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Was war. Was wird.

Was haben wir gelacht: Endlich sicher! Endlich frei! Dummerweise ist das alles ernst gemeint, und Hal Faber kann die Paranoia eines der bekannteren ungarischen Programmier langsam verstehen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Willkommen zur lästigen langen Nacht der Zeit, der Nacht der Schocker und des Gruselns, in der ängstliche Naturen zu ihrem Schmuseschädel greifen, wenn sich die SAP-Zeit endlos dehnt und dehnt, bis der letzte Batchprozess gelaufen ist. "Horas non numero nisi aestivas" steht auf dem Gedenkstein des Architekten William Willetts, einem großen Kämpfer für die Sommerzeit: "Ich zähle nur die Sommerstunden." Willett, der mit der Massenbauweise seiner "Willett-Häuser" zu Reichtum gekommen war, ärgerte sich im Pamphlet "The Waste of Daylight" schlicht darüber, dass seine Arbeiter im hellen Sommermorgen nicht ein, zwei Stunden früher mit dem Mauern beginnen konnten. Für seinen Kampf um die bessere Arbeitszeit griff er zu einer Reihe von Tricks, zu denen nicht zuletzt die Inschriftenfälschung gehörte. "Horas non numero nisi serenas" stand nämlich auf jener altehrwürdigen römischen Sonnenuhr, die einstmals als ältester Zeitmesser galt: "Ich zähle die sonnigen Stunden." Willett war es auch, der eine alte Berechnung aufgriff, die Benjamin Franklin 1784 als Botschafter in Paris durchkalkulierte. Was beide zu den Kosten des künstlichen Lichtes addierten, das eingespart werden kann, ist bis heute die Grundlage vom Märchen der energiesparenden Sommerzeit. Wir glauben das einfach. Denn manchmal sind Märchen ganz ungemein tröstlich, besonders wenn es um die unheimliche Zeit geht, die mit der Zeit auch noch wächst und wächst.

*** Ein bissiger Karl Kraus schrieb einmal im vorigen Jahrhundert: "Der Skandal beginnt erst dann, wenn die Polizei ihm ein Ende bereitet." Bei solchen Sätzen wird der Fortschritt deutlich, der inzwischen stattgefunden hat. Denn bei uns beginnt der Skandal, wenn die Polizei anfängt, zu überlegen, was sie gegen den Terror tun soll. Bundesinnenminister Schäuble hat ein Programm zur Stärkung der inneren Sicherheit vorgelegt, das vorerst 132 Millionen Euro kosten soll. Ein Schnäppchen, wenn wir damit vor dem grauslichen islamistischen Terror sicher sind. Ein Skandal, wenn man annimmt, dass es keine absolute Sicherheit geben kann. Denn dann ist das gesamte Programm eine einzige Feinderklärung des Staates gegen missliebige Staatsbürger wie Murat Kurnaz.

*** Für 64,7 Millionen Euro soll ein Online-Durchsuchungskommando rund um die Uhr genau 4600 Chatrooms abhören, in denen möglicherweise Islamisten ihre Aktionen planen. Wer immer sich in diesen Chatrooms in arabischer oder türkischer Sprache, auf Bahasa Melayu oder Bahasa Indonesia unterhält und deutsche Bezüge anklingen lässt, dessen Computer soll unverzüglich Ziel einer Online-Durchsuchung werden. Der Rest der Bevölkerung hat nichts zu befürchten, denn er hat ja nichts zu verbergen. Es sei denn, er oder sie hat in einem schwachen Moment das "FON-Versprechen" abgelegt, das als schwer verdächtige Wlandenbildung interpretiert wird. Oder einen VHS-Kurs belegt oder mit dem falschen Autohändler verhandelt. Wir leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, Kontaktperson zu werden, da macht ein bisschen Online-Durchsuchung gar nichts aus. Zumal so ein klitzekleiner Dateneinbruch des Staates selbstredend etwas ganz anderes ist als das, was der Paragraph 202a des Strafgesetzbuches unter dem Begriff "Ausspähen von Daten" unter Strafe stellt:
"(1) Wer unbefugt Daten, die nicht für ihn bestimmt und die gegen unberechtigten Zugang besonders gesichert sind, sich oder einem anderen verschafft, wird mit Freiheitsstrafe bis zu 3 Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Daten im Sinne des Absatzes 1 sind nur solche, die elektronisch, magnetisch oder sonst nicht unmittelbar wahrnehmbar gespeichert sind oder übermittelt werden."

*** "Das ist ein kluger Mann, der Herr Schäuble. Auf den Herrn Schäuble lasse ich nichts kommen." Das sagt Herr Schily, der Herrn Schäuble in Sachen Biometrie eng verbunden ist. Derweil reist Herr Schröder durch die Lande, ein genialer gasverkaufender Literat. Und alle zusammen beklagen sie den Verfall der guten Sitten und den schlechten Ruf, den der Beruf des Politikers in unseren Gesellschaft hat. Empört wird von Vorfällen berichtet, in denen Politiker als Parasiten beschimpft werden. Moment einmal, da war doch was? Blättern wir zurück zu einem WWWW, in dem Hal Faber 2.0 debütierte. Und sich über die Broschüre "Vorrang für die Anständigen - Gegen Missbrauch, 'Abzocke' und Selbstbedienung im Sozialstaat" verwunderte, die heute leider nicht mehr beim Wirtschaftsministerium bestellt werden kann, da sie "vergriffen" ist. In dem Werk, das der damalige Minister Clement persönlich in Auftrag gegeben hatte, ist natürlich "nur volksmundig" von Parasiten die Rede, wie Clements Sprecherin damals betonte. Außerdem kam gleich nach der Veröffentlichung aus dem Ministerium eine offizielle Stellungnahme:

"Biologen verwenden für 'Organismen, die zeitweise oder dauerhaft auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben, übereinstimmend die Bezeichnung 'Parasiten'. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen. Schließlich ist Sozialbetrug nicht durch die Natur bestimmt, sondern vom Willen des Einzelnen gesteuert."

Den Willen des Einzelnen gilt es zu bewundern, auch bei einem Wolfgang Clement. Freuen wir uns mit ihm, dass er die Leitung des neu gegründeten Adecco-Instituts übernommen hat, das die Zukunft der Arbeit erforscht. Schließlich ist es ein Verdienst des Leiharbeits-Konzerns Adecco, dass die Leiharbeit entprekarisiert worden ist. Außerdem war Wolfgang Clement mit seinen fünf Aufsischtsratsmandaten, etwa bei der RWE kurz davor, den Gang zur Arbeitsagentur anzutreten. Wo ein Wille, da ist ein Leihweg! Oder, um es mit aktuellen Hartz-IV-Vokabeln zu schmücken: Die Unterschicht ist nichts anderes als das Resultat der Anstrengungen und des Handelns derer, die Oberschicht bleiben wollen.

*** Ach, und was haben wir uns wieder gefreut, als ihrer großen Weisheit anteilhaftig werden durften und sie höchstpersönlich gesehen haben, unsere großen Wirtschaftslenker, ob sie nun in einem eher düsteren Saal in Düsseldorf auftraten oder im Scheinwerferlicht der TV-Sender, deren Reportern sie ihre neuesten Initiativen zur Gesundung des Wirtschaftsstandorts Deutschland verkünden, der leider künftiglich ohne eine größere Zahl von des Konsums fähigen Mitbürgern auskommen muss. Man muss kein Keynesianer sein, damit einem bei diesem Anblick Keynes' Spruch einfällt: "Auf lange Sicht sind wir alle tot", kommentierte er trocken den blinden Glauben in die Selbstheilungskräfte des Marktes, den nun wieder all diese mediokren Manager und Firmeninhaber verkünden, die ihre kleinbürgerliche Angst um den eigenen Geldbeutel unter dem Rubrum der Besorgnis großer Wirtschaftslenker und weitsichtiger Ökonomen verkaufen. Aufs neue schlägt die Arroganz der "Zufriedengestellten" zu. Solche Leute erscheinen ja nicht einmal mehr einer Neuauflage dessen Wert, was einmal Klassenkampf genannt wurde. Kein Wunder, dass das Soziologendeutsch vom "abgehängten Prekariat" und die Propagandavokabel der "Unterschicht" eine Diskussion dominieren, auf die sich die NPD schon lange gefreut (und gut vorbereitet) hat. Es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Kleinbürgerschicht aus Angst vor dem sozialen Abstieg ein ganzes Land in den Abgrund reißt.

*** Aber so ist das: Mitunter handelt der Mensch aber gar nicht vom eigenen Willen gesteuert, sondern es handelt ihn. Man kennt das ja von den Freudschen Versprechern, wenn man etwas sagen will, aber seine Mutter meint. "Wenn wir Ihre Meinung hören wollen, sagen wir Ihnen diese", ist so ein netter Satz, den ein Sprecher einer großen Softwarefirma einmal zu einer vermuteten Sicherheitslücke produzierte. Um Probleme dieser Art kümmert sich die Tiefenpsychologie. Nun haben sich im Auftrag einer Firma namens Known Sense Tiefenpsychologen mit der IT-Sicherheit beschäftigt. Herausgekommen ist ein 64 Seiten starker "Berichtsband" und die Erkenntnis, dass eine Sicherheit von 100% am Arbeitsplatz von den dort arbeitenden Menschen gar nicht ausgehalten werden kann. Ein absolut dichtes IT-System wird von den Menschen als Zwangssystem empfunden, in dem sie sich auch gedanklich von der Firma entfremden. Wie sagt es der kundige Tiefenpsychologe: "Durch technologische Innovationen zunehmend sachlich geprägte Arbeit, die immer weniger Eigenes, immer weniger Menschliches zulässt, erscheint leblos und fade." Als Resultat kommt es dann zu einem triebgesteuerten "unbewussten Befreiungsschlag gegen die Unternehmenskultur", gewissermaßen zum einem Schädelküssen toter Admins, zum "unkontrollierten Ausbruch entsichernder Handlungen". Bitte schön: Viel anders wird es den jungen Hanseln nicht vorgekommen sein, die in Afghanistan mit den Schädeln spielten. Jetzt jammert die Politik über das Offensichtliche und darüber, dass das schöne Image der Bundeswehr als Technisches Hilfswerk mit Waffen dahin ist. Vielleicht dämmert die perverse Erkenntnis, dass zum Töten ausgebildete Menschen nicht unbedingt der beste Ersatz für Polizeiaufgaben im Innern sind.

Was wird.

Was naht, ist Halloween, das Fest der illuminierten Schädel, eine ur-amerikanische Sitte, inklusive aller Verkleiderei und Schädelspalterei. Ich jedenfalls käme nicht auf die patriotische Idee, unseren Hund als Reichstag zu verkleiden und selbst vielleicht als Brandenburger Tor herumzulaufen. Selbst als überdimensionierte c't mit Beinen käme ich mir wirklich doof vor. Obgleich das (nicht mehr ganz aktuelle) c't-Titelbild mit den Betriebs-Kürbissen schwer schockt, jedenfalls mehr als das Rebrush mit hockender Domina. Das Geisterfest ist immer auch ein Anlass, an die guten Geister zu denken und ihnen zu danken. Inzwischen sind über 80.000 US-Dollar aufgelaufen, die helfen sollen, den Abschied des großen Robert Anthony Wilson erträglich zu gestalten, der einstmals frenetisch beim CCC gefeiert wurde.

Berufsbedingt habe ich in dieser Woche zwei Betriebssyteme installieren müssen, den schnittigen Molch und die schöne Aussicht. Mark Shuttleworth von der Molch-Fraktion ist schon oben gewesen; nun soll Charles Simonyi folgen, der ehemalige Chef-Programmierer von Microsoft. Charles Simonyi begann als Nachtwächter an einem Ural-II-Computer in Ungarn, als Sohn eines traumatisierten Professors, der den Volksaufstand in Ungarn vor 50 Jahren knapp überlebte. Er lernte den von Peter Naur geschriebenen Gier Algol Compiler in Assembler auswendig und konnte damit aus Ungarn ausreisen. In einem Interview erzählte er einmal von seiner Angst vor den Marsianern. Dass sie eine Tages kommen und alle Programmierer der Welt in New Mexico zu einem neuen Manhattan Project zusammenpferchen würden. "Ich müsste mit dem großen Bill Atkinson zusammenarbeiten, mit Bruce Artwick und Bill Budge!" Nun wird er den kleinen grünen Männchen entgegen fliegen und ihnen den ungarischen Programmierstil erklären. (jk)