Äpfel und Birnen

Seit dem 1. Juli liefert der Online-Händler Amazon auch in Deutschland nicht nur Bücher, Elektronik-Artikel und DVDs aus, sondern auch allerlei Lebensmittel. Warum tun die das? Ausgerechnet in Deutschland, das in Sachen Lebensmittel-Einzelhandel als eines der härtesten Pflaster der Welt gilt, in dem die Margen extrem niedrig sind.

vorlesen Druckansicht 12 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.

Die Nachricht liest sich wie ein Déjà vu aus besten Internetboom-Zeiten: Seit dem 1. Juli liefert der Online-Händler Amazon auch in Deutschland nicht nur Bücher, Elektronik-Artikel und DVDs aus, sondern auch allerlei Lebensmittel: Insgesamt 35.000 Produkte von Gemüse über Fleisch und Fisch, Backwaren bis hin zu Delikatessen aus verschiedenen Ländern sollen zur Auswahl stehen.

Da reibt man sich doch verwundert die Augen - nicht nur die Financial Times Deutschland fragt sich, warum tun die das? Ausgerechnet in Deutschland, das in Sachen Lebensmittel-Einzelhandel als eines der härtesten Pflaster der Welt gilt, in dem die Margen extrem niedrig sind.

Zwar gibt es - theoretisch - einen wachsenden Markt älterer Menschen, denen der Weg zum Supermarkt vielleicht manchmal zu beschwerlich ist. Aber erstens ist auch ein mühsamer Ganz zum Supermarkt immer noch eine Gelegenheit, mal wieder an die frische Luft und unter die Leute zu kommen. Und zweitens müssten all die Alten und Gebrechlichen dann auch fleißig das Internet nutzen - was sie zum größten Teil nicht tun.

Blieben also junge, technikaffine Kunden, mit wenig Zeit. Die sind - wie man am Erfolg des Online-Müsliversenders MyMuesli sehen kann - für solche Spielereien durchaus zu haben. Aber im Fall von Amazon sprechen wir nicht über Spezialitäten. Und auch Nachts arbeitende Programmierer sind - bei den heutzutage massiv ausgebauten Öffnungszeiten - nicht mehr wirklich auf solche Angebote angewiesen: Diverse Supermärkte haben hier von 8 bis 22 Uhr geöffnet und zur Not gibt es immer noch die sprichwörtliche Bude an der Ecke, oder den Bahnhof, oder den Shop in der Tankstelle.

Das einzige, was mir plausibel erscheint, ist das Modell Gratiszeitung: Eigentlich ist es wirklich noch zu früh, mit Online-Lebensmittelversand ein echtes Geschäft zu machen. Das wird sich erst dann lohnen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, die sich an den Gebrauch des Internet gewöhnt haben, ins Rentenalter kommen. Vielleicht geht die ganze Geschichte ja mit der allgemeinen Durchdringung des mobilen Internet noch ein bisschen schneller, aber fünf Jahre würde ich der Sache auf jeden Fall geben. Warum also hier und jetzt? Amazon besetzt den Markt, damit sich dort keine unliebsame Konkurrenz bilden kann. Das kostet zwar erst mal Geld, aber man kann eben nicht alles haben. Mal schauen; wenn ich mich geirrt habe, machen die den virtuellen Tante-Emma-Laden schon bald wieder dicht. Wenn nicht, bleibt uns das Füllhorn erhalten. (wst)