Warum Versender Neckermann 83 Millionen Euro in seine IT investieren will

Während Versandhändler Quelle gerade den Bach runtergeht, sammelt Konkurrent Neckermann Millionen für die erforderliche Modernisierung der IT ein. Kampflos will man dem inzwischen größten Konkurrenten Amazon das Feld nicht überlassen.

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Von
  • Damian Sicking

Lieber Neckermann-Chef Henning Koopmann,

während Ihr Konkurrent Quelle gerade "Deutschlands größten Ausverkauf“ startet, blasen Sie zur Offensive. In den kommenden fünf Jahren wollen Sie Medienberichten zufolge 83 Millionen Euro in die IT investieren, vor allem um das Online-Geschäft auszubauen. Ich kann nur sagen: Recht so!!! Um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden wie Quelle, hilft nur noch eins: Klotzen statt kleckern! Nicht auszudenken, wenn mit Neckermann noch ein weiteres Unternehmen den Bach runtergehen würde; gerade Leute meiner Generation, die wir Firmengründer Josef Neckermann sozusagen noch persönlich gekannt haben, würden das sehr bedauern.

neckermann.de-Zentrale in Frankfurt

(Bild: neckermann.de)

Was gut ist: Sie haben verstanden, was die Stunde geschlagen hat. "Die Zukunft des Versandhandels liegt im Internet“, sagten Sie in der vergangenen Woche. Und: "Wir wollen ein echter Online-Händler werden.“ Bravo, Herr Koopmann, alles andere wäre ja völliger Humbug. Nach Angaben des Bundesverband des Versandhandels (BVH) setzen die Versandhändler in Deutschland bereits mehr als die Hälfte des Umsatzes mit E-Commerce um – Tendenz: stark ansteigend. Und als Audruck dessen, dass Sie verstanden haben, heißt Neckermann nicht mehr einfach Neckermann, sondern "neckermann.de GmbH“

Gerade für Traditionshäuser wie Neckermann ist die Anpassung an die veränderten Marktbedingungen natürlich viel schwieriger als für Unternehmen, die gerade erst starten. Nehmen wir zum Beispiel Amazon, inzwischen der größte Versender der Welt. Amazon musste sich nie mit Altlasten wie gedruckten Katalogen und überhaupt dem ganzen historischen Ballast herumschlagen. Auch fing die Amazon-Belegschaft sofort mit einem ganz anderen Spirit an. Da gab es keine Leute, die der Vergangenheit nachtrauerten und davor warnten, durch diesen neumodischen Internet-Schnickschnack bloß nicht das Stammgeschäft zu gefährden. Es ist immer einfacher, etwas Neues zu machen als etwas Altes in etwas Neues zu transformieren.

Quelle hat dies – trotz Fokus auf E-Commerce und zuletzt hoher Umsätze im Internet – nicht geschafft. Konkurrent Otto dagegen hat frühzeitig, nämlich schon in den späten 1990er Jahren, auf das Internet gesetzt und erntet nun die Früchte der Arbeit. Die Otto-Gruppe ist mittlerweile nach Amazon der zweitgrößte Online-Händler weltweit. Auch in Deutschland ist Otto mit einem E-Commerce-Umsatz von rund 850 Millionen Euro gut positioniert. Davon ist Neckermann noch ein Stück entfernt. Immerhin erzielt Neckermann Ihren Angaben zufolge bereits 60 Prozent der Umsätze von knapp 750 Millionen Euro über seine Webseite. Das E-Commerce-Wachstum liegt in Ihrem Unternehmen bei 11 Prozent (Otto: + 30 Prozent).

Lieber Herr Koopmann, die 83 Millionen Euro, die Sie in die firmeneigene IT investieren wollen, ist sicher gut angelegtes Geld. Ich kenne zahlreiche Unternehmen aus der IT-Branche (und nicht nur große), die Ihnen gerne dabei helfen, sich noch besser auf die neue Zeit einzustellen. Aber Geld ausgeben allein reicht nicht, lieber Herr Koopmann. Genauso wichtig ist aus meiner Sicht die Frage, welche Rolle Neckermann im Konzert der Internet-Anbieter spielen will. Was soll der Kunde mit "Neckermann“ verbinden, wofür soll "Neckermann“ stehen? Eine saubere, klare und nicht zuletzt verständliche Positionierung erscheint mir sehr wichtig. Vor allem vor dem Hintergrund, dass sich Amazon wie eine Krake immer neue Tentakel wachsen läßt. Amazon entwickelt sich sozusagen mit einer enormen Geschwindgkeit zum Neckermann oder Quelle des 21. Jahrhunderts. Gerade habe ich gelesen, dass auf der deutschen Amazon-Seite Anfang dieses Jahres 8000 unterschiedliche Frühjahr- und Sommerschuhe erhältlich waren – 1250 Schuhmodelle mehr als bei Otto.de. Der Einstieg in den Lebensmittelversandhandel steht angeblich kurz bevor.

"Quelle-Insolvenz kein Signal für Versandhandelsbranche!“ So überschrieb der BVH vor wenigen Tagen eine Pressemitteilung über den Zustand der Branche. Ich sehe das völlig anders: Natürlich ist die Quelle-Insolvenz ein Signal für den Versandhandel, und zwar ein ganz dickes Warnsignal. Darauf steht der weder neue noch inzwischen besonders originelle Satz: "Entweder ihr geht mit der Zeit – oder ihr geht mit der Zeit.“ Sie, lieber Herr Koopmann, haben sich dafür entschieden, mit der Zeit zu gehen. Good Luck!

Beste GrĂĽĂźe und allzeit gute Laune!

Damian Sicking

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