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Was war. Was wird.

Ein einzig Volk von Brüdern? Ach, das muss nicht sein, da feiern wir doch lieber die Sommerlöcher, wie wir in sie fallen, meint Hal Faber. Glücklich sind in denen nicht nur die Blogger.

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Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Willkommen in meinem kleinen Sommerloch. Hereinspaziert, hereinspaziert. Hier ist es warm und gemütlich, das Fett spritzt hier nicht vom Grill, denn die Sommer-Pizza ist geordert. Dafür sind die Getränke passender Weise pi^H^Hlauwarm, die Nachrichten ebenfalls. Die ständig merkelnde CDU hat das geniale deutsche Mautsystem entdeckt und will es für die PKW-Verfolgung benutzen. Doch nicht nur das, auch die Rechtschreibreform, dieser alte Sack, wurde an die Luft gezerrt und wird im Sommerloch fleißigst mit einem Stopp-Zeichen geprügelt. Und so lesen wir, dass Ministerpräsident Wulff die deutsche Sprache nicht beherrscht, deren Schrift er beeinflussen möchte. "Wir sollten darum jetzt die Reset-Taste drücken und an den Anfang zurückkehren", bootete Wulff in den Medien. Ja, wenn es eine solche Reset-Taste gibt, dann kommt die Hoffnung auf, dass eine Lösch-Taste auch machbar ist. Schließlich freuen wir uns auf das Backup, mit dem der Stand der deutschen Sprache vor 200 Jahren aufgespielt wird.

*** Doch was ist das Löschen des Arbeitsspeichers gegen das Zumüllen desselbigen, können wir mit Brecht fragen, wenn die überragenden Pläne der Vertrauen einflößenden Firmen IBM, SAP zum deutschen Generalschlüssel gefeiert werden, der uns mindestens 1 Milliarde Euro "Entlastung" im Jahr beschert. Groß ist die Freude, dass unsere Krankenkassen den Traumschlüssel mitfinanzieren und nur noch über die Formalitäten gegrübelt wird, wie 300 bis 600 Millionen Euro möglichst gesundheitsfördernd eingezogen werden können.

*** Mein Sommerloch ist kein Schlammloch. Was im letzten WWWW über die Ausfälle bei Tour de France geschrieben wurde, dürfte ich heute nicht mehr behaupten, da wundersamerweise alle Fotos von den Judas-Bettlaken verschwunden sind, genau wie die Dokumentation der Strafaktion von Lance Armstrong gegen Filippo Simeoni. Jetzt liegt ein verklärender Blick auf der Tour -- die das Geschehen tragenden Sponsoren haben ohnehin ihre eigenen Probleme. Während CSC einen fetten Fisch an der Angel hat, wurde T-Com kalt erwischt. In Sommerlochspeak textete die Süddeutsche "Hacker knacken Kundenportal der T-Com", wo es sich viel eher um eine Langzeitbeobachtung am siechenden Objekt gehandelt hat, die nicht einmal abgeschlossen ist.

*** Im Sommerloch herrscht Nachrichtenflaute, weil dann die Computerjournalisten von den Ferien feiernden PR-Agenturen nicht optimal bestochen werden. Da bauscht man gerne gemeinhin belanglose Sachen auf. Nicht umsonst wird im Sommer der Administrator gefeiert, der den Leuten 364 Tage im Jahr den Buckel runterrutschen kann und dafür gehasst wird, dass er die Lebenszeit der Passworte beschränkt. Dann wird die Meldung wichtig, wie groß der Flicken für ein sichereres Windows ist und was für ein guter Papa der Chefarchitekt dieses Systems ist. Zu melden gibt es dann auch den Barbiemixertag, der unter dem wohlfeilen Gerede von der Freiheit der Kunst von Personen durchgeführt wird, die nichts als Blondinen, Eiswürfel und Drinks im Kopf haben. Selbst der flugs von Gerichts wegen abgesetzte deutsche Juniorprofessor wird mit seiner Schuppenflechte im Intimbereich zur interessanten Nachricht, selbst der deutsche Regen wird zum Ereignis, wenn der Junior-Dichter Droste wiglaft:
War der Staatsfeind radikal,
Wurde er im Herbst erschossen.
Lebt er heute brav legal,
Wird er sommers kalt begossen.
Dieses ist kein Land zum Leben,
Sondern ein zerrüttetes.
Deutschland hat nur dies zu geben:
Schießt es nicht, dann schüttet es.

*** Ja, staatsverdrossene WWWW-Feinde, genüsslich kann man aus dem Sommerloch heraus das jubilierende Treiben der Nachbarn verfolgen. In dem überaus einsichtigen Lustdorf Schweiz begeht man heute den Nationalfeiertag als Schlaf der Selbstgerechten und das ausgerechnet mit einer Aufführung aus Weimar. In China fällt bei den Feierlichkeiten zum Tag der Volksbefreiungsarmee der obligate Sack Reis um. Und während in Deutschland die Sadomaso-Szene austrocknet und schwarze Dessous auf Halbmast gehen, feiert Frankreich offiziell den 10. Jahrestag des Coming-Out der Geschichte der O.

*** Ach ja, diese Jahrestage : Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern? In der Tradition der Nazis, die ihren teutschen Nationaldichter Schiller hochhielten, war ihnen Goethe bei aller Mephistopheles-Seligkeit eines Gründgens doch etwas suspekt, reklamieren auch die Neonazis dieses unseres Landes ihren Schiller für sich. Und man findet in Schillers Texten wenig, das es ihnen unmöglich machte. Nicht nur die allgegenwärtige Quälerei mit der festgemauerten Form, die in der Erden steht, und dem Dolch, mit dem im Gewande einer zum Tyrannen schlich, der dann doch das Männerbündnis begründete, verleiden einem den Dichter, dessen Tell die Nazis 1941 kurz vor dem Überfall aus Russland aus dem Aufführungsplan der Theater und dem Lehrplan der Schulen nahmen -- nicht etwa, weil das Stück sich nicht als Nationaldrama einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft eignete. War doch Tell anfangs noch eine Symbolfigur als Kämpfer gegen angebliche Tyrannen, die das "System" Weimarer Republik regierten, fast schon ein literarischer Schlageter, Tell also der die Volksgemeinschaft begründende Kampfgenosse Hitlers. Später jedoch überwog offensichtlich die Tyrannenmord-Angst Hitlers, der auf dem NSDAP-Reichsparteitag noch Tell bemühte und die Deutschen aufforderte, "wirklich ein Volk von Brüdern sein, das durch keine Not und keine Gefahr mehr getrennt werden kann". Dem Mutigen hilft Gott? Manchmal ist er eher von allen guten Geistern verlassen.

*** Nun ist es aber nicht so, dass Deutschland heute jubiläumslos ist. Zu denken wäre an den Warschauer Aufstand vor 60 Jahren, doch ist die Debatte über Schröders Kniefall nur noch peinlich. Ja, früher, da hassten wir inständig Willy Brandt, den Kanzler der Berufsverbote, doch zollten wir Achtung vor seinem Kniefall. Im wirklich wunderbaren deutschen Museum zur Computergeschichte zu Paderborn hing einstmals ein großes Foto dieses Kniefalls, bis es auf Betreiben der CDU von jenem Foto überdeckt wurde, auf dem sich Helmut Kohl und Mitterand bei Verdun die Hände halten. Womit ich schließlich und endlich bei dem Thema bin, das landauf, landab die Presse beschäftigt. Statt einfach 10 Jahre zu warten, wird schwer über den Ausbruch des 1. Weltkrieges räsonniert, der das Jahrhundert der Katastrophen einleitete und überhaupt erst schuf. Die korrekte Darstellung befindet sich übrigens hier:
They got guns,
We got guns,
All God's chillun got guns.
Die Löcher, in denen dann in diesem Krieg krepiert wurde, wurden von Stahlgewittern besonnt. Und, wenn es noch ein bisserl mehr sein darf der richtig reimenden Verse, so kommentiere ich mit einem Autor, dessen 30. Todestag vom Feuilleton fast unkommentiert abgehakt wurde und der 1928 schrieb:
Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?
Da liegen wir den toten Mund voll Dreck.
Und es kam anders als wir sterbend dachten.
Wir starben. Doch wir starben ohne Zweck.
Ihr laßt euch morgen, wie wir gestern, schlachten.

*** Derweil sind meine aktuellen Lieblings-Idioten, die Blogger, glücklich. Ihnen hat der amerikanische Präsidenschaftsanwärter John F. Kerry die lang erwartete Rede geliefert, die sie alle zusammen und jeder für sich ins Internet übertragen durften. Mit "Ich bin John Kerry und melde mich zum Dienst" tritt ein Kämpfer an. Jaja, Amerika ist gerüstet. Seinen größten Verräter hat es gerade verloren.

*** Apropos verloren: In Anbetracht der herrschenden Unkultur der Medien ist die Organisationsanalyse bürgerlicher Öffentlichkeit wahrscheinlich gerade einmal eine SMS wert. Es gibt nicht viel in Hannover zu loben, aber wenn, dann sind es die Lebenslänglichen, die dort gewirkt haben. Mit Oskar Negt feiert ein Mensch seinen 70. Geburtstag, der in der c't die Würde der menschlichen Arbeit feierte. "Der Mensch als Prothesen-Gott ist nicht glücklich"? Genau. Wir gratulieren.

Was wird.

Uh, oh, ich sollte doch, ob Sommerloch oder nicht, den Computerthemen den Vorrang geben. Wie wäre es mit der Nachricht, dass ab morgen mit Unterstützung von Red Hat der Linux-Desktop in Lingala verfügbar ist? Oder wie wäre es mit dem Gegenstück über die SCO Group, die heute (amerikanischer Ortszeit) ihre Hausmesse in Las Vegas eröffnet und 25 Jahre Unix-Lösungen, sowie die Power of Unix mit vroom, vroom, ja genau, mit Rob Enderle feiert?

Also nee, da will ich lieber in meinem Sommerloch stehen bleiben. Da drinnen läuft schließlich der heiseste Wettbewerb des Jahres rund um Woodstock, das am 15. August jubiliert. War Woodstock legendär? Momentan liegt Richie Havens mit Freedom und verschiedenen Linux-Variationen plus Windows XP in Führung, aber kann es sein, dass eine olle Klampfe über die Stromgitarren von Hendrix und Santana siegt, die das Herz tragen, die Tür öffnen und den Himmel bewohnbar machen.... Ach nein, hatte ich schon geschrieben, dass dieser Song in meinem Lieblings-Gitarrenladen verboten ist? Na, dann schmort mal alle schön weiter in euren Sommerlöchern. (Hal Faber) / (jk)