IBM-Mainframe: Should I Stay or Should I Go?

Seite 2: Maßgeschneiderte Anwendungen ablösen

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Was macht es so schwer, den Mainframe durch andere Plattformen zu ersetzen?

Vor allem zwei Gründe: Erstens die schiere Menge und enorme Komplexität bestens bewährter COBOL- und PL/I-Anwendungs-Programme, auch wenn es für die Migration inzwischen auf dem Markt erprobte Lösungen gibt. Hinzu kommt zweitens sicherlich in vielen Fällen auch eine fehlende Mainframe-Strategie – stay or leave.

Reichen denn die Stärken des Mainframe und die Schwierigkeiten bei seiner Ablösung aus, um eine strategische Ausrichtung der Unternehmens-IT auf den Mainframe kaufmännisch und technisch zu rechtfertigen?

Aus meiner Sicht hat es weniger mit den Stärken beziehungsweise den Schwierigkeiten bei der Ablösung zu tun, als mit einer oftmals fehlenden Strategie für die Gestaltung der Enterprise-IT-Architektur. Und natürlich muss vor einer potenziellen Mainframe-Ablösung das komplexe Thema „Total Cost of Ownership“ (TCO) bewertet werden. Es ist ein gravierender Fehler, diese strategische Frage ausschließlich mit Blick auf die „Total Cost of Acquisition“ (TCA) zu beantworten. Alle anderen Themen sind aus meiner Sicht nachgelagert.

Was spricht dafür, dass Mainframes im Jahr 2030 noch eine valide Plattform-Alternative sind?

Sicherlich zum einen die bisweilen lange Migrationsdauer auf eine alternative Plattform. Auf der anderen Seite platziert IBM den Mainframe zunehmend als sehr sicheres Cloud-Backend mit moderner Technik „on Board“, zum Beispiel den erwähnten Telum-Prozessor.

Bei entsprechender Top-Management-Strategie verbleibt der Mainframe in der Enterprise-Architektur, aber in geänderter Funktion. Die Legacy-Anwendungen auf dem Mainframe werden nur noch angepasst, neue Anwendungen werden in aktuellen Sprachen auf anderen Plattformen oder der Cloud betrieben. Aber auch „Mainframe-as-a-Service“ aus der Cloud ist ein denkbarer Weg.

Mainframe-Anwendungen sind also oft über Jahrzehnte auf das Unternehmen „maßgeschneidert“ worden und in der Praxis bestens bewährt. Warum kann man sie nicht einfach durch moderne Standardsoftware wie SAP ablösen?

Klar, sowohl die Mainframe-Anwendungen als auch die entsprechende Anwendungs-Architektur wurden Unternehmens-spezifisch erstellt, sind also weit entfernt von dem Standardsoftware-Ansatz. Sowohl alten Anwendungssprachen als auch der massive Maßschneiderungs-Ansatz lassen sich, jedenfalls bei kaufmännischer Software, über Standardsoftware wie SAP auf anderen Plattformen ablösen. Der Aufwand und die Kosten für die erforderlichen Anpassungen der Standardsoftware auf die jeweiligen sehr spezifischen Anforderungen werden dann allerdings oftmals zum massiven Kostentreiber.