Eine Nase fĂĽr die Nische

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Ist die derzeitige Wirtschaftskrise tatsächlich schon überstanden, oder kommt das dicke Ende noch? Und wenn ja, sollte mich das vom Gründen abhalten? Die Antwort darauf ist ambivalent. Einerseits machen sich derzeit tatsächlich die Investoren rar: "Die Banken haben die Bedingungen für Kredite in der Krise verschärft", sagt Kerstin Kiehl, KfW-Abteilungsdirektorin Volkswirtschaft. Zwar könnten Risikokapitalfirmen einspringen, aber auch hier sieht es nicht gut aus – der Markt ist zusammengebrochen. Die Mittel, die Beteiligungsgesellschaften im vergangenen Jahr eingesammelt haben, lagen mit 1,24 Milliarden Euro um 80 Prozent unter dem Niveau von 2007. In Befragungen zeigt sich, was das für angehende Unternehmer bedeutet: Im Gründungspanel der KfW und des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung gaben knapp ein Drittel der Gründer des Jahres 2008 an, dass sie ihre Innovationen nicht wie geplant umsetzen konnten. Für 64 Prozent von ihnen war "unzureichende Finanzierung" das Hauptproblem.

Doch ein Konjunkturtief birgt auch neue Möglichkeiten. Zwar bringe eine Wirtschaftskrise Nachteile für Gründer mit, die sich in etablierten und unflexiblen Branchen selbstständig machen, sagt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie in Hannover. "Wer allerdings in neuen, wissensintensiven Branchen ein Unternehmen startet, bei dem stehen die Chancen besser. Die Krise ist hier die Ursache für das Entstehen vieler neuer Märkte – etwa im Bereich der Umwelttechnik."

Ob in Krisen gegründete Unternehmen erfolgreicher sind, lässt sich nicht belegen – zu unterschiedlich sind die jeweiligen Geschäftsmodelle. Klar sei jedoch, dass nur Innovationsgründungen nachhaltig wachsen könnten, sagt Sternberg. Diese sind aber die Ausnahme: Nur 15 Prozent aller jungen Firmen gehen mit einer Marktneuheit an den Start (siehe Grafik S. 32). "Viele Gründer haben gar nicht das Ziel zu wachsen – sie wollen in erster Linie ihr Überleben sichern", sagt Sternberg.

Damit aus einer Erfindung tatsächlich ein erfolgreiches Produkt wird, reicht ein guter Einfall nicht aus. Experten kreiden vielen Jungunternehmern an, dass sie sich allein auf eine Idee verlassen. "Viele machen sich nicht einmal die Mühe, einen ordentlichen Businessplan zu schreiben", sagt Karsten Kohn von der KfW. "Viele haben erst die Geschäftsidee, dann bauen sie einen Protoypen, und erst ganz zum Schluss gehen sie auf Kundensuche", ergänzt Wolfgang Kitza, Geschäftsführer des Start-ups Humangrid. "Dabei muss sich ein Unternehmer im ersten Schritt Gedanken machen, woher der Umsatz kommen soll. Im Zweifel sollte er vor dem Markteintritt ein Jahr lang nur mit potenziellen Kunden sprechen, um herauszufinden, was genau sie brauchen können."

Kitza weiß, wovon er spricht, denn auch Humangrid hatte zunächst kaum Kunden – trotz einer guten Idee. Das Unternehmen war 2005 mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet, hatte 2008 aber immer noch wenige Auftraggeber. Dabei war die Geschäftsidee durchaus auf der Höhe der Zeit: Humangrid bot als einer der ersten Dienstleister "Crowdsourcing" an – das Auslagern von Tätigkeiten, die Computer nicht automatisch erledigen können, an die Internetgemeinde. Humangrid überprüft dabei die Qualität und wickelt die Bezahlung ab.

Doch obwohl der Ablauf funktionierte, kam das Unternehmen jahrelang über Pilotprojekte nicht hinaus. Im März 2009 übernahm Wolfgang Kitza die Geschäftsführung. Als Manager hatte er zuvor für den Medienkonzern Bertelsmann bereits 30 Firmen gegründet. Dank seiner Kontakte brachte er Investoren mit, die eine Million Euro in das Unternehmen steckten. Kitza stellte ein neues Team auf und widmete sich als Erstes der Kundenakquise.

"Manche Gründer laufen mit einem Bauchladen von 200 Anwendungen herum, die aber alle unspezifisch sind", sagt Kitza. "Wir überlegen uns, wer in einer Firma welches Problem hat – und unterbreiten dann einen Lösungsvorschlag." Es sieht so aus, als hätte Kitza seine Kunden tatsächlich verstanden: Heute klassifiziert die Humangrid-Gemeinde Fotos, um die Bilderkennungssoftware des Automobilkonzerns Honda zu trainieren, schreibt Hotelbeschreibungen für ein Internetportal oder beantwortet Nutzeranfragen des Wissensportals "SMS Guru". 100 Kunden hat das Unternehmen, täglich wickelt das System mehr als 5000 Mini-Aufträge ab. Im Februar eröffnete Kitza eine Tochterfirma in den USA und warb weitere drei Millionen Euro ein. Im zweiten Quartal will er die Gewinnschwelle erreichen.