spiel aller Zeiten, weil es vergraben wurde."
Die Computer kommen
"Videospiele galten schon immer als Modeerscheinung", meint Leonard Herman. "Als der Markt zusammenbrach und neue kostengĂĽnstige Computer zum Spielen lockten, hatten die meisten Menschen das GefĂĽhl, dass die Zeit der Konsolen vorbei sei."
Diese Erinnerung teilt der langjährige Spieler Fritz Schober: "Der Commodore 64 war in allen Belangen besser als die Konsolen, als etwa ColecoVision und Atari 5200. Zu einem Computer ließen sich auch die Eltern leichter überreden, weil man erzählen konnte, dass es dafür Lernsoftware gäbe. Ich hatte sogar einen Vokabeltrainer für Latein. Erst als das NES 1986 erschien und wir Mario im Supermarkt spielten, wurden Konsolen wieder interessant. Wir waren begeistert vom Controller und vom Gameplay. Aber die Preise waren abschreckend, zumal sich C64-Spiele einfach kopieren ließen. Und im Jahr darauf erschien schon der Amiga 500 und setzte neue Maßstäbe in Bild und Ton."
Doch die Konsolen steigen aus der Asche. Das NES verkauft sich 62 Millionen Mal, doppelt so oft wie das Atari 2600. SEGA gesellt sich dazu. In den Neunzigerjahren übernimmt die Playstation. 2001 steigt Microsoft mit der Xbox in den Ring. Und Ende 2023 soll das Atari VCS+ als Remake des Klassikers erscheinen. Womit wir wieder beim Anfang wären.
(bme)