Was war. Was wird.
Gibt es noch gute Musik? Hat die der IT-Lobby mehr zu Bieten als Jubelschreie zu jedem verkaufbaren Mist? Erwartet uns noch ein vereintes Europa jenseits des Amok laufenden EU-Rats? Hal Faber ist auf der Suche ...
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Brüh im Lichte dieses Glühückes, brühe, Deutsches Vaterland!" Sarah Connor hat Recht: Was sollen wir schon groß mit Einigkeit und Freiheit anfangen? Wer hat schon die Nationalhymne als Klingelton auf seinen deutschtümelnd Handy genannten Weitwurfgerät, das wirklich nationalbewusste Länder Natel nennen? Und warum sollen wir mit Fallersleben vom Blühen schwärmen, wo Brühen doch so viel besser passt, jetzt, wo die An-Gie-Dos kommen. Leischtung muschisch wieder lohnen! Das gibt Brühe und Wirtschaftskraft! Ein Blick in die Natur im deutschen Licht des deutschen Glückes belehrt uns: Blühen tut's nur einmal im Jahr, aber Brühe kann es täglich geben. Sie kann nahrhaft sein oder einfach nur trübe und in Tassen serviert werden, die unsere Politiker bekanntlich nicht mehr im Schrank haben.
*** Denn was soll man von den Argumenten zum neuen Reisepass halten, den nicht nur die Datenschützer als teuer und unsicher kritisieren, sondern auch die IT-Experten. Besonders das falsche, aber ein ums andere Mal wiederholte Argument von der einfacheren Einreise in die USA ist bezeichnend. Die Einreise ist im Vergleich mit anderen Ländern bereits mit dem heutigen maschinenlesbaren Pass einfacher. Auf die Fingerabdruck-Prozedur und den Fotoscan wird die Homeland Security entgegen aller Behauptungen nicht verzichten. Als Journalist mit einem eingeklebten I-Visum werde ich in Zukunft mindestens zwei RFID-Chips im Pass haben, denn auch dieses Visum will funken dürfen. Zwei, drei, vier Chips mehr und der Ausweis ist nicht mehr lesbar. Aber natürlich begrüßt der Bitkom den Chip wie jeden Dreck, der der IT-Branche neue Umsätze beschert. Die einfache, hässliche Wahrheit will ja niemand hören: Unterhalb der Größe einer Wal-Mart- oder Metro-Gruppe, in kleineren Armeen als der US-Army und in bevölkerungsärmeren Gegenden als Europa ist die Chiptechnik schlicht zu teuer. Aber Deutschland brüht im Lichte seines Glücks und nährt Firmen wie Toppan, die speziell beschichtes Sicherheitspapier verkaufen, in das die Pässe eingeschlagen werden. Normale Alufolie hätte es auch getan.
*** Ach  ja: Die Wahl kommt nah und näher, und vor dem Sieg der An-Gie-Dos brühen die Grünen noch schnell ihr Programm im Wiki auf. Vieles liest sich ganz nett, auch wenn niemand es glaubt. Warum musste Renate Künast fehlen, als die Landwirtschaft und Fischerei über Software-Patente beriet? Und der Absatz zur Kennzeichnungspflicht von RFID-Chips liest sich rührend, wie "Ich bremse für Kinder". Das einzige, was man dieser hartztragenden Partei noch gutschreiben kann, ist ihr Politikwille zu einer Zeit, als es zur so genannten Birne scheinbar keine Alternative gab. Hartz IV ist das Schicksalsprojekt dieser Regierung geworden, doch wer wird die Brühe auslöffeln, die Minister Clement zusammengerührt hat? Wir haben ein Land, Deutschland, doch wir leben in zwei Welten. An dieser Stelle entfällt der Abdruck des Deutschlandliedes für Huren.
*** Während Deutschland an Brühe erstarkt, sitzt Europa in der Tunke. Es gab ein Non, dann ein Nee, und hätten unsere Politiker den Mut gehabt, das eigene Volk zu fragen, hätte es auch hier ein Nein gegeben. Europa ist da, es lebt und ist mehr als Interrail plus Euro, aber die Europäische Union ist eine abgehalfterte Krämerseele auf der Suche nach einem Sinn. Wer die 76 Artikel der amerikanischen Verfassung mit dem Monstrum vergleicht, dass die europäische Verfassung werden soll, muss sich an den Kopf fassen. Im Parlament stimmte die PDS und Leute wie Hermann Scheer gegen diese undemokratische Verfassung. In diesem Punkt muss man Red Hats oberstem Kernelhacker Alan Cox rechtgeben. Europa muss sich täglich beweisen, dass es demokratisch ist. Wer den kommissionierten Irrsinn beobachtet, der bei den Softwarepatenten getrieben wird, hat Gründe genug, die EU drei Mal in der Woche abzuwählen und sich ein einiges Europa zu wünschen -- ein demokratisches.
*** Erinnert sich jemand an die Centraleuropäische Eidgenossenschaft der freien Europäer? Dieses Europa wäre für Viele wählbar, doch es ist eines aus dem Reich der Träumer, die an den Feuern der Leyermark erzählt werden. Sein Autor, der großartige Bayer Carl Amery, starb am 24. Mai, wie in der vergangenen Woche bekannt wurde. Gestorben, gemordet, bestialisch weggebombt wurde der französische Kolumnist von An-Nahar, Samir Kassir, der zu den ganz großen arabisch schreibenden Journalisten gezählt werden muss. Wir trauern mit Frankreich und dem Libanon, in unserem Europa.
*** Wenn von großen Journalisten die Rede ist, darf Watergate nicht fehlen. Nun hat sich der Informant Deep Throat zu erkennen gegeben, weil er auch etwas von dem Ruhm (und dem Geld) haben möchte, den unerschrockene Reporter kassieren. Die Quelle sprudelt und abseits aller gehässigen Bemerkungen muss Herrn Felt gedankt werden. Es gibt keinen guten Journalismus ohne Informanten, ob sie nun durch eine Kränkung verletzt sind oder Unrecht anprangern wollen. Natürlich braucht es dann noch den Journalismus, die Details zu recherchieren und Punkte zu setzen. Schon mit der Wahl des Namens Deep Throat, im Schlund der Pornoindustrie gewissermaßen, liefen die Reporter zu großer Form auf. In dieser Hinsicht hatte die Debatte um die Koran-Schändung und die Newsweek auch eine gute Wirkung: Jetzt trudeln Hinweise ein, dass an der Geschichte mehr ist, als die Verharmloser wissen wollen. Wer auf den Koran tritt, tritt auf die Bibel.
*** Bibel, Koran? Brüh im Lichte der Wahl, da rauschen die Manifeste nur so an uns vorbei. Es muss viel geändert, noch mehr verbessert und erklärt werden, damit Vishnu erscheint.
*** Aber hat das alles mit IT-Journalismus zu tun? Ist diese Spielart nicht völlig unpolitisch und nur dann auf's Wählen erpicht, wenn Menschen einen Tarif wählen sollen? Müssen wir nur dann aktiv werden, wenn Microsoft aus "Mein Computer, Meine Musik" schlicht "Computer, Musik" macht und damit zeigt. dass das DRM-Zeitalter anbricht und "mein" eine verbotene Bezeichnung des vergangenen Jahrhunderts ist? In trüber Brühe rühren, ist auch Journalismus. Aber wo ist das verfickte Handbuch? Keine Panik.
Was wird.
Ein Wochenrückblick mit Sarah Connor am Anfang muss einfach mit guter Musik abgeschlossen werden. Aber gute Musik? Gibts die denn noch, fragt man sich unweigerlich, konfrontiert mit einem foleygesichtigen Frosch? Nun sind dumme Sprüche über die Klingeltonmanie wohlfeil. Jedoch stellen sie nichts als Galgenhumor dar angesichts der bodenlose Unverschämtheit einer abrundtief korrupten Branche, die die Spitzenplatzierung des dämlichen Klingeltonremakes eines blöden Songs feiert, mit dem Harold Faltermeyer viel Geld, aber wenig Meriten eingeheimst hat, einer Branche, die ihr eigenes Erfolgsermittlungssystem ins Lächerliche führt, die Paul Anka als dämlich swingenden Sinatra-Verschnitt "Smells like Teen Spirit" trällern lässt, die als jungmädchenhafte Popband-Enkel der Weichspülermusikanten Pur untot durch die Landschaft wandelnde Musiziervereinigungen als neues deutsches Musikwunder feiert -- kurz gesagt also Galgenhumor angesichts einer Branche, deren Majors ihre abgestumpften Kunden, die den ausgetretenen Pfaden der großen Labels brav folgen, schon lange nur noch als potenzielle Kriminelle begreifen, die man zu ihrem kopiergeschützten Glück zwingen muss. Aber bevor noch der Hass die letzten Zeilen dieser Wochenschau auffrisst, verzeihen wir der Delmenhorster Irin erst einmal die Unkenntnis des Deutschlandliedes, es ist, als hätte man nichts anderes erwartet. Und bis die An-Gie-Dosen kommen, ist noch Zeit zum üben. Doch so abgebrüht sind meine Leser nicht, dass ich ihnen das Deutschlandlied nach Daniel Küblböck (...sind des Glückes Schmiedes Hand) zumuten kann. Wie wär es stattdessen mit Antipop vs. Matthew Shipp? Immerhin ein Versuch, ein Anfang -- womit wir dann doch bei der guten Musik wären. Wie überhaupt die Welt mehr gute Musik als gute Wahlversprechen braucht. 1000 Songs aus 50 Jahren Pop von 1955 bis 2004 will die Süddeutsche Zeitung auf CD verscherbeln, 20 für jedes Pop-Jahr. Die Alt-68er, die für Schröder so gerne abgewatscht werden, dürfen erstaunt sein, wenn Hildegard Knef "Nichts haut mich um - aber Du" zum Song der 68er erklärt wird. Immerhin liegt die 78er-Ausgabe richtig. Nina Hagens Unbeschreiblich weiblich war der Fetenkracher des Jahres. Ja, unbeschreiblich weiblich sind wir eigentlich doch alle, oder? Wie toll ist es doch, wenn die Initiative D21 zum Girls' Day nun auch den Girls' Day Song sucht. "Er soll das Motto des Tages unterstützen und für eine breite Zielgruppe von Mädchen vermitteln sowie Stärke und Selbstbewusstsein der jungen, gut ausgebildeten Mädchengeneration ausstrahlen." Sarah Connor, hier brüht dir was! (Hal Faber) / (jk)