Totenglöckchen für US-Clean-Tech-Firmen
Die von der US-Regierung angekündigte Klimagesetzgebung verzögert sich. Das schlägt nun auch auf innovative Unternehmen durch, die bei der Erreichung der CO2-Reduktionsziele helfen wollten.
- Kevin Bullis
Die von der US-Regierung angekündigte Klimagesetzgebung verzögert sich. Das schlägt nun auch auf innovative Unternehmen durch, die bei der Erreichung der CO2-Reduktionsziele helfen wollten.
Eigentlich hatten Umweltschützer und die aufstrebende Clean-Tech-Branche gehofft, dass der amerikanische Senat noch in diesem Sommer sein lange erwartetes Klimaschutzpaket verabschieden würde. Doch daraus wurde nichts – und nun stellt sich die Frage, ob Teile des Cleantech-Sektors ohne diese politische Stütze überhaupt überleben können.
James Kim, Partner beim renommierten Risikokapitalgeber Khosla Ventures, der in den letzten Jahren verstärkt in "grüne" Start-ups investierte, findet nach der Analyse einiger aktueller Businesspläne deutliche Worte: "Für Firmen, die auf Subventionen zur CO2-Reduktion gehofft haben, läutet das Totenglöckchen."
Noch vor einem Jahr sah es ganz anders aus. Damals sprach viel dafür, dass der US-Kongress mit seiner demokratischen Mehrheit und unter Federführung von Präsident Obama schnell ein neues Energiegesetz verabschieden würde. Die Grundidee: Der Ausstoß von Klimagasen sollte über die nächsten Jahrzehnte deutlich teurer gemacht werden, um Firmen zu umweltfreundlicherem Verhalten zu animieren.
Diese Emissionsabgabe erinnerte an ähnliche Ansätze aus Europa. In der amerikanischen Start-up-Szene sorgte das für viel Aktivität: Junge Firmen entwickelten neue Technologien, mit denen sich der CO2-Ausstoß reduzieren ließ – von neuartigen Solaranlagen über verbesserte Windturbinen bis hin zu Raffinerien für moderne Biotreibstoffe. Auch die CO2-Sequestrierung, bei der das Klimagas in Kraftwerken und bei Firmen direkt vor dem Schornstein abgefangen wird, wurde in den USA zum wichtigen Thema.
Eine erste Version des neuen Energiegesetzes scheiterte dann allerdings erstaunlich schnell – und musste Platz machen für eine deutlich mutlosere Fassung, die den Firmen weniger harte Klimaschutzmaßnahmen abverlangte. Doch auch dieses Gesetzespaket fand keine Mehrheit. Entsprechend gering sind nun die Chancen, dass noch in diesem Jahr umfangreiche Neuregelungen verabschiedet werden – trotz Bemühungen seitens einiger Senatoren, nach den demnächst anstehenden Midterm-Wahlen einen neuen Versuch zu unternehmen.
Doch genau die könnten den Prozess weiter in die Länge ziehen: Sollten die Republikaner, die CO2-Restriktionen grundsätzlich negativ gegenüberstehen, wieder mehr Parlamentssitze gewinnen, könnte das Energiegesetz noch Jahre im legislativen Fegefeuer verbringen. David Victor, Direktor des "International Law and Regulation Laboratory" an der University of California in San Diego, meint, dass in den USA kaum noch politische Kräfte vorhanden sind, die CO2 einen Preis geben wollten.
Am schlimmsten dürfte es deshalb in den USA jene Jungfirmen treffen, die sich der direkten CO2-Entfernung aus der Atmosphäre widmen – technisch gesehen sowieso schon ein schwieriges Feld. So will das Start-up Climos das Algenwachstum im Ozean anregen, damit die Pflanzen das Klimagas "wegfressen", während Global Research Technologies an chemischen Methoden zur CO2-Vermeidung werkelt. (Beide Firmen wollten diesen Artikel nicht kommentieren.)
Andere Unternehmen mit angepasstem Businessplan könnten dagegen überleben. Dazu gehört Skyonic aus Texas, eine Firma, die eine Methode entwickelt hat, CO2 aus Rauchgasen abzuscheiden, um daraus dann chemische Produkte wie Chlorgas, Wasserstoff und Natriumbicarbonat zu machen. Ohne einen direkten Preis für das Klimagas dürfte die Firma aber stark vom Markt für diese Produkte abhängen – und steht im Wettbewerb zu alteingesessenen Herstellungsverfahren.
Skyonic hat nichtsdestotrotz weiterhin hochgesteckte Ziele: Die Firma will mit ihrer Technologie weltweit sage und schreibe 18 bis 25 Prozent der Emissionen profitabel einfangen, wie es in den optimistischen Schätzungen von Firmenchef Joe Jones heißt. Doch auch jetzt "ist der Preis für Verschmutzungsrechte für uns nicht kritisch", glaubt er. Das Wachstum könne aber in spätestens fünf bis zehn Jahren an seine Grenzen stoßen, wenn sich dann nichts verändert.
Solar- und Windfirmen sind in den USA dagegen wahrscheinlich noch am besten dran. Sie erhalten nach wie vor Subventionen über Steuererleichterungen beim Bau neuer Anlagen und können so zumindest in einigen Märkten mit Energie aus herkömmlichen Quellen konkurrieren. Um Unternehmen, die auf alternative Biotreibstoffe setzen, die sich aus Landwirtschaftsabfällen und anderen stark zellulosehaltigen Quellen speisen, steht es allerdings schlechter – noch immer wurde keine einzige große kommerzielle Anlage in den USA gebaut. Die Industrie hofft deshalb auf Kreditgarantien, die die amerikanische Regierung seit längerem versprochen hat. Viele der Firmen hoffen, dass sie mit entsprechender Finanzkraft Anlagen bauen könnten, die auch ohne Klimagasabgabe profitabel sind.
Im Risikokapitalgeschäft zeichnet sich indes ein klarer Trend ab: Firmen, die auf die Obamas CO2-Abgabe warten, bekommen Schwierigkeiten, Gelder einzuwerben. "Wir haben noch nie geglaubt, dass es sinnvoll ist, eine Firma aufzubauen, deren finanzieller Erfolg von Ökosteuern oder dem Emissionsrechtehandel abhängt", meint David Berry, Partner bei Flagship Ventures. Das gelte umso mehr, als niemand sagen könne, wie entsprechende Regelungen in Amerika aussehen werden.
Obwohl der US-Kongress kein Energiegesetz verabschiedet hat, springen nun allerdings andere Regierungsebenen in die Bresche. So will Colorado Stromkonzerne künftig so regulieren, als gäbe es auf Bundesebene bereits Klimaabgaben. Die Washingtoner Umweltschutzbehörde EPA ist ebenfalls dabei, ihre eigenen Ansätze zu entwickeln: Dazu gehört unter anderem die mögliche Schließung von zu schmutzigen Kohlekraftwerken, die dann durch erneuerbare Energieformen ersetzt werden könnten.
Und dann wäre da auch noch Europa, wo bekanntlich längst ein Emissionsrechtehandel läuft (wenn auch mit mäßigem Erfolg) – und CO2-Abgaben und Ökosteuern längst Realität sind. Financier Berry glaubt fest daran: "Einige interessante US-Technologien könnten sich ganz schnell im Ausland wiederfinden." (bsc)