TschĂĽss, Kabelsalat
Ein japanischer Elektronikhersteller demonstriert ein Gerät für das schnurlose Aufladen von Handys - und schon träumt ganz Nippon von während der Fahrt aufgeladenen Elektroautos.
- Martin Kölling
Ein japanischer Elektronikhersteller demonstriert ein Gerät für das schnurlose Aufladen von Handys - und schon träumt ganz Nippon von während der Fahrt aufgeladenen Elektroautos.
Was Japans Handyherstellern an Hype fehlt, versuchen sie hin und wieder mit technischen Neuerungen wettzumachen. Fujitsu ist offenbar besonders rĂĽhrig dabei: Nachdem der Konzern schon das erste modulare Handy vorgestellt hat, bei dem sich der Bildschirm- und Tastaturteil trennen und gleichzeitig benutzen lassen, stellte der Konzern am Montag ein schnurlos aufladbares Mobiltelefon vor.
Die Geräte der Familie müssen nur noch auf ein ans Stromnetz angeschlossenes Ladetablett gelegt werden und schon laden sie sich induktiv. Auch andere elektronischen Geräte sollen so Strom tanken können. Die Aufregung in Japans Medien war groß: Es sei das erste Handy dieser Art, jubelte ein japanischer Fernsehsender und fabulierte gleich von Autos, die sich schnurlose über Stromsender während der Fahrt aufladen lassen. Zu recht?
Auf den ersten Blick hört sich das ganze mal wieder fantastischer an, als es zu sein scheint. Die Idee der schnurlosen Akkuaufladung ist ja nicht wirklich neu. (Tesla lässt grüßen.) Doch haben alle bisherigen Versuche haben nicht den Sprung über den Prototypen- oder Raritätenstatus hinaus geschafft. Ich erinnere mich noch an ein kleines Start-up, das vor ein paar Jahren auf der japanischen Elektronikmesse Ceatec mit solch einer Technik hausieren ging. Bisher offenbar ohne Erfolg. Der Leidensdruck war auf Herstellerseite wohl nicht groß genug, sich auf einen Standard für Akkuauflader zu einigen, ohne den eine Fernaufladung nicht wirklich Sinn macht. Denn bei einer Proliferation nicht kompatibler schnurloser Ladegeräte würde der Kabelsalat ja anhalten.
Doch Hoffnung naht – vielleicht: Das "Wireless Power Consortium" hat sich jüngst auf den Standard "Qi" geeinigt und einen Zertifizierungsdienst begonnen. Dummerweise dürfte damit das Chaos noch lange nicht behoben sein. Dank Fujitsu. Denn die Japaner buhlen nun plötzlich mit einer vermeintlich weit besseren Technik um die Mitglieder von Qi: einer nicht nur schnur-, sondern sogar kontaktlosen Fernaufladung von Akkus.
Die Japaner, die laut der Homepage des Konsortiums nicht Mitglied sind, setzen nicht wie die Qi-Gruppe auf elektromagnetische Induktion, bei der Energie durch eine sendende an eine empfangende Spule übertragen wird. Diese Technik hatte den Nachteil, nur über kurze Distanzen und mit gehörigen Energieverlusten zu funktionieren. Fujitsu will den Trick stattdessen mit elektromagnetischer Resonanz vollbringen, bei der im Gerät eine Spule und ein Kondensator eingesetzt werden. Damit müssen Geräte nicht direkt auf das Ladetablett gelegt werden, sondern die Aufladung kann theoretisch über mehrere Meter erfolgen, sagt Fujitsu. Praktisch hat der Konzern es bisher über eine Distanz von 15 Zentimetern demonstriert. Über diese Entfernung beträgt die Effizienz immerhin noch 85 Prozent, es gehen also "nur" 15 Prozent des Stroms verloren. Fujitsu hofft, dass seine Technik spätestens ab 2012 in Produkten eingesetzt werden wird.
Allerdings wird es noch spannend, welche Technik letztlich das Rennen machen wird. Lässt der zeitliche Vorsprung vielleicht noch aufs induktive Qi als Sieger schließen, könnte Fujitsus Technik besser mit den Herstellern von Elektroautos resonieren. Schließlich erlaubt die kontaktlose Akkuaufladung eine elegantere und weiter verbreitete Stromübertragung als mit Ladesäulen. Die Ladespulen könnten an Parkplätzen, Taxistopps oder Ampeln in den Asphalt eingelassen werden und so die Batterien stehender Autos laden. Nissan hat bereits 2009 solch eine Technik vorgestellt.
Und wer weiß, vielleicht wird der japanische Staat die Spulen noch flächendeckender verbauen und so die Aufladung beim Fahren ermöglichen. Denn solche Infrastrukturmaßnahmen würden es dem Nippon erlauben, mit den enormen Investitionen die schlappe Bauindustrie wieder aufzuladen. Die siecht seit ein paar Jahren dahin, weil dem Staat die Ideen für Infrastrukturprojekte ausgegangen sind. Die Ökologie verspricht auch hier Rettung. (bsc)