Eine Nase fĂĽr die Nische

Ein Unternehmen gründen mitten in der Krise? Warum nicht - der Erfolg eines Start-ups hängt stärker von der Geschäftsidee ab als von der Konjunktur. Und schon kleine Drehs im Businessmodell können oft Großes bewirken.

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Von
  • Ingmar Höhmann
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Ein Unternehmen gründen mitten in der Krise? Warum nicht – der Erfolg eines Start-ups hängt stärker von der Geschäftsidee ab als von der Konjunktur. Und schon kleine Drehs im Businessmodell können oft Großes bewirken.

Am Anfang stand eine bemerkenswerte Beobachtung: Dem Mediziner Michael Rochel fiel während seiner langjährigen Arbeit als Kinderarzt auf, dass Säuglinge bis zu ihrem vierten Lebensmonat kaum Hautkrankheiten haben.

Woran mag das liegen? Rochel tippte auf den Schutzeffekt des Fruchtwassers. Die darin enthaltene Hyaluronsäure, fand er heraus, beschleunigt die Wundheilung und hält die Haut geschmeidig.

Bei dieser Erkenntnis wäre es vermutlich geblieben, wenn Rochels Sohn Roman nicht sofort die Absatzchancen auf dem Kosmetikmarkt im Blick gehabt hätte – Millionen Deutsche leiden an Schuppenflechte oder Neurodermitis. Der Unternehmensberater drängte seinen Vater, die Erfindung zu einem Produkt zu machen. Zwei Jahre tüftelte Michael Rochel dann an einem Gel für die Hautpflege. Die Firmengründung im Mai 2008 übernahm Roman Rochel selbst, dem Produkt gab er den wohlklingenden Kunstnamen Amniosan. Die Hyaluronsäure liefert ein Biotechlabor, so spart sich das Unternehmen eine teure eigene Produktion. Im letzten Jahr gewann die Firma den Gründerwettbewerb Start2Grow – das Konzept und der Businessplan überzeugten die Jury. In diesem Jahr soll Amniofluid erstmals Gewinn erwirtschaften.

Für Roman Rochel ist die Firmengründung die logische Folge eines konsequent verfolgten Wegs: "Seit der Schulzeit ist für mich klar, dass ich mich selbstständig machen werde", sagt der 28-jährige Betriebswirt. Doch so gradlinig verläuft kaum eine Gründung in Deutschland. Oft ist es nicht die innere Überzeugung, die Menschen zu Unternehmern werden lässt, sondern der Mangel an Alternativen. Jeder dritte Jungunternehmer macht sich hauptsächlich deshalb selbstständig, weil er keine feste Arbeit findet, hat der KfW-Gründungsmonitor 2009 ergeben. "Das ist international gesehen ein hoher Wert", sagt Karsten Kohn, Start-up-Forscher bei der staatlichen Förderbank KfW. Die Folge: Zwischen einem Viertel und einem Drittel der neuen Firmen sind nach drei Jahren wieder vom Markt verschwunden.

Was ein erfolgreicher Gründer braucht, ist also vor allem eine große Portion Ehrlichkeit zu sich selbst: Bin ich überhaupt der richtige Typ zum Gründen? Wäre es nicht besser, meine Idee einfach auszulizenzieren? Ist jetzt der passende Zeitpunkt? Und ist mein Geschäftsplan gut genug? Hilfe bei diesen Fragen bieten die Selbsttests von Industrie- und Handelskammern, Banken und staatlichen Stellen. Besonders ausführlich bereitet das Bundeswirtschaftsministerium angehende Unternehmer vor: Unter www.existenzgruender.de können sie anhand von Checklisten herausfinden, ob sie den Markt durchdacht, die Folgen für die Familie berücksichtigt und genügend Beratung erhalten haben. Im Fragebogen zur Persönlichkeit muss der Gründer in einem dreiseitigen Katalog beantworten, ob er bereit ist, in den ersten Jahren auf Urlaub zu verzichten, ob er körperlich fit ist, oder ob er aus Fehlern lernt.

Ob solche Tests reichen, um Unternehmertypen zu identifizieren, ist fraglich. Heinz Klandt, Professor für Entrepreneurship an der European Business School in Oestrich-Winkel, hält Fragelisten für wenig aussagekräftig: "Die Selbstwahrnehmung unterscheidet sich immer von der Realität." Jedoch hält er den Online-Checks zugute, dass sie angehende Gründer zwingen, sich über ihre Vorstellungen klar zu werden. "Viele unterschätzen den Aufwand, den eine Firma mit sich bringt", warnt Klandt. Wer sich nach Abschätzung aller Vor- und Nachteile zu einer Gründung entschlossen hat, für den stellt sich die Frage nach dem richtigen Timing.