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Was war. Was wird.

Sieben Minuten bleiben, dann ist alles vorbei. Da hilft die Reduktion auf das Wesentliche, wer braucht schon Jobs, die Existenzsicherung garantieren können. Nur von der CeBIT in sieben Minuten träumt Hal Faber wohl vergeblich.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wenngleich unterhalten müssen wie warten für wie wenn verlieben den wiewohl verzeihen Einsatz wobei vertrauen im wohingegen vorbereiten öffentlichen WWWW-Forum verträumen von wie zusehen Leser konfrontiert zumal beziehungsweise nachschlagen dann heiraten und als ob träumen ausblenden statt unterhalten.
Jawohl, liebe Leserin, lieber Leser, sparen müssen wir alle, warum dann nicht bei den Texten anfangen und sie ganz ohne Tuning raushauen. Wenn Wissenschaftler wie der nette Herr Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft fordern, es müsse "Vollzeitjobs unterhalb der Existenzsicherung" geben, dann müssen wohl Schüler mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 20 Stunden ran, zuverlässig und sorgfältig Beiträge ins Content-Management-System zu setzen. Wer den Minimum-Menschen will, muss früh anfangen. Wenn der Burnout mit fünf kommt, kann man ja ein paar Schnullis für die Arbeit am CMS springen lassen.

*** Doch noch sind es kernige Männer und Frauen, die diese Kolumne füttern, lesen und loben, wie neulich auf der Heise-CeBIT-Party in Hannovers lautestem Varieté. Danke. Für alle gibt es heute die Aufgabe, das WWWW in sieben Minuten zu lesen. Nach sieben Minuten ist Schluss! Und das hat dieses Mal so gar nix mit dem Urheberrecht zu tun, das in Verbindung mit Online-Recht und den Gepflogenheiten zu Zitaten so manchen Rechtsanwalt noch immer überfordert. Nein, auch nicht nach elf Minuten, wie es der Oberesoteriker des neuen internationalen Schundromans fordert, ist Schluss: Mit sieben Minuten ehren wir heute Irving Wallace, der heute vor 90 Jahren auf die Welt kam. Der mit sieben Minuten eben nicht die Dauer des durchschnittlichen Geschlechtsverkehrs beschrieb, sondern ein Pamphlet gegen Zensur und Bigotterie, für die freie Rede. Mit "seven minutes" ehren wir B.B.King, der das Titellied für den Film nach dem Buch schrieb und sang und natürlich für den einzigen fast ernsthaften Film, den Russ Meyer drehte. Das tittenfixierte Publikum konnte mit dem Gerichtsdrama über das Recht auf freie Rede nichts anfangen, der Film wurde ein Flop und beendete die kurze Karriere von Meyer in Hollywood. Und das, obwohl der Film all die Satansschnitte und schlechten Schauspieler wie Tom Selleck hatte, die ein Russ-Meyer-Film haben muss. Doch eine klitzekleine böse Sexszene, in der ein Gorilla in einem Filmstudio ein Blondchen fickt, das war zu wenig,

*** Also: Nach sieben Minuten fliegt dieser Text aus der Verrichtungsbox des Browsers. Sieben Minuten Ehre auch deshalb, weil das Thema, das jener Isaac Walleschinsky in "Sieben Minuten" beschrieb und das dann auch noch von einem jüdischen Filmemacher in Szene gesetzt wurde, immer noch aktuell ist. Nur ist es halt vergessen: Heute versteht man unter "Sieben Minuten" nach Michael Moore die sieben Minuten, die US-Präsident Bush am 11.9. in einer Schule sitzen blieb, nachdem ihm die Nachricht vom ersten Flugzeug-Einschlag in das World Trade Center erreichte.

*** Wie gerne man mit Verboten zur Hand ist, beweist die aufgeregte Debatte über Killerspiele. In "Sieben Minuten", dem Film, geht es um einen Mord, der nach der Lektüre des Buches "Sieben Minuten" passiert sein soll. Ist damit die Vorlage schuldig, ein Killerbuch, wie ein Killerspiel? Vielleicht kam die beste Antwort in den Siebzigern aus Deutschland, vom März-Verlag, der die "wahren sieben Minuten" des fiktiven J.J. Jadway veröffentlichte. Vielleicht hatte Russ Meyer die bessere, härtere Antwort: In seinem Film outete sich eine geachtete Senatorin, gespielt von Yvonne de Carlo, als Autorin des "schlimmsten Werkes seit Gutenbergs Erfindung": Politiker sind halt die besseren Schmierfinken.

*** Überhaupt, Killerspiele. Warum redet niemand von Mörderspielen oder Millionenspielen, weil sie gute Rendite bringen? Was ist denn mit der Killer-WM, ein absolutes "Buy-In" für jeden Verbraucher? Es ist mal wieder an der Zeit, nach der CeBIT den Quatsch zu beklagen, den Werber auf der Messe mit Slogans wie "Ihre Ziele, powered by Cisco" oder "Microsoft, people-ready" verbrechen. OK, es gibt auch "Familie powered by Brigitte". Das fällt natürlich nicht auf, wenn die Aussteller auf spafranzlich über die "La Ola fürs Portemonnaie" ins Schwärmen geraten und die Gerüchte vom Ausfall der Ticket-Produktion niedergebügelt werden. Sind wir nicht alle ein bisschen ballverrückt? Überrannt von den lässigen Italienern freuen wir uns einfach auf vier Wochen Sicherheit in einer doch durch und durch unsicheren Welt, die auch in einem Gesundbrunnen-Massaker enden kann. Die so gefährlich ist, dass Spieler eine Datenbank ad absurdum schwindlig spielen können, was natürlich die Datenbank berechtigt, die Schwarzenbeck-Variante zu wählen. Am Ball bleiben, wenn den Boulevard Märchen erzählt, ist alles, Schweini.

*** Über 500 MP3-/Mpeg4-Player und Handys wurden auf der CeBIT von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, die Mehrzahl bei Ausstellern aus der Volksrepublik China. Allesamt deshalb, weil sie patentrechtlich geschützte Produkte imitierten bzw. keine Lizenz hatten, die Produkte nachzubauen: Neue Ideen braucht nicht nur die CeBIT. Was an der Messe wirklich erstaunte, war nicht die geballte Werbung und die vielen Bundesligakicker, die Laptops, digitale Bilderrahmen, Fußbälle oder schlicht Pressemappen signierten. Es war vielmehr die Leichtigkeit, mit der ein Thema umgangen wurde und nur selten zur Sprache kam: Das Digital Rights Management all der neuen Geräte interessierte scheinbar niemanden. Donnernder Applaus bei Intels Origami-Vorführungen für den satten Sound und die schicken In2Movies-Filme der Arvato Mobile, die von einem Bertel-Torrent auf die neuen Taschencomputer geladen werden können, absolute Stille über die laut Intel besonders sichere "DRM-ViiV-Technologie". In2Movies und Maxdome sind so fortschrittlich, dass es keiner weiteren Erwähnung bedarf. Doch wenn die Tests stimmen, müssten eigentlich alle Player konfisziert werden, die nicht sauber angeben, wie DRM die Leistungsdauer schmälert.

*** Soso, zu wenig Shakespeare in der letzten Zeit soll also ein Mangel dieser kleinen Wochenschau sein. Wohlan, so höret diese Verse:
"Mitbürger! Freunde! Römer! Hört mich an!
Begraben will ich Cäsarn, nicht ihn preisen.
Was Menschen Ăśbles tun, das ĂĽberlebt sie."
Die SCO Group ist mitnichten unter den Akten begraben, die IBM nach Utah schickt, sondern betreibt ein fröhliches Marketing im Lichte hervorragender Produkte. Dafür gibt es Preise wie den Consumer Technology Award der Big Business Expo von Utah, Preise, die wie die Gefälligkeitsrezensionen am Lake Wobegon wirken, billig gefischt und billig vermarktet. Dass man mit pfuschen weit kommt, trifft die Sache gut, genauso wie der schöne Satz in der neuen Server-Werbung SCO UNIX helps the German train system run on time. Wir warten auf die Taufe des Mehdorn-McBride-Expresszuges.

Was wird.

Nun, die MS-Mixer haben wie angekündigt bereits ihre ersten Versprechungen unters Volk gebracht, aber was verspricht Novell? Möglicherweise ist die Brainshare ja wirklich der Anlass, etwas mehr über die Zukunft einer Firma zu erzählen, deren Linux- und Identity-Management-Mantra so langsam keiner mehr hören will angesichts unklaren Kurses. Möglicherweise sollte doch Red Hat nochmal unterstützend eingreifen – ganz alleine als kommerzieller Platzhirsch unter den Linux-Distributoren dürfte der Novell-Konkurrenz ein ungemütlicher Wind ins Gesicht blasen, vor dem auch Fedora-Projekte wie der am Montag erwartete Core 5 nur schlecht schützen. Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern schützt auch vor allzu unangenehmer Hinterfragung des eigenen Geschäftsmodells durch eine Community, auf deren Arbeit man doch angewiesen ist. Novells Jack Messman aber wird sich endgültig von den alten NetWare-Leuten verabschieden wollen – mit denen er schon lange kein Geld mehr verdient –, um nicht nur Steigbügelhalter für Red Hat zu sein, sondern endlich selbst mit seiner Linux-Bude Suse ein Bein auf den Boden zu bekommen.

Am Mittwoch startet dann auch das großspurig als First International Computer Game Conference angekündigte Ereignis. Da kann man sicher schön über den Clash of Realities debattieren, ein ebenso ominös wie der Clash of Cultures erscheinender Kampf der virtuellen Baller- und Simulationswelt mit der harten Realität. Diese Realität holt immer wieder die unterschiedlichen Protagonisten der ewigen Diskussion über die Killerspiele ein, bei der der hanebüchene Populismus politischer Forderungen der einen Seite zum Himmel stinkt, während die Ignoranz gegenüber möglichen psychischen Verwerfungen durch so manchen Egoshooter Reflexe einer abgrundtief dummen Abwehrhaltung auslöst. So haben beide Seiten ihr Päckchen zu tragen und können beruhigt über den Kampf der Realitäten und die Wirkung virtueller Welten auf das Geschäft von EA diskutieren. Viel Spaß noch ... (Hal Faber) / (jk)