"Star Trek: Strange New Worlds": Niemand will singende Klingonen
Seite 2: Ist Star Trek eher "Oppenheimer" oder "Barbie"?
Die zweite Staffel Strange New Worlds versucht, viel zu viel auf einmal zu machen. Man will klassisches Star Trek machen, aber auch super modern aussehen. Man will, dass jeder mal ein Captain's Log aufnehmen darf, nur nicht der Captain, weil der ist ja ein alter weißer Mann. Und man will dass Spock gleichzeitig überbordende Emotionen hat, aber dann auch wieder der alte Spock ist. Die Produzenten übersehen dabei viel zu oft, dass nicht jede Serie alles für alle sein muss. Eine Serie für wissenschaftsvernarrte Nerds ist nun mal nicht Mainstream-tauglich. Man kann entweder modern sein, oder Folgen machen, die den Geschichten aus den 60er-Jahren treu bleiben. Beides ist unmöglich. Und Strange New Worlds scheint angetreten, genau das zu beweisen. Manche Ideen sind so schlecht, dass man sie als Produzent per Veto verbieten sollte. Folgen 7 und 9 der zweiten Staffel sind da gute Beispiele.
Folge 7 ist ein Cross-Over mit der Comic-Serie Lower Decks. Sie fängt buchstäblich als Lower-Decks-Folge an, inklusive entsprechender Zeichentrick-Optik. Die beiden Hauptfiguren aus Lower Decks landen auf Pikes Enterprise, verkörpert von den Schauspielern, die diesen Figuren sonst nur ihre Stimme leihen – was man ihren schauspielerischen Leistungen auch anmerkt. Das Ganze ist ein Desaster. Die Folge wirkt, als hätte man zwei Trekkie-Superfans aufs Set eingeladen, sie in dumme Uniformen gesteckt und ihnen gesagt, sie sollten sich in der Serie selbst spielen. Was dabei herauskommt, erinnert an die Star-Trek-Parodie "Galaxy Quest", nur dass es eben keine Parodie ist. Ich glaube, die Produzenten meinen das wirklich Ernst. Von eklatanten Plot-Löchern wie der Existenz der Temporalen Ersten Direktive im Jahr 2380 mal ganz abgesehen, ist die Folge einfach albern.
(Bild:Â CBS / Paramount+)
Noch alberner wird es in Folge 9, in der Strange New Worlds zum Musical mutiert. Hier wird allen ernstes (sehr schlecht) pseudo-wissenschaftlich versucht zu erklären, warum die Schauspieler in dieser Folge alle fünf Minuten singen und tanzen. Hätte man bloß eine Musical-Folge gemacht, wäre das einfach nur schlecht geworden. Dieser armselige Versuch, den schlechten Gesang, die miserablen Song-Texte und das drittklassige Drehbuch mit der Logik des Star-Trek-Universums zu erklären, macht diese Folge mit Abstand zur schlechtesten Star-Trek-Folge aller Zeiten. Diese Folge lässt Beverly Crushers legendär-schlechtes Gruselschloss-Abenteuer in "Sub Rosa" im Vergleich wie ein Klassiker der Weltliteratur erscheinen. Kein Wunder, dass fast jedes Lied im SNW-Musical mit "Entschuldigung" beginnt. Da wusste dann wohl mindestens einer im Drehbuch-Team, wie schlecht diese Folge wird. Was aber dem Fass die Krone ins Gesicht schlägt ist, als Nummer Eins erst scherzhaft "niemand will singende Klingonen" sagt und dann am Ende wirklich singende Klingonen auftauchen. Das will wirklich niemand. Wer nach fast 60 Jahren Star Trek immer noch nicht kapiert hat, dass Star Trek eher "Oppenheimer" als "Barbie" ist, hat als Drehbuchschreiber oder Produzent den Beruf verfehlt.
Gebt mir William Shatner und Ricardo Montalbán zurück!
Die Original-Serie war auch manchmal lächerlich. Aber das ergibt sich daraus, wenn man die Folgen Jahrzehnte nach ihrer Erstveröffentlichung sieht. Und es ergibt sich aus den sehr realen Einschränkungen des Budgets und der politischen Ansichten des damaligen Senders NBC. Strange New Worlds hat keine dieser Entschuldigungen. Die Serie sieht großartig aus, jede Folge kostet Unmengen und Kurtzman und Goldsman haben, wenn überhaupt, zu viel Freiheiten bei den Drehbüchern. Strange New Worlds wird von den kreativen Köpfen bei CBS absichtlich ins Lächerliche gezogen. Indem gute Geschichten in intellektuell fragwürdigem politischen Zeitgeist versumpfen, indem gute Schauspieler Texte aufsagen müssen, die von Stümpern verfasst wurden, die den Unterschied zwischen "algorithmisch" und "exponentiell" oder "taktisch" und "strategisch" nicht kennen. Oder indem man alberne Cross-Over und Musical-Folgen macht, die kein leidenschaftlicher Trekkie je ernst nehmen kann. Da sind mir Pappkulissen, die fast umfallen, wenn ein Stuntman dagegen geworfen wird, und Over-Acting à la Shatner und Ricardo Montalbán tausendmal lieber.
Die Abenteuer von Kirk und Spock waren so gut geschrieben – und trotz aller technischen und Budget-Beschränkungen so gut verfilmt – dass sie fast sechzig Jahre später noch herhalten müssen, die Verfehlungen von Strange New Worlds zu rechtfertigen. Wohingegen diese Serie so wenig eigene Ideen und gute Momente hat, dass man schon sechzig Sekunden nach Ende der letzten Folge versucht, das alles möglichst schnell zu vergessen.
Die zweite Staffel von SNW endet ĂĽbrigens mit einem Cliffhanger. Wieso das so ist, werde ich wohl nie verstehen. Wie soll ein Cliffhanger funktionieren, der Figuren in Gefahr versetzt, von denen wir fast durchweg wissen, dass sie eh ĂĽberleben? Jedenfalls die wichtigen: Pike, Spock, Nurse Chapel, Uhura, M'Benga, Kirk und Scotty (ja, Scotty ist jetzt auch dabei, ergibt ja auch Sinn, die anderen Chef-Ingenieure der Serie sind schlieĂźlich so charismatisch wie ein alter Schuh) wird nichts passieren, sie tauchen ja schlieĂźlich in TOS wieder auf.
Ungewisse Zukunft
Wann dieser dilettantische Cliffhanger aufgelöst wird, ist allerdings momentan nicht sicher. Die dritte Staffel von Strange New Worlds wurde wegen des aktuellen Streiks der Hollywood-Drehbuchschreiber-Gewerkschaft SAG-AFTRA auf unbestimmte Zeit verschoben. Wobei man sich angesichts der Qualität der Drehbücher dieser Serie schon fragen muss, ob die Beteiligten Schreiberlinge wirklich mehr Bezahlung verdient haben.
Das Ganze ist wirklich zum Weinen. Diese Star-Trek-Serie hätte herausragend werden können. Viel spricht dafür: Teure Spezialeffekte, hochkarätige Schauspieler, gute Regie, kompetenter Schnitt und die eine oder andere gute Idee. Nur die Produzenten und Drehbuchschreiber machen alles kaputt. Mit singenden Klingonen. Niemand will singende Klingonen!
Alle 10 Folgen der zweiten Staffel von Strange New Worlds gibt es in Deutschland exklusiv bei Paramount+. Aber sagen Sie nachher nicht, wir hätten sie nicht vor den singenden Klingonen gewarnt.
(fab)