Corona: BioNTech, der SARS-CoV-2-Virus, die Impfstoffe und die Impflandschaft

Seite 3: Virale Vektoren

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Ebenfalls weit entwickelt sind zahlreiche nichtreplizierende Virale Vektor-Impfstoffe (VVnr). Bei denen verwendet man gut bekannte Trägerviren, die genetisch so verändert werden, dass sie sich zum einen nicht in den Wirtszellen vermehren können (also nicht replizierend sind), keine Schadwirkung hervorrufen und eingeschleustes Genmaterial enthalten, das für die Erzeugung von Antigenen sorgt. Die beliebtesten Trägerviren sind die Adenoviren, vergleichsweise harmlose DNA-Viren, die zumeist nur mildere Erkältungssymptome auslösen, manchmal aber auch Lungenentzündung. 19 Arten mit 51 Stämmen (Serotypen) dieser im Jahre 1953 entdeckten Viren sind bekannt.

Seit 2001 sind hierzulande die Adenoviren-Erkrankungen meldepflichtig. Lediglich 52 bis 560 Meldungen gibt es seitdem pro Jahr in Deutschland, aber da die Symptome häufig recht milde sind, dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen.

Darin liegt ein mögliches Problem für die Wirkung dieser Impfstoffe, denn wenn der Wirt bereits Antikörper gegen Adenoviren besitzt, könnten Killerzellen den Impfstoff auffressen, bevor der dazu kommt, seine eigentliche Immunisierungsaufgabe zu erfüllen. Um das möglichst zu vermeiden, weicht man auf selten auftretende Serotypen aus, insbesondere auf die Serotypen 26 und 5. Genau das sind die beiden, auf die einer der bekanntesten Impfstoffe dieser Gattung spezialisiert ist, der russische Sputnik V. Der hat sich einen schlechten Ruf erarbeitet, nicht etwa, weil er schlecht ist, sondern weil er vorzeitig noch vor der Phase 3 schon zugelassen und gespritzt wurde. Seine Effizienz wird vom Gamaleya Institut jetzt nach vorläufiger Auswertung einer Blindstudie von 22.000 Probanden mit 91,4 Prozent angegeben.

Ebenfalls gut bekannt und kurz vor dem Impfstart steht der Adeno-Impfstoff Azd1222 der schwedischen Firma AstraZeneka, der in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford entwickelt wurde. Der verwendet keine menschlichen Adenoviren, sondern eine modifizierte Version von Adenoviren von Schimpansen. ChAdOx1, so der Name des Virus, steht für Chimpanse Adeno Oxford 1. Der Impfstoff hat bereits mehrere größere Studien durchlaufen, darunter die Sicherheitsstudie mit rund 75.000 Personen-Monaten.

Für die Effizienzmessung wurden 12.000 Probanden mit Placebos versehen, etwa genauso viel (4088 in Brasilien und 7548 in Großbritannien) wurden tatsächlich geimpft. Nach ernsten Erkrankungen von Teilnehmern musste man die Erprobung im September unterbrechen, sie wurde dann aber Ende Oktober wieder aufgenommen. Die Effizienz war je nach Dosierung überraschend unterschiedlich, die eine Gruppe bekam in 21 Tagen Abstand zweimal die volle Dosis gespritzt: Effizienz 62,1 Prozent, bei der anderen ging's mit einer halben los, dann erst folgte die volle: 90 Prozent.

Daraus den Mittelwert von etwa 70% zu bilden, entspricht wohl den Zulassungsregularien, ist angesichts der unterschiedlichen Dosierungen aber nicht besonders zielführend. Derzeit laufen weitere große Erprobungsläufe in den USA, UK, Brasilien und Südafrika, mit denen man die Dosierung noch weiter optimieren kann. Die Zulassung in Großbritannien erwartet man quasi täglich, die Niederlande wollen gleich Anfang Januar mit dem Impfen mit AZD1222 beginnen, auch ohne EMA-Zustimmung. Für Großbritannien ist auch eine Challenge-Studie vorgesehen.

Mit dem russischen Gamaleya Institut strebt AstraZeneka eine Kooperation an, um mit Mischungen beider Impfstoffe noch bessere Ergebnisse zu erzielen (sogenanntes heterogenes Boosting).

Mit dem Ad26Cov2.5 hat auch das Janssen Pharmaceutical Research Team in Belgien zusammen mit dem Beth Israel Deaconess Medical Center sowie Johnson and Johnson einen erfolgsversprechenden Ad26-Kandidaten im Rennen. Der Phase-3-Test wurde jetzt erst einmal auf 40.000 Probanden verkürzt, was für das Rolling-Review-Verfahren der EMA ausreichend ist. Neben AstraZeneka ist das der zweite Virale-Vektor-Kandidat, der vermutlich im Januar die Zulassung bekommt. Jannsson bietet zusätzlich als Boost auch einen anderen Viralen Vektor an: einen modifizierten Vacciniavirus Ankara: MVA.

Denn es gibts auch andere Viren als "Trägermaterial" für eingeschleusten Antigen-Code. So hat die Ludwig-Maximilian-Universität in München in Zusammenarbeit mit der Uni Marburg und dem UKE in Hamburg schon über 30 Jahre Erfahrung mit modifizierten Pockenviren (MVA). Die klinische Erprobung im Rahmen von Phase 1/2 liegt jetzt in den Händen der bekannten deutschen Virologin Marilyn Addo am UKE in Hamburg, zunächst startend mit 30 Probanden.

All die bislang erwähnten Vektor-Viren sind nicht replizierend (VVnr), aber es gibt auch replizierende. Zwei davon sind in Phase 1 und 2, einer auf Basis von Masern- (Merck, Pasteur-Institut, Pittsburg University) und einer mit Grippe-Viren (Vivaldi Biosciences, Jiangsu Provincial Center for Disease Prevention and Control).

Letzterer Impfstoff namens Delta 19 wird per Nasenspray appliziert. Sein Clou ist, dass er gleich doppelt wirken soll: gegen SARS-CoV-2 und gegen alle Arten von Grippe, eine Art virologische eierlegende Wollmilchsau. Patente sind eingereicht, jetzt muss man die Studienergebnisse abwarten.

Das chinesische Shenzhen Geno-Immune Medical Institute experimentiert auch mit Lenti-Viren (sowohl replizierend als auch nicht replizierend) im Zusammenspiel mit sogenannten Antigenpräsentierenden Zellen (APC). Da befindet sich aber noch nichts in Phase 3.

Bei den Protein-Untereinheiten sind nicht unbedingt Hochsicherheits-Virenlabore nötig, da können dann auch kleinere Labore mitmischen. Und so findet man hier auch die größte Anzahl an Kandidaten. Man experimentiert dabei mit labortechnisch synthetisierten Teilen von Antigenen und testet, wie gut diese das Immunsystem zur nachhaltigen Bildung von Antikörpern veranlassen.

Proteine, die von gentechnisch veränderten Organismen stammen, nennt man auch "rekombinante Proteine". Manche erzeugen sogar ganze virusartige Partikel (VLPs). Das sind so kleine potemkinsche Dörfer, die von außen genauso wie ein SARS-CoV-2-Virus aussehen, aber gar keine Nukleinsäuren enthalten. In Phase 2/3 befindet sich so eine leere Hülle von der kanadischen Firma Medicago Inc. mit erst einmal 180 Probanden. (as)