Chaos in Blau: Zum Streit um Blu-ray, HD DVD und AACS
Blu-ray Disc und HD DVD gehörten zu den Top-Themen der CeBIT. Doch die Informationspolitik beider Lager ist äußerst diffus und macht es selbst Experten schwer, bei High Definition den Durchblick zu behalten.
Nun ist es also raus: Sony wird die Playstation 3 nicht – wie im vergangenen Jahr versprochen – bereits im Frühjahr, sondern erst im November starten. Und der Schuldige ist auch gleich ausgemacht: Der Kopierschutz AACS.
Vertreter der Film- und Unterhaltungsindustrie konnten sich bisher auf keine finale Spezifikation einigen und veröffentlichten Ende Februar zunächst eine Interims-Fassung, um die Lizenzierung zu starten, damit die ersten Laufwerke ausgeliefert werden können. Diese Interims-Fassung wollen derzeit aber nur vier Laufwerkshersteller nutzen. Pioneer packt wohl schon Kartons mit ihrem Blu-ray-Brenner BDR-101A, mit dem professionelle Kunden erste Blu-ray-Rohlinge brennen können. Bei einem Laufwerkspreis von 975 US-Dollar werden Privatanwender sich vornehm zurückhalten, zudem das Gerät lediglich einlagige Rohlinge mit 25 GByte Speicherplatz beschreiben können wird.
Für zweilagige Medien mit 50 GByte Speicherplatz, die TDK ab Ende April ausliefern will, wird man vorerst nur mit Samsungs SH-B022 beschreiben können, der nun ab Ende April/Anfang Mai verkauft werden soll. Einen genauen Preis konnte Samsung Deutschland noch immer nicht nennen, da die Verhandlungen über die Höhe der Urheberrechtsabgabe mit der GEMA noch nicht abgeschlossen sind. In den USA soll das interne Laufwerk derweil nur halb so viel kosten wie Pioneers BDR-101A.
Doch obwohl Samsung bereits Ende Januar funktionstüchtige Engineering-Samples präsentierte, fehlten die Koreaner auf der offiziellen Pressekonferenz der Blu-ray Disc Association (BDA) ebenso wie die Kollegen von LG, die wenige Tage zuvor bekannt gegeben hatten, dass ihre Laufwerke auch das Konkurrenzformat HD DVD unterstützen werden. Und so durften neben dem offiziellen Vertreter der BDA nur Sony und Pioneer ihre Konzepte vorstellen. Wirklich Neues war allerdings nicht zu erfahren. Statt konkreter Produkte und Starttermine bekamen die Pressevertreter schöngerechnete Vergleichsstatistiken zur HD DVD und die üblichen Durchhalteparolen zu hören, dass die Blu-ray Disc doch nun wirklich besser sei. ("Wir haben ein Picture in Picture.")
Die drei großen Väter der Blu-ray Disc (Sony, Panasonic und Philips) hielten sich mit konkreten Laufwerks- und Player-Ankündigungen dezent zurück. Panasonic zeigte lediglich die gleichen Prototypen, die auch schon auf der IFA 2005 zu sehen waren. Neben einem Player fürs Wohnzimmer soll es auch einen Brenner in halber Bauhöhe für den PC und ein Slim-Line-Laufwerk für Notebooks geben. Starttermin: ab Herbst 2006. Preis: kein Kommentar.
Philips und Sony wollen ihre ersten Blu-ray-Laufwerke erst im zweiten Halbjahr auf den Markt bringen. Derzeit konzentriere man sich bei Sony ganz auf die Playstation 3. Vor deren Start im November sehe man keinen wirklichen Massenmarkt fĂĽr die Blu-ray Disc, hieĂź es.
Auch bei der HD DVD steht Ende des Jahres ein wichtiges Produkt ins Haus, vor dessen Veröffentlichung das neue Format wohl wenig Fahrt aufnehmen wird: Windows Vista. Microsofts neues Betriebssystem bringt gleich zwei Kernkomponenten mit, auf die die HD DVD zwingend angewiesen ist: Zum einen die neue Menüsteuerung über iHD, die fester Bestandteil von Windows Vista wird; zum anderen Protected Media Path (PMP), durch den die Abspielsoftware und die Datenübertragung zur Grafikkarte abgesichert werden soll. Glaubt man Entwicklern, die derzeit versuchen, HD DVDs unter Windows XP zum Laufen zu bekommen, so klagen diese über eine unvollständige iHD-Unterstützung in den bisherigen Software-Playern und über die mangelnde Datensicherheit unter Windows XP – trotz verschlüsselter Protokolle wie COPP und dergleichen.
Die Hersteller müssen jedoch selbst dafür gerade stehen, dass ihre Abspielsoftware keinerlei Fehler enthält, die für illegale Kopien genutzt werden könnten. Die Regressforderungen der AACS LA sind saftig. Sollte ein Softwarehaus nicht sorgfältig genug arbeiten, muss es laut Lizenzvertrag acht Millionen US-Dollar Strafe zahlen. Dies ermutigt die Unternehmen nicht gerade, spektakuläre Online-Features und Kopierfunktionen unter Windows XP anzubieten. Erste Softwarepakete werden deshalb nur rudimentäre Abspiel- und Brennfunktionen mitbringen. Erweiterte Online-Funktionen oder komplexe Authoring-Tools wird man erst im Herbst sehen. Gut möglich, dass bestimmte Zusatzfunktionen nur unter Windows Vista angeboten werden.
Zu diesem Zeitpunkt könnten die beiden konkurrierenden Lager der Blu-ray Disc und HD DVD schon ein gutes Stück weiter zusammengewachsen sein. So will LG Electronic im Juli seinen ersten Blu-ray-Brenner GBW-H10N herausbringen. Über die Spezifikation war auf der CeBIT noch kaum etwas zu erfahren, lediglich, dass das Gerät zweilagige Blu-ray Disc lesen und schreiben können wird. Der Schreib-/Lesekopf sei wie bei Samsung mit zwei Linsen bestückt, und man arbeite derzeit an einer Integration der HD-DVD-Unterstützung, hieß es bei LG. Ob sich diese auf das Lesen beschränkt oder auch das Brennen von HD DVDs umfasse, stünde derzeit ebenso wenig fest wie der Preis des Laufwerks.
Doch wenn LG erst mal ein Kombi-Laufwerk im Programm hat, werden zwangsweise auch die anderen Hersteller nachziehen müssen. Beste Voraussetzungen dafür haben Samsung und Toshiba über ihre Kooperation TSST sowie NEC und Sony, deren optische Laufwerkssparte ab dem 3. April unter dem Namen Optiarc zusammengefasst wird. Natürlich bestreiten die Vertreter beider Lager offiziell bisher noch jedweden Gedanken an solche Kombi-Laufwerke. Doch wer eins und eins zusammenzählen kann, kommt zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass solche kundenfreundlichen Lösungen wohl eher früher als später kommen werden.
Was wird nun in den kommenden Monaten passieren? NEC will ab Ende März die ersten HD-DVD-ROM-Laufwerke anbieten. Jedoch nicht als Retail-Laufwerke, sondern nur auf dem OEM-Markt für PC-Hersteller. Diese werden also vielleicht im April oder Mai hochpreisige Multimedia-PCs mit HD-DVD-Laufwerk und passender Grafikkarte mit HDCP-Verschlüsselung, vielleicht sogar mit HDMI-Anschluss anbieten. Toshiba will im April sein Qosmio-Notebook mit HD-DVD-Laufwerk (das HD DVDs lesen und CDs sowie DVDs zusätzlich schreiben kann), einer Display-Auflösung von 1920 × 1200 Bildpunkten und HDMI-Anschluss herausbringen. Kostenpunkt: je nach Ausstattung zwischen 2500 und 3500 Euro.
Für Ende Juni hat die Filmfirma Nixbu bereits die erste deutsche HD DVD angekündigt, spätestens dann sollten also HD-DVD-fähige PCs zu haben sein. Ob die HD-Filme sich kopieren lassen und ob die Ausgabe am analogen Komponenten-Ausgang auf 960 × 540 Bildpunkte beschränkt wird, hängt von den Filmanbietern ab. So will Sony die Auflösung ihrer ersten Blu-ray-Filme an analogen Ausgängen zunächst nicht beschränken, Nixbu hingegen schon und lediglich Kopien für die PSP mit 320 × 240 Pixeln erlauben. Von Seiten der Geräte soll die analoge Ausgabe erst ab 2011 eingeschränkt und ab 2014 abgeschaltet werden, so der derzeitige Plan. Einig ist sich die Filmindustrie bei der digitalen Bildausgabe. Sie wird HDCP zwingend voraussetzen und somit neue Grafikkarten und auch Monitore. Positiv für den Kunden ist einzig zu vermelden, dass die ersten HD-DVD-Filme auf einen Regionalcode verzichten werden. Ob dies so bleibt, ist wegen der territorialen Lizenzaufteilung allerdings sehr fraglich.
Wer Daten speichern will, wird zunächst nur bei der Blu-ray Disc fündig, wenn auch die Medien extrem teuer sein werden. TDK will einmal beschreibbare BD-Rs mit 25 GByte für 15 Euro und die wiederbeschreibbare BD-RE für 20 Euro verkaufen. Ab Ende April sollen bereits 50-GByte-Medien für 35 und 45 Euro ausgeliefert werden. Ähnlich sehen die Preisvorstellungen von Panasonic aus, die ihre Medien ebenfalls im Frühjahr auf den Markt bringen. Die BD-R25 soll 18 US-Dollar, die BD-RE25 25 US-Dollar, die BD-R50 43 US-Dollar und die BD-RE50 60 US-Dollar kosten. Allein Sony schweigt zu seinen Preisen, liefert aber ebenfalls erste 25-GByte-Rohlinge. Mit einem Preisrutsch ist erst 2007 zu rechnen, wenn auch taiwanische Produzenten wie Ritek in die Blu-ray-Produktion einsteigen.
Unklar ist derzeit noch, ob die Blu-ray-Medien AACS-konform sind und für eine managed Copy genutzt werden können. Dafür bräuchten sie nämlich eine eindeutige Kennung. Auf Nachfrage sagte Sony: Ja, das sei möglich. TDK verneinte, und Panasonic wusste es noch nicht. Man wird also abwarten müssen.
HD DVDs wird man frühestens ab Juli beschreiben können, wenn NEC den ersten HD-DVD-Brenner HD-1100 ausliefert. Hier sind zunächst nur einlagige Rohlinge mit 15 (HD DVD-R und -RW) bis 20 GByte (HD DVD-RAM) Speicherplatz geplant. Später sollen zweilagige Medien mit 30 und 32 GByte hinzukommen.
Im Wohnzimmer bekommen die DVD-Player erst zum Jahresende hochauflösende Konkurrenz. Toshiba will seine HD-DVD-Player in den USA zwar schon am 28. März zu Kampfpreisen von 500 und 800 US-Dollar ausliefern, ob dies jedoch klappt, ist derzeit fraglich. In Europa sollen die Player jedenfalls erst im vierten Quartal folgen. Samsung will seinen Blu-ray-Player in den USA ab dem 23. Mai für 1000 US-Dollar anbieten, ein Termin für Europa steht derzeit noch nicht fest. Pioneer will gar 1800 US-Dollar für den BDP-H1 verlangen. Mit welchen Funktionen man sich von der deutlich günstigeren Playstation 3 abheben wolle, um den Preis zu rechtfertigen, konnte keiner der Hersteller sagen. So hielt sich denn auch Panasonic mit den Preisvorstellungen seines erst zum Jahresende erscheinenden BD-Players zurück. Man beobachte den Markt und entscheide dann. Ein Tipp, den man jedem Interessierten mit auf den Weg geben kann. (hag)