Wollen Sie ewig leben?
Seite 5: Wollen Sie ewig leben?
Geschwafel kommt bei ihm nicht vor, alles was er sagt, dient seiner Argumentation. Die baut er so gut auf, dass ich fasziniert das Gedankengebäude beobachtete, das dabei entstand, und ihm dabei nicht weniger als meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Zwar hätte es während der Stunden in dem Gasthaus viele Ablenkungen geben können -- Menschen kamen und gingen, aßen und tranken, unterhielten sich, lachten, rauchten und husteten -- gleichwohl schweifte mein Blick niemals ab, immer blickte ich de Grey genau ins Gesicht, außer wenn ich ein weiteres Bier oder etwas zu essen holte -- ein komplettes Mittagessen für mich, aber nur Kartoffelchips für ihn. Erst wer über die Annahmen nachdenkt, auf denen de Greys Argumentation beruht, dem fällt auf, dass er es sich manchmal um nur scheinbar logische Argumente handelt. Hier folgt eine Kostprobe dieser Argumentation:
Wir sind unbedingt dazu verpflichtet, diese Therapien so bald wie möglich zu entwickeln, damit künftige Generationen eine Wahl haben. So lange wie möglich zu leben ist unser Recht, ist Menschenrecht, und genauso sind wir dazu verpflichtet, den Menschen ein möglichst langes Leben zu ermöglichen. Das ist meiner Meinung nach nicht mehr als eine Konsequenz aus dem Konzept der Fürsorgepflicht. Menschen dürfen mit Recht eine Behandlung erwarten, die sie auch sich selbst angedeihen lassen würden.
Das ist eine direkte und unbestreitbare Folgerung aus der Goldenen Regel. Wenn wir zögern und die Entwicklung lebensverlängernder Therapien nicht entschlossen vorantreiben, dann nehmen wir manchen Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit, weitaus länger als wir selbst zu leben. Wir sind verpflichtet, den Menschen diese Möglichkeit nicht zu nehmen.
Als ich die Frage nach den ethischen und moralischen Einwänden gegenüber extremer Lebensverlängerung aufwarf, war die Antwort ebenso scheinbar logisch und treffend:
Gäbe es solche Einwände, dann wären sie in dieser Diskussion sicherlich von Bedeutung. Was aber zählt, ist das Recht, so lange zu leben, wie man gerne möchte, das ist das fundamentalste Recht auf dieser Welt. Und das ist nicht einfach meine Meinung. Jeder Moralkodex, ob religiös oder weltlich, scheint damit übereinzustimmen: Das Recht auf Leben ist das wichtigste Recht überhaupt.
Und dann, auf den nahe liegenden Einwand hin, dass ein solcher Moralkodex von unserer derzeitigen Lebensspanne ausgeht, und nicht von Tausenden von Jahren:
Das ist nur ein gradueller Unterschied. Es geht nicht um die Frage, wie lange ein Leben andauern sollte, sondern darum, ob das Ende des Lebens durch Handeln oder Untätigkeit beschleunigt werden sollte.
Und da ist er -- der ultimative Sprung genialer Argumentation, auf die ein Sophist stolz wäre: Durch unsere Untätigkeit, wenn wir nicht nach einem tausendjährigen Leben streben, beschleunigen wir den Tod.
Kein Wort der obigen Zitate ist in irgendeiner Weise geändert worden. De Grey spricht seitenweise in ausformulierten Absätzen. Viele Leser der Technology Review wissen nur allzu gut, wie entstellt Interview-Partner oft klingen, wenn sie wörtlich zitiert werden. Nicht so bei de Grey, der mit der gleichen Präzision spricht, mit der er auch schreibt. Zugegeben, seine Antworten können zunächst wie eine sorgfältig vorbereitete Predigt klingen, oder wie die Reden eines Verkäufers, der ähnliche Fragen schon viele Male zuvor beantwortet hat. Doch solche Gedanken verschwinden, wenn man eine Zeit mit ihm verbracht hat. Dann wird einem klar, dass er jede Äußerung auf die gleiche präzise Weise hervorbringt, egal ob es um ein altes Problem geht oder um Erzählungen beim Rundgang durch das Genetiklabor, in dem er arbeitet.
De Grey ist sich durchaus über das Ausmaß der Anstrengungen im Klaren, die für sein Ziel nötig sind. Doch er lässt sich nicht von meinem Einwand erschüttern, dass sein Optimismus einfach der Tatsache geschuldet sein könnte, dass er niemals selbst als Biowissenschaftler gearbeitet hat, und dass er dadurch vielleicht weder die natürliche Komplexität biologischer Systeme begreift, noch die möglichen Konsequenzen in vollem Umfang bedenkt, die sein Herumbasteln an einzelnen Teilen bewirken könnte.
Die Methodik von Ingenieuren auf die Biologie zu übertragen, darin sieht De Grey seinen wichtigsten konzeptionellen Beitrag bei der Lösung des Problems des Alterns. Doch anders als Ingenieure betrachten Biologen physiologische Vorgänge nicht als Einzelphänomene, die keinen Einfluss aufeinander haben. Jeder von de Greys Eingriffen wird sehr wahrscheinlich zu unvorhersehbaren und unberechenbaren Reaktionen in der Biochemie und der Physik der behandelten Zellen führen, ganz zu schweigen von ihrer extrazellulären Umgebung, dem Gewebe und den Organen, zu denen sie gehören. In biologischen Systemen ist alles miteinander verwoben, alles wird von allem anderen beeinflusst. Zwar studieren wir isolierte Phänomene, um Komplikationen zu vermeiden, doch diese Vereinfachung rächt sich, sobald aus "in-vitro” "in-vivo” wird. Gefahren lauern an jeder Ecke: hier ein paar verlängerte Telomere, dort ein wenig genetisches Material von einem Bodenbakterium, eine handvoll Stammzellen -- und im nächsten Augenblick fliegt dir alles um die Ohren.
Auf diese Sorge antwortete de Grey auf die gleiche Weise wie auf so vieles andere, sei es die drohende Überbevölkerung, die Auswirkung auf Familien- oder Gesellschaftsstrukturen oder die nötigen Arbeitsplätze für die quicklebendigen Tausendjährigen: Mit diesen Problemen werden wir uns beschäftigen, wenn sie akut sind. Wir werden uns anpassen, ob es nun um drohendes Chaos innerhalb von Zellen geht, oder um wirtschaftliche Zwänge. Seiner Meinung nach kann jedes Problem gemildert und gelöst werden, wenn es erst einmal erkannt ist.
De Grey hat interessante Ansichten über die menschliche Natur. Das Streben nach ewigem Leben ungeachtet der Konsequenzen ist für ihn ein grundlegender Zug der Menschheit -- der Wunsch nach Kindern dagegen nicht. Als ich widersprach und auf die beiden prägendsten Instinkte aller lebenden Organismen -- zu überleben und die eigenen Gene weiterzugeben -- hinwies, machte er von dem einen guten Gebrauch, leugnete aber den anderen. Seine Argumentation stützte er mit der Beobachtung, dass viele Menschen -- wie Adelaide und er -- sich gegen eigene Kinder entscheiden. Nicht ohne einen Hauch von Gereiztheit und einigem aufgeregten Gestikulieren antwortete de Grey:
Nach Ihrem Grundsatz haben wir alle den fundamentalen Drang, uns fortzupflanzen. Gewollte Kinderlosigkeit wird aber immer häufiger. Der Zwang zur Fortpflanzung ist eigentlich nicht so tief verwurzelt, wie uns Psychologen gerne glauben machen. Es mag sich einfach um eine Gewohnheit handeln, um eine Tradition. Meiner Ansicht nach beruht ein Großteil davon auf Indoktrination ... Ich würde jungen Mädchen keine Puppen zum Spielen geben, denn das könnte ihren Drank zur Mutterschaft verstärken.