Grenzen ĂĽberwinden: High-End-Fotografie
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Automatik gesucht
Die manuell ziemlich umständliche Technik, HDR-Bilder mittels Belichtungsserien zu erzeugen, ließe sich deutlich vereinfachen, wenn die Kamerahersteller gleich entsprechende Funktionen einbauten – was in den meisten Fällen nur ein Firmware-Update erfordern würde. Die Belichtungsreihenfunktion müsste gröber abgestuft sein (2 EV statt bisher 1/3 bis 1/2 EV), bei Spiegelreflexkameras (SLRs) sind das Zurückklappen des Spiegels und ein erneuter Autofokus zwischen den Aufnahmen verzichtbar.
Möglicherweise wird HDR aber eher etwas abgespeckt, dafür automatisiert in die Kameras Einzug halten: mit ein oder zwei direkt im Anschluss an die eigentliche Aufnahme, aber mit einem Bruchteil der Belichtungszeit belichteten Fotos. Es führt kaum zu zusätzlichen Bewegungsunschärfen, wenn direkt nach einer Aufnahme mit beispielsweise 1/60 sec Belichtungszeit ein oder zwei weitere Aufnahmen mit je einem Viertel der Belichtungszeit folgen. Voraussetzung dafür ist ein „elektronischer Verschluss“, über den die meisten gebräuchlichen CCD- und CMOS-Sensoren verfügen, selbst dann, wenn (wie in SLRs) ein mechanischer Verschluss nach wie vor vorhanden ist.
Die Aufnahmen können noch in der Kamera zu einem Bild mit richtig belichteten Tiefen und Lichtern kombiniert werden. Die Firma BrightSide hat nach Firmeninformationen derartige Techniken entwickelt, die sich in existierende Digitalkameras integrieren lassen. Bis solche Entwicklungen auf den Markt kommen, ist aber nach wie vor Handarbeit gefragt. Überhaupt hat die digitale Revolution der Fotografie zwar viele neue kreative Möglichkeiten geschenkt, die Fotografen jedoch auch zu Computerlaboranten gemacht. Rauschen, Objektivverzerrungen, chromatische Aberration, stürzende Linien, rote Augen und teilweise falsche Belichtung lassen sich heute selbst von Laien „mit ein paar Handgriffen“ korrigieren.
Wer so nicht nur ein paar dutzend Urlaubsfotos optimiert, sondern wöchentlich hunderte, wird daran bald verzweifeln. Hinzu kommt, dass es für all das meist mehrere Möglichkeiten gibt, sowie eine Unzahl von Insidertricks. Natürlich lassen sich die meisten dieser Fehler heutzutage automatisch korrigieren, dank EXIF-Daten sogar mit den exakten, zu Kamera, ISO-Empfindlichkeit, Belichtungszeit, Brennweite und Objektivcharakteristik passenden Korrektureinstellungen. Wozu man allerdings zusätzliche Programme wie DxO Optics, PTLens oder NoiseNinja benötigt. Diese arbeiten mit selbst ausgemessenen oder vom Hersteller mitgelieferten Profilen. Es gibt Farbprofile, Rauschprofile, Kameraprofile, Objektivprofile – eine Unmenge von Daten, die keinen anderen Zweck haben, als technische Mängel zu beschreiben, sodass sie per Software behoben werden können.
Dass so etwas überhaupt möglich ist, ist ein großer Fortschritt. Nur sind wir erst auf halbem Wege. Standardisiert sind lediglich Farbprofile, die Farbkorrektur erfolgt auf Betriebssystemebene. Alle anderen Profile und Techniken sind proprietär. Und eigentlich gehören alle diese Korrekturen gar nicht in die Hände von Fotograf und Computersoftware, sondern direkt in die Kamera. Wo sie in absehbarer Zeit – wenn die Kameraelektroniken noch etwas leistungsfähiger geworden sind – auch landen werden. Schließlich wissen die Hersteller am besten um die Schwächen ihrer Sensoren, können diese also am besten korrigieren, und optische Mängel der Objektive gleicht man idealerweise am Ort ihrer Entstehung aus.
Bildbearbeitungsprogramme können von solchen Korrekturfunktionen entlastet werden und wieder mehr dem kreativen Umgang mit dem Bildmaterial dienen.Die Arbeit mit Raw-Dateien stellt eine Zwischenlösung dieser Aufgabe dar, weist aber auf eine andere, hier bereits Wirklichkeit gewordene Tendenz hin: Die zerstörungsfreie Bildbearbeitung unter Erhalt des Originals. Programme wie Lightroom und (das nur für Mac OS verfügbare) Aperture verbinden Raw-Konvertierung mit „schwebend“ angewandten Kontrast-Helligkeits- und Farbkorrekturen sowie ausgefeilten Verwaltungsfunktionen.
Was hier bisher noch fehlt, sind Korrekturen von Linsenverzerrungen und die Perspektivkorrektur. Alle Korrekturen werden als XMLSidecar-Dateien gespeichert, live in die Bildvorschau eingerechnet und erst dann auf die Bildpixel angewendet, wenn das Bild als TIFF oder JPEG exportiert wird – was aber für viele Zwecke gar nicht mehr nötig ist. Besser noch als das Anlegen und Mitschleppen von Sidecare-Dateien ist die Einbettung solcher Korrekturschritte in die Bilddatei selbst, was mit Adobes DNG-Format verwirklicht, aber auch in anderen Formaten prinzipiell möglich ist.