Die Woche: Ein Patent mit großer Zukunft

Ein Linux-Treiber für exFAT, Standard-Dateisystem für SDXC-Karten – das klingt nach einer guten Nachricht. Genaueres Hinsehen zeigt allerdings: exFAT ist alles andere als ein offener Standard.

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Auf den ersten Blick sieht es nach einer erfreulichen Meldung aus: Die finnische Softwarefirma Tuxera, langjährigen Linux-Nutzern vor allem wegen ihrer Arbeit an Treibern für das NTFS-Dateisystem (NTFS-3G) bekannt, meldet die Verfügbarkeit eines exFAT-Treibers für Android und Embedded Linux. Das von Microsoft geschaffene exFAT (extended FAT) wurde von Sandisk, dem Schöpfer des SD-Speicherkartenformats, zum Standarddateisystem des noch jungen Kartentyps SDXC gekürt.

SDXC selbst wird, dazu sind keine seherischen Kräfte nötig, ebenfalls Standards setzen: Nachdem andere Kartentypen wie der Memory Stick oder die xD Picture Card faktisch aus dem Rennen sind, werden zukünftige Fotokameras, Camcorder, Handys, Smartphones, Tablets, Netbooks, Notebooks und alle sonstigen Arten digitalen Equipments zur Speicherung von Nutzerdaten mittelfristig SDXC nutzen. Eine dank der Abwärtskompatibilität zur altgedienten SD-Karte und ihrer Nachfolgerin SDHC technisch unbedenkliche, mithin unausweichliche Entwicklung.

Kurzum: Fotos, Videos, Backups und alle anderen Daten privater wie geschäftlicher Herkunft dürften alsbald ganz selbstverständlich auf SDXC-Karten und damit auf exFAT gespeichert werden, wo sie dank der Tuxera-Treiber auch für linuxbasierte Geräte zugänglich sein. Gute Nachrichten also für alle Freunde des freien Betriebssystems.

Ein kleines Detail indes macht stutzig. Die Pressemeldung von Tuxera gibt keinerlei Hinweise auf die Lizenz der neuen Treiber; was im Rahmen eines kurzerhand durchgeführten Anrufs jedoch schnell zu klären war. Die Auskünfte des freundlichen Tuxera-Chefs sind eindeutig: Die exFAT-Treiber werden ausschließlich gegen Entgelt und keinesfalls unter einer freien Lizenz verfügbar sein.

Die mit Microsoft getroffenen Vereinbarungen erlauben zwar die Bereitstellung einer zeitlich begrenzten, kostenlosen Testversion der Treiber, aber wo exFAT dauerhaft genutzt werden soll, muss Geld fließen – sei es durch den Hersteller des Gerätes beziehungsweise des Betriebssystems oder durch den Endanwender. Rund 25 US-Dollar wird die Einzelplatzlizenz voraussichtlich kosten, OEMs zahlen deutlich geringere Gebühren. Rund ein Jahr Entwicklungsarbeit sei in den Treiber geflossen, so Tuxera-CEO Mikko Välimäki. Die Lizenzgebühren scheinen da nicht unangemessen – zumal Tuxera wohl auch an Microsoft zahlen muss.

Doch halt. Ganz so einfach ist es womöglich nicht. Wenn SDXC weltweit als Standard für wechselbare Datenträger und als dessen Standard-Dateisystem wiederum Microsofts exFAT zum Einsatz kommt, resultiert daraus eine immense Stärkung zweier ohnehin schon außerordentlich dominanter Markteilnehmer. Verbunden mit beachtlichen Lizenzeinnahmen für Technologien überschaubaren Innovationsgehalts. Freude über die Tuxera-Meldung kann vielleicht bei Sandisk und Microsoft aufkommen, keinesfalls jedoch bei Verfechtern offener Standards.

Dabei erscheint die praktische Bedeutung der ganzen Angelegenheit zunächst überschaubar. Auch FAT, FAT32 und NTFS sind nach Auffassung von Microsoft durch Patente geschützt, Klagen gegen freie Implementierungen hat es bislang jedoch nur in Ausnahmefällen gegeben. Warum also sollte es bei exFAT anders sein? Zumal bereits ein GPL-lizenzierter exFAT-Treiber in Arbeit ist.

Einen Hinweis auf drohende Gefahren für mögliche freie exFAT-Treiber gibt allerdings das Handeln von Tuxera. Wäre das Unternehmen nicht zu der Auffassung gelangt, dass Microsoft seine exFAT-Patente notfalls aktiv verteidigen will, hätte es bei der Treiberentwicklung kaum die (vermutlich nicht ganz billige) Zusammenarbeit mit Microsoft gesucht. Was am Rande auch die Frage aufwirft, welche Haltung Tuxera bei Auseinandersetzungen um freie exFAT-Implementierungen einnehmen würde.

Doch selbst, wenn Microsoft auf Angriffe gegen freie exFAT-Treiber verzichten sollte, bleibt die Situation mangels verlässlicher Rechtssicherheit unbefriedigend. Bereits die bloße Existenz möglicher Lizenzansprüche kann den Einsatz freier Software massiv behindern. Die Multimedia-Codecs Ogg Vorbis und Ogg Theora etwa hätten ohne das warnende Flüstern einschlägiger Patentkartelle vermutlich spürbar größere Verbreitung erfahren. Sogar Giganten scheinen gegen derlei Sorgen der Entwicklergemeinde nicht immun, wie die Reaktionen auf den von Google offen gelegten Videocodec WebM beweisen.

Wenn aber das Dickicht der Patente so dicht wuchert, dass sogar die stärksten Marktteilnehmer keine Sicherheit vor teuren Klagen herstellen können, gerät der gesamte Markt aus den Fugen. Standards sind unerlässlich für jede Zusammenarbeit. Entwickler müssen sie sorgenfrei nutzen können, wenn der Fluss neuer, innovativer Produkte nicht nachlassen soll. Endanwendern muss der Zugriff auf digitale Infrastrukturen und ihre Standards ungeachtet der von ihnen bevorzugten Betriebssysteme und Programme offen stehen. Wenn sie die auf einer SDXC-Karte gespeicherten Fotos von Freunden nur mit kostenpflichtig lizenzierten Treibern ansehen können, ist diese Freiheit in akuter Gefahr. (odi) (odi)