Was das Militär aus dem Irak-Krieg lernen könnte
Seite 2: Was das Militär aus dem Irak-Krieg lernen könnte
Präzisions-Probleme: Vor dem D-Day des zweiten Weltkrieges warfen die Amerikaner Flugblätter ab, um alle französischen Bürger, die in einer Umgebung von 50 Kilometern zur Küste lebten, eine Evakuierung nahe zu legen. Die Bomber zerstörten ganze Städte, weil es der schnellste Weg war, eine Hand voll verschanzter Deutscher auszuschalten. Heutzutage legen die USA wesentlich mehr Wert auf den Schutz der Zivilbevölkerung. Die Minimierung des "Kollateralschadens" ist zu einer der größten Herausforderungen in der modernen Kriegsführung geworden. Doch die Präzisionswaffen sind immer noch nicht perfekt. Obwohl sie immer besser werden - sie reduzierten im Irakkrieg die Anzahl der zivilen Toten auf ein wesentlich niedrigeres Niveau als vorhergesagt. Aus diesem Grund verließen die wenigsten Iraker ihre Städte und das von manchen befürchtete große Flüchtlingsproblem trat nie ein. Eine unglückliche Folge der Präzisionswaffen ist allerdings, dass die US-Truppen mitten unter den Zivilisten kämpfen mussten.
Das Militär nennt die momentane Situation einen Krieg der drei Blöcke. Im ersten Block versorgen die US-Truppen die Iraker mit Nahrung und medizinischer Hilfe. Im zweiten Block patrouillieren sie und halten den Frieden aufrecht, wie Polizeibeamte. Der dritte Block beschreibt diejenigen, die sich nach wie vor im vollen Kampfeinsatz befinden. Im Irak liegen die drei Blöcke oft nah beieinander oder überschneiden sich sogar. Wer einem mutmaßlichen Scharfschützen folgt, kann nicht einfach eine Handgranate in sein Versteck werfen - er könnte unschuldige Zivilisten treffen. Eine Blitzgranate ist auch nicht einsetzbar, weil sie ein Baby verletzen könnte. Die Art der Kriegsführung ist so neu, dass abstrakte Planungsmaßnahmen nur wenig helfen. Die Truppen lernen, sich anzupassen, während sie noch im Kampf sind.
Unzureichende Psychologie: "Psyops" steht für "psychologische Operationen" und meint die moderne Variante des Propagandakrieges. Die wichtigsten Aspekte der aktuellen Doktrin: Sprich die örtliche Sprache, kenne die örtliche Kultur und sage die Wahrheit. Die letzte Voraussetzung mag viele überraschen, aber das US-Militär setzt weise voraus, dass die Wahrheit ihr Freund und ein Feind des Feindes ist. Wenn man nie lügt, besteht Hoffnung, das Vertrauen der Zivilbevölkerung zu gewinnen. Die Psyops-Maßnahmen in Afghanistan funktionierten erstaunlich gut. Die Spezialkräfte, die dort eingesetzt wurden, sprachen die örtliche Sprache und konnten sich so von den Menschen vor Ort helfen lassen. Das Endresultat: Die Afghanen wurden von anderen Moslems befreit - ihren eigenen Landsleuten.
Psyops-Kenntnisse sind aber zumeist eine Spezialität der Spezialkräfte der US-Armee - ihre Rolle im Irak war zwar wichtig, aber eingeschränkt. Durch die deutlich höhere Truppenstärke funktionierten die Psyops-Maßnahmen nicht. Der durchschnittliche US-Army-Soldat kann kein Arabisch und versteht die örtliche Kultur allerhöchstens oberflächlich. Die Marines und andere US-Kräfte sind im Psyops-Sektor noch schlechter vorbereitet.
Die Kultur zu kennen bedeutet mehr, als nur zu wissen, dass Moslems Essen nicht mit der linken Hand weitergeben oder man seine Fußflächen anderen nicht zeigt. Wenn ein Soldat einen Terroristen in ein Haus verfolgt, wird erwartet, dass er anklopft, bevor er eintritt. Ich fand diese Grundregel sehr erstaunlich, aber wie mir mehrere Soldaten, die kürzlich im Irak stationiert waren, bestätigten, ist sie völlig normal. Es mag albern klingen, aber wenn man nicht anklopft, und dann eine unverschleierte Frau (nur ihr Gesicht reicht schon aus) sieht, fängt man vielleicht seinen Terroristen, schafft sich aber ein paar neue. Der Mann oder ihr Bruder (oder beide) könnten sich verpflichtet fühlen, sich zu rächen, um die Familienehre wiederherzustellen. Mit ihrer politischen Einstellung hat das nichts zu tun.