US-Studie relativiert Risiken und Chancen des Software-Offshoring

In den USA lässt wegen angeblich zu hoher Risiken im IT-Arbeitsmarkt die Neigung der Schulabsolventen nach, Computer-Wissenschaften zu studieren. Eine Studie der Association for Computing Machinery will für ein differenzierteres Meinungsbild sorgen.

vorlesen Druckansicht 59 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.

Der Verband der US-amerikanischen Computerwissenschaftler Association for Computing Machinery (ACM) ist in einer nun vorgelegten Studie zu dem Schluss gekommen, die Auslagerung von IT-Jobs vom US-Arbeitsmarkt ins Ausland, genannt Offshoring, wirke sich – unter bestimmten Voraussetzungen – auf die Wirtschaft und die einzelnen IT-Fachkräfte insgesamt nicht nur negativ aus. In der Studie Globalization and Offshoring of Software resümieren die Wissenschaftler, sowohl die Erfahrung als auch ökonomische Theorien ließen vermuten, dass Offshoring zwischen entwickelten und sich entwickelnden Ländern beiden zu Gute kommen kann, allerdings nehme die Konkurrenz zu. Dabei geht die ACM davon aus, dass Globalisierung und Offshoring der Software-Industrie eng miteinander verknüpft seien und weiter wachsen würden.

Derzeit betrage der Anteil der Jobs in der US-amerikanischen IT-Branche, die jährlich durch Offshoring im Inland abgebaut würden, 2 bis 3 Prozent. Das sei ein geringer Anteil gegenüber der Menge an Arbeitsplätzen, die jedes Jahr in den USA verloren gingen oder neu entstünden. In der IT-Branche allein werde es in den kommenden Jahren einen Überhang neuer Arbeitsplätze geben, vorausgesetzt, die USA steige weiter auf der ökonomischen Leiter empor und schaffe Arbeitsplätze, die höhere Qualifikationen verlangen, da zumeist "standardisierte Tätigkeiten" ausgelagert würden. Zwar gingen durch Offshoring Arbeitsplätze verloren, doch erzielten die Firmen dadurch Kostenvorteile, die sie dazu veranlassen können, in neue Arbeitsplätze für höher Qualifizierte zu investieren.

Die Auslagerung standardisierter Jobs, die keine höheren Fertigkeiten verlangen, sei aber nur die erste Phase der Entwicklung, konstatiert die Studie. Heute wachse auch die weltweite Konkurrenz auf anderen Gebieten, die mehr Qualifikationen erfordern, wie zum Beispiel die Forschung. Angesichts der Fortschritte der Bildungssysteme in China und Indien und besserer Forschungsmöglichkeiten in diesen Ländern sei der Vorsprung Westeuropas und der USA geschrumpft. Die USA hätten heutzutage größere Probleme als früher, Studenten aus dem Ausland anzulocken, und dominierten auch nicht mehr so wie früher auf dem Forschungssektor.

Das sei aber keine Entwicklung, der die Arbeitskräfte in den entwickelten Ländern hilflos ausgeliefert seien. Auch wenn lebenslange Anstellungen in der IT-Branche nicht garantiert werden könnten, durch eine gute Schul- und Weiterbildung sowie vermehrte Investitionen stiegen die Chancen der IT-Fachkräfte, Jobs zu bekommen, die nicht ausgelagert werden können. Solcherlei sehen die Wissenschaftler nicht nur als existenziell für die individuellen IT-Fachkräfte an, sondern für die gesamte nationale Wirtschaft, um weltweit konkurrieren zu können, zumal zwar Länder wie Indien und China ihre Anstrengungen für bessere Ausbildungsmöglichkeiten verstärkten, aber wie im Falle Indien nur begrenzten Zugang zu ihnen bieten könnten oder wie in China durch zentrale Planung eingeengt würden.

Derart differenziert und dadurch auch hoffnungsfroh gefärbt scheint das Stimmungsbild in den USA nicht zu sein – und dagegen kämpft der ACM-Präsident und Professor an der Universität zu Berkeley, David A. Patterson, an, der um Nachwuchs für seinen Berufsstand besorgt ist. Viele Schüler und ihre Eltern dächten fälschlicherweise, "the game is over", zitiert ihn die New York Times. Vor diesem Hintergrund lasse das Interesse der US-amerikanischen College-Schüler an Computer-Wissenschaften nach. Während im Jahr 2000 einer von 30 Befragten Interesse an einem Studium in diesem Fach geäußert habe, sei es nun lediglich einer von 75. Wenn also immer weniger Nachwuchs Interesse an einer höheren IT-Ausbildung habe, sei dadurch die ansässige Branche gefährdet.

Die Studie wird den politischen Diskussion in Washington neue Nahrung geben. Republikaner wie Demokraten fordern unisono einen Ausbau des US-amerikanischen Bildungssystems. US-Präsident George W. Bush kündigte in seiner Rede zur Lage der Nation vor gut drei Wochen unter anderem an, dass Schulkindern mehr Anreize geboten werden sollen, sich für Mathematik und Wissenschaften zu interessieren. Im November vorigen Jahres legten die Demokraten im US-Kongress eine Agenda vor, in der sie für eine bessere Ausbildung in den Bereichen Wissenschaft, Mathematik, Ingenieurswesen und IT eintreten. (anw)