Passierschein A38: 325.000 Jobs nur für Bürokratie-Compliance

Deutsche Betriebe mussten laut IAB-Studie in drei Jahren 325.000 zusätzliche Arbeitskräfte einstellen, um gestiegene Bürokratie zu bewältigen.

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Papierstapel

(Bild: Moobin/Shutterstock.com)

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Deutsche Betriebe haben in den vergangenen drei Jahren rund 325.000 Arbeitskräfte zusätzlich eingestellt, um die gestiegene Bürokratie zu bewältigen. Das geht aus einer aktuellen Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor, für die im ersten Quartal 2025 insgesamt 9.209 Betriebe befragt wurden.

Die wahrgenommene Bürokratiebelastung hat dabei massiv zugenommen: Auf einer Skala von 1 (sehr niedrig) bis 10 (sehr hoch) bewerten die Betriebe ihre aktuellen Aufwendungen durchschnittlich mit 6,8 – ein Anstieg um mehr als einen ganzen Skalenpunkt binnen drei Jahren. Besonders markant ist die Entwicklung am oberen Ende: Gaben 2022 nur 4 Prozent der Betriebe den Höchstwert von 10 Punkten an, sind es 2025 bereits 14 Prozent.

Als größte Belastung nennen die befragten Unternehmen die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Das deckt sich mit einer aktuellen Bitkom-Umfrage, wonach 97 Prozent der deutschen Unternehmen einen hohen oder sehr hohen Aufwand bei der Umsetzung der Datenschutzvorgaben beklagen. An zweiter Stelle folgen EU-IT-Sicherheitsverordnungen, gefolgt vom Lieferkettengesetz. Letzteres hatte die Bundesregierung im September 2025 allerdings teilweise entschärft.

Die Mehrbelastung trifft Betriebe aller Größenklassen. Laut IAB-Studie führt die zunehmende Bürokratie häufig zu steigenden Personalkosten, Produktivitätsverlusten sowie Investitions- und Innovationshemmnissen. Der Normenkontrollrat verzeichnete für 2023 einen der höchsten Anstiege beim sogenannten Erfüllungsaufwand – also dem Aufwand durch die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. Seitdem verharre dieser auf hohem Niveau, so IAB.

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Die IAB-Zahlen zur Personalbeschaffung sind die eine Seite – denn die gesamtwirtschaftlichen Folgen sind noch weitaus größer: Laut Berechnungen des ifo Instituts beliefen sich Ende 2024 die Bürokratiekosten in Form entgangener Wirtschaftsleistung auf durchschnittlich 146 Milliarden Euro pro Jahr. Der Maschinenbau-Verband VDMA macht die zunehmenden bürokratischen Belastungen als zentralen Grund für die anhaltende Wachstumsschwäche aus.

Am 1. Januar 2025 trat das Bürokratieentlastungsgesetz IV in Kraft, das unter anderem Meldepflichten im Hotelgewerbe abschafft und Aufbewahrungsfristen für Belege kürzt. Digitalminister Karsten Wildberger (CDU), der seit Mai 2025 das neu geschaffene Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung leitet, hat zudem eine Modernisierungsagenda angekündigt, die Bürokratiekosten um 25 Prozent senken soll. Eine "One in, two out"-Regelung wird diskutiert, die dafür sorgen soll, dass für jedes neue belastende Gesetz zwei gleichwertige Belastungen wegfallen.

Die IAB-Studie zeigt auch, dass produktivere Unternehmen ihr Personal unter dem Bürokratiedruck oft über das betriebswirtschaftlich gebotene Niveau hinaus aufstocken, während unproduktivere Betriebe mit dem Kostenanstieg kämpfen – was im Extremfall deren Geschäftsmodell gefährden kann. Weitere Details zur Studie hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung veröffentlicht.

(fo)