Notfall-Robotik: Wenn die Brennelemente im Kernreaktor zerbrechen, schlägt die Stunde der Roboter
Seite 2: Interview mit Michael Gustmann, Betriebsleiter der KHG
Leiter der Jury, die die Leistungen der Roboter bei Enrich beurteilen soll, ist Michael Gustmann. Als Betriebsleiter der Kerntechnischen Hilfsdienst-Gesellschaft (KHG) in Deutschland kennt er sich mit der Problematik von Robotereinsätzen in Kernkraftwerken gut aus: Die KHG ist die Hilfsorganisation für Störfälle in deutschen kerntechnischen Anlagen. Dazu gehören Kernkraftwerke, in Betrieb oder Rückbau, ebenso wie Lagerstätten und Forschungseinrichtungen. Wir haben mit ihm über die Herausforderung des Einsatzes von Robotern in verstrahlten Umgebungen gesprochen.
(Bild:Â Hans-Arthur Marsiske)
heise online: Herr Gustmann, für die Nutzung der Kernenergie waren von vornherein technische Verfahren zur sicheren Handhabung von radioaktivem Material erforderlich. Insofern liegt hier eine wichtige Wurzel der modernen Robotik. Dennoch waren bei der Reaktorkatastrophe 2011 in Fukushima zunächst keine Roboter zur Stelle. Haben Sie eine Erklärung für diesen Widerspruch?
Gustmann: Es ist richtig, in Deutschland wurde in den 1960er-Jahren im damaligen Kernforschungszentrum in Karlsruhe Handhabungstechnik für den Einsatz in kerntechnischen Anlagen entwickelt, auch damals schon mit besonderem Augenmerk auf den Einsatz in einem Störfall. Man wollte technisches Gerät zur Verfügung haben, das anstelle von Menschen in Bereichen der Kraftwerke eingesetzt werden kann, die aufgrund erhöhter Ortsdosisleistungen nicht zugänglich sind.
Nun hat man natürlich im Lauf der Jahrzehnte zumindest in Deutschland ein wenig Übungserfahrungen sammeln können und hat "profitiert" von den Erfahrungen, die in anderen Ländern bei schweren Unfällen gemacht worden sind. So gab es 1986 in Tschernobyl die Situation, dass weltweit Fernhantierungstechnik angefordert wurde zur Unterstützung der sowjetischen Kräfte. Damals lieferte auch die KHG drei Manipulatorfahrzeuge, die mit durchwachsenem Erfolg dort eingesetzt wurden. Durchwachsen insofern, als der Erfolg von der genauen Einsatzumgebung und den tatsächlichen Dosisleistungswerten abhing.
Auf dem Dach des Reaktors in Tschernobyl zum Beispiel hat ein damals eingesetztes Gerät nur recht kurze Zeit überlebt, bis die Elektronik ausgefallen ist, während ein anderes KHG-Gerät für Inspektionsaufgaben die Einsätze durchgehalten hat und auch in der Zeit danach noch für Ausbildungszwecke verwendet wurde.
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heise online: Muss mit dem Ausfall der Geräte immer gerechnet werden, selbst wenn sie gegen die Strahlung gehärtet sind?
Gustmann: Der damalige Stand im Jahr 1986 war, dass kaum Geräte mit strahlungsresistenter Elektronik zur Verfügung standen. Bei Sensoren wie Kamerasystemen hat man zwar darauf geachtet, Röhrenkameras zu verwenden, die recht unempfindlich gegen Strahlung sind. Ansonsten gab es bei der Elektronik aber Komponenten, die bei diesen sehr hohen Strahlenfeldern in Tschernobyl versagt haben. Ähnlich war es dann 25 Jahre später in Fukushima. Dort hatte man zwar sicherlich schon Geräte zur Verfügung, die von der Strahlenresistenz her geeignet waren. Man hat nach der Katastrophe aber viele Inspektionen zur optischen und radiometrischen Aufklärung auch mit "Standardgeräten" aus militärischen Anwendungen gefahren und dabei viele Verluste verzeichnet.
heise online: War es nicht auch ein Problem, dass kaum Personal zur VerfĂĽgung stand, das sich sowohl mit der Bedienung der Roboter als auch mit der Reaktoranlage auskannte?
Gustmann: In Deutschland gibt es die gesetzliche Verpflichtung, dass die Betreiber kerntechnischer Anlagen Gerät und Personal für Störfälle vorhalten. Das umfasst eben am Beispiel der KHG auch das regelmäßige Training mit den Geräten an den Standorten kerntechnischer Anlagen. Ähnlich wird vorgegangen in Frankreich wie auch in vielen Bereichen der russischen Anlagen. Japan hatte sich nicht für diesen Weg der Vorsorge entschieden und hatte daher einen relativ geringen Gerätebestand und nur eine sehr kleine Zahl ausgebildeter Experten.