Was war. Was wird.
Reiche Leute wären wir Deutschen, meinte Bakunin, wenn nur... Wie so oft ist alle Hoffnung vergebens, wenn der Weihnachtsmann am Tag der Deutschen Einheit die Ostereier als neue Betriebssysteme zu wiedergeborenen Amerikanern bringt, bedauert Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Die Mühen der Ebenen liegen hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebenen. George W. Bush in den Wiedervereinigten Staaten von Amerika und Harald Schmidt bei den Vereinigten deutschen Rundfunkanstalten gehen in ihre zweite Amtszeit. Während sich halb Amerika entschuldigt und an das Auswandern nach Kanada denkt, überdenkt die andere Hälfte ein Sezessionsszenario, um endlich einen reinen, den einen und wahren Bibelstaat zu haben, der die Gläubigen das Paradies ein Stückchen näher rücken lässt. Die Wahlen sind beendet, die alten Feindbilder sind geblieben, Heirat nicht ausgeschlossen.
*** Zurück nach Deutschland. Hier gibt es konstruktive Debatten wie die über den Verbot des Wortes Zigeunerschnitzel. Löblich, dass sich der ostdeutsch bürgerbewegte Günter Nooke, Mitglied der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland", für das politisch ungleich weniger diskriminierende Sinti-und-Roma-Schnitzel einsetzt. Dann gibt es regierungsseitlich so bezeichnete verlogene Debatten, um Studiengebühren an Universitäten, Pressebehinderungen nach dem Caroline-Urteil und den 3. Oktober. Doch die Aufregung ist schon vorüber, ehe das Einheits-Schnitzel in der Pfanne gar geworden ist. Was bleibt, ist der Tag des Herzens. Der 9. November steht bevor, die Dossiers sind festlich hergerichtet. Immerhin hat die deutsche Regierung gezeigt, was sie von dem Gedenken an den Vollzug der deutschen Einheit hält: Ein paar Steuertricks sind ihr wichtiger. Der Gegenvorschlag ist konsequenter. Wenn Ostern und Weihnachten und der Pfingstmontag zusammenfallen, kann der Weihnachtsmann Ostereier ausfahren, können die enormen Summen zum Schutz des deutschen Feldhasen in die Rente gesteckt werden. Das sind die Synergieffekte im großen Stil, wie sie nur ein Larry Ellison mit der Zusammenlegung von Oracle und Peoplesoft angehen kann.
*** In dieser Woche trafen sich führende Visionäre in Frankfurt, um das Manifesto for the Digital Home zu diskutieren, an das Forrester Research glaubt und das sie gerne verkaufen. In Frankfurt tauchten sie wieder auf, all die intelligenten Kühlschränke, Spülmaschinen und Wäschetrockner, die von einem universellen Operator-Interface aus bedient werden, das serve@home, mit dem der Anwender sein Haus "Drive by wire" im Cockpit fliegt. Ganz deutlich zeichnet sich ab, dass der PC kein "Werkzeug für Schulkinder" mehr ist, sondern ein modernes digitales Unterhaltungssystem. Au klasse, wenn da man bloß Superbot lostrampelt und eine Systemstörung verursacht. Am Werkzeug für Schulkinder sitzend, erlaube ich mir den vorgezogenen Ausblick nach Graz, wo ebenfalls über das Haus der Zukunft nachgedacht wird, nur eben ohne kindliche Allmachtsphantasien, die Waschmaschine übers Handy zum Weichspülen zu zwingen. Sollte all das nicht genug sein, so bleibt der Blick nach dem großen Britannien, wo kleine, dreckige Reality-Shows bessere Ideen haben als die Dschungel-Jauche zu zeigen.
*** Wo ein deutsches Heim, ist auch ein Blockwart. Die alte deutsche Tradition der Denunziation bewährt sich auch im Zeitalter des Internet, sowohl bei den überwachenden Überwachern wie bei den Überwachern der Überwacher. Die staatlichen Pläne zur Verstärkung der Telefonüberwachung sind etwas gestört worden, dafür geht es bei der E-Mail voran. Bald werden bei allen deutschen Providern Mautbrücken installiert sein, die das Passieren der Datenpäckchen beobachten, ganz in der Weise, wie heute schon die gläsernen Banken einen Kanal geöffnet haben, an dem der beliebten Sparstrumpf-Denunziation nachgegangen werden kann.
*** Heute vor 100 Jahren nahm die erste Fahrschule ihren Betrieb auf. Die Autolenkerschule bildete praktisch die ersten Berufskraftfahrer aus, denn es dauerte noch ein Jahr, bis die "Herrenfahrer" auf die Böcke durften, die ihre Sklaven für den dreckigen Rest hatten. Hundert Jahre später sehen die Berufskraftfahrer, sofern sie mehr als 12 Tonnen bewegen, der Maut entgegen und sind skeptisch, was die Leistungen von Toll Collect angeht. Offiziell wird Optimismus verbreitet, doch stutzt man schon, wenn der Verkehrsminister die Idee ventiliert, mit Hilfe von Callcentern den Verkehr flüssig fließen zu lassen. Diese Center sollen einen kostenlosen Anruf entgegennehmen, wenn der LKW auf die Autobahn fährt und einen zweiten, wenn er wieder abfährt. So einfach geht das.
*** Zusammen mit der Stadt München und ihrem LiMux-Projekt hat Groklaw den dritten Platz bei einem Linux-Preis der Konkurrenz gewonnen. Diese Konstellation ist denkwürdiger als der Sieg von Eurolinux, den Kämpen gegen Softwarepatente, die immer fragwürdiger ausformuliert sind. Das weltweit beachtete LiMux-Projekt im Verein mit der Website auszuzeichnen, die detailliert über die enormen Anstrengungen der SCO Group berichtet, Linux das Wasser abzugraben, ist mehr als ein Akt der Ausgeglichenheit. Es zeigt die Chancenlosigkeit von Darl McBride und seiner Truppe, die gerade eine kursfördernde Tüftelei mit ihren Anwälten veröffentlicht hat. Hat SCO noch irgendeine Bedeutung? Nein. Spannender ist da schon die Frage, welche Zerwürfnisse bei Novell Chris Stone einen goldenen Fallschirm bescherten. Laura Didio, die einzige Journalistin, die alle bei SCO geklauten Codezeilen kennt, behauptet nun, dass Suse-Seilschaften bei Novell für den höflichen Herauswurf verantwortlich sind. Weltverschwörungen kommen nun mal aus Bayern.
*** Mitten in der Woche feierte das deutsche Rolling Stone sein 10. Jubiläum und klärte angelegentlich über die 500 besten LP aller Zeiten auf. Freuen wir uns darüber, dass nicht das überschätzte Beatles-Zeug von Oberst Pfeffer gewonnen hat und leiden wir mit dem gerade zum Ritter geschlagenen Eric Clapton an dem hoffnungslosen Dylan-Übergewicht der Ausgabe. Immerhin hat es Roberta Joan Anderson, ein Geburtstagskind dieses Sonntages, in die Auswahl geschafft, was gar nicht selbstverständlich ist in einem Land, das Lieder von weichen Wassern für großen Folk hält. Aber was soll man sich beschweren, wenn gelegentlich ein sowjetischer Emigrant in London ein neues Label küren muss, um auch den Amerikanern fast schon exilantenhaft einmal zu zeigen, was es denn so für gute Musik im eigenen Land gibt. Vom Art Ensemble Of Chicago über Sun Ra und Anthony Braxton bis zu Cecil Taylor seien nur die lange schon bekannten Namen der US-Avantgarde genannt, die bei Leo Records neben dem neuen Jazz aus der ehemaligen Sowjetunion oder jungen europäischen freien Musikern zu finden sind. Zu feiern also ist in diesem Jahr, darauf sei ohne Festlegung auf den Tag hier hingewiesen, das 25-jährige Bestehen von Leo Records, das beste -- übrigens auch beim angenehmerweise nicht allein auf Musikempfehlungssysteme zur Navigation durch den Online-Katalog, sondern auf Hintergrundartikel setzenden Internet-Musikladen EMusic verfügbare -- Label für improvisierte Musik auf dieser weiten Welt, die sich auch trotz eines George W. Bush nicht evangelikalen Lobesgesängen unterwerfen wird.
*** Aber wir sind mit den Geburtstagen und den sowjetischen Emigranten noch nicht am Ende. Heute vor 125 Jahren wurde Leo Trotzki geboren. Es gab in Deutschland eine Zeit, da wurden die drei Taschenbuch-Bände der Isaac-Deutscher-Biografie über Trotzki von jungen Leuten verschlungen wie später der "Herr der Ringe". Aber das ist lange her. "Lernen ist eine sehr gefährliche Sache, denn notwendigerweise muss man vom Feind lernen", schrieb Trotzki im mexikanischen Exil.
Was wird.
Tja, und dann kommt die Lösung aller Probleme, das System to End All System Wars auf uns zu. Wirklich? Ach, nein, wie so oft ist alle Hoffnung vergebens. Die neue FreeBSD-Version steht in den Startlöchern, nun werden die Anwender auf die Download-Server losgelassen -- ein verglichen mit der weitverzweigten Linux-Konkurrenz homogenes Betriebssystem erreicht eine neue, allgemein einsetzbare Entwicklungsstufe, ein System, das Open Source mit zentraler Code-Verwaltung und uneingeschränkter kommerzieller Nutzung vereint. Möglicherweise hätte etwas mehr Trollhaftigkeit der BSD-Entwickler dem System zu mehr Popularität und einer ähnlichen Fan-Gemeinde wie Linux verholfen. Möglicherweise sind es -- neben den Meriten als recht ausgereiftem, und doch weiterentwickelten System ohne unnötigen Schnickschnack -- aber genau die mangelnde Troll- und Proselytenhaftigkeit, die das System und das Projekt so sympathisch machen.
Wenn die Woche ausklingt und schon der trollige Freitag eingeläutet ist, eröffnet Beiratsvorsitzender Gerhard Schröder den Jahreskongress der Initiative D21 und verleiht den deutschen Internetpreis. Zu hoffen ist, dass der gerdische Knoten beim Kanzler einmal lösen wird, denn bislang hat er wenig Glück. Der IT-Adler der Bundesregierung krächzt ".com schon Deutschland!", doch das auf einer hoffnungslos veralteten Seite. Passend zur Diskussion um den 3. Oktober weise ich auf den Tag der Arbyte hin, an dem das starke Bit die Räder still hält. Und, wem Trotzki nicht schmecken will und wer Schröder-Kritik geschmäcklerisch findet, den verweise ich auf Michail Bakunin, der vor (ungefähr, auch hier ist der genaue Tag umstritten) 164 Jahren aus Berlin an Alexander Herzen über die Deutschen schrieb: "Wäre der zehnte Teil ihres reichen geistigen Bewusstseins ins Leben übergegangen, so wären sie reiche Leute." (Hal Faber) / (jk)