Eine Nase fĂĽr die Nische

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Doch es braucht nicht immer eine aufwendige Akquise oder gar Marktforschung, um herauszufinden, was der Kunde wirklich will. Eine Reihe von Start-ups lassen ihre Produkte vom Nutzer selbst gestalten. Einer der Vorreiter ist das Leipziger Unternehmen Spreadshirt: Es verkauft mit Erfolg T-Shirts, Hemden oder Schürzen, die Nutzer im Internet selbst designen. Was Spreadshirt von üblichen T-Shirt-Bedruckungsdienstleistern unterscheidet, ist nur ein kleiner Dreh im Geschäftsmodell: Kunden können ihre Kreationen auf Wunsch auch anderen Nutzern zur Verfügung stellen und erhalten dafür bei jedem Verkauf eine kleine Provision. Davon haben alle etwas: Spreadshirt kann so eine große Menge unterschiedlicher Motive anbieten, ohne eigene Designer beschäftigen zu müssen; kreative Kunden können sich ein paar Euro hinzuverdienen; Käufern steht ein viel größeres Angebot zu Auswahl, als es ein paar hauseigene Designer hätten aufstellen können; und Gründungsberater haben ein gutes Beispiel dafür, wie schon eine an sich kleine Neuerung in einem scheinbar längst aufgeteilten Geschäftsfeld ein großes Potenzial entfalten kann.

Seit acht Jahren ist Spreadshirt nun am Markt – und eine ganze Reihe an Start-ups sind dem Beispiel gefolgt. Heute gibt es kaum mehr etwas, das sich nicht im Internet an die eigenen Wünsche anpassen lässt. Das Passauer Unternehmen MyMuesli nahm 2007 gar die Müsli-Fangemeinde ins Visier. Aus 80 Zutaten können Kunden auf der Webseite der Firma ihre eigene Mischung kreieren. Ob Aprikosen, Feigen, Rosinen oder Cashewkerne zusammenpassen, entscheidet der persönliche Geschmack. Offenbar trafen die Gründer, drei Studenten, auf ein großes Bedürfnis, denn anfangs kamen sie mit der Produktion kaum hinterher. Schon nach einem Jahr erreichte der Umsatz der Firma eine Million Euro. Mit einem ähnlichen Konzept ist seit 2008 auch die Firma myparfuem.de unterwegs, bei der sich Nutzer für 29,99 Euro ihren eigenen Duft erschaffen können.

Solche Geistesblitze hält Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, keineswegs für das Privileg weniger Genies. "Ich will zeigen, dass fast jeder in der Lage ist, mit Alltagswissen ein unternehmerisches Konzept zu entwickeln, etwa indem er einfache, bekannte Prinzipien auf ein neues Gebiet überträgt", umschreibt er seine Mission. Faltin hat dafür ein Modell entwickelt, das er "konzept-kreative Gründung" nennt: Die Geschäftsidee müsse von vorn bis hinten durchdacht sein, Zeitdruck dürfe keine Rolle spielen. Gern zitiert er einen Satz von Abraham Lincoln: "Wenn ich zehn Stunden Zeit hätte, einen Baum zu fällen, würde ich neun Stunden davon auf das Schärfen der Axt verwenden."

Damit sich Gründer auf das Kerngeschäft konzentrieren können, sollten sie so gut wie alle Unternehmensbereiche outsourcen – egal ob Buchhaltung, Internetauftritt, Warentransport oder Produktion. "Entscheidend ist das Konzept. Für die Details gibt es Experten", sagt Faltin. Jedoch sei diese Denke wenig verbreitet – wer eine Firma ins Leben ruft, versucht sich meist als Alleskönner. "In Deutschland schulen wir Gründer in Buchhaltung, verpassen ihnen einen Bilanzkurs oder unterrichten sie in Unternehmensrecht", sagt er. Gerade bei Innovationsgründungen sei das der falsche Ansatz: "Es ist eine Frage, ob Erfinder auch gute Innovateure sind; meistens sind sie es nicht", sagt Faltin. "Selbst wenn jemand für eine Erfindung einen Nobelpreis bekäme, sagt das nichts über das Marktpotenzial aus."

Großes Potenzial sieht Faltin für Unternehmen, die Vorhandenes in intelligenter Weise zu etwas Neuem zusammensetzen. Um seiner These Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat Faltin mit der "Teekampagne" selbst eine Firma gegründet. Das Prinzip: Statt über Zwischenhändler eine Vielzahl an Teesorten zu importieren und in kleinen Packungen zu vertreiben, beschränkt sich die Firma auf die Sorte Darjeeling. Sie kauft große Mengen direkt bei den indischen Produzenten ein und verkauft sie dann über das Internet in Großpackungen von je einem Kilogramm. Das spart Kosten für Transport, Vertrieb und Verpackung. Heute ist das 1985 gegründete Unternehmen Marktführer im deutschen Teeversandhandel und größter Einzelimporteur von Darjeeling in der Welt.