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Was war. Was wird.

Endlich ist Street View gestartet. Auf dem Parkplatz des kleinen Verlags in der norddeutschen Tiefebene guckt sich Hal Faber an, wie die ungewollt Verpixelten auf die Barrikaden gehen, während Omas Paket aus Namibia alle ganz kirre macht.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.


*** Endlich ist Street View gestartet. Wer will, kann sich den kleinen Verlag in der norddeutschen Tiefebene ansehen, komplett mit dem Parkplatz, auf dem in tiefer Dunkelheit diese Wochenschau überreicht wird. Und das ganz ohne Mattscheibe, anders als bei den ungewollt Verpixelten, die auf Facebook Trost im geteilten Schicksal suchen. Beim kleinen Verlag sehen wir die hohe Kunst der Individualverpixelung am Werke, wie mittels Jalousien das Sonnenlicht Zimmerverbot im Harem der IT bekommt, weil in vielen Zimmern die Eifersuchtsblende eingesetzt wurde, als der Giraffenkarren vorbeirollte. Mit dem Start von Street View sollte die blöde Debatte zwischen Panoramafreiheitsverfechtern und den Joschkafischerabnickern eigentlich zu Ende sein, doch weit gefehlt. Wieder wird der unsägliche Jeff Jarvis abgedruckt und derselbe auch noch als "Vordenker des Internets" gefeiert. Eine DLD-Debate wird ausgerufen, in der weitere "Vordenker" wie der Facebook-Fanboy David Kickpatrick zu Worte kommen soll, damit man alles hübsch nachdenken kann. Denn auch das Fressenbuch wartet mit Neuheiten auf. Warten wir ab, bis die Verpixelungen von Google als Werbeflächen vermarktet werden und in der Post von Facebook zielgruppengerechte Links blinken.

*** Nach den Gedanken über Deutsche in der Sauna werden dank Street View philosophische Betrachtungen über Deutsche im Kofferraum fällig, die das pixelpäckschenverbombte Land in "Aufruhr" versetzen. Wahlweise tut es auch der Unsinn, die German Angst hervorzukramen, die eigentlich Besseres verdient hätte als Referenz. Ja, die nackte Angst geht um in Deutschland, dem Land, in dem Gepäckstücke immer unter Aufsicht stehen müssen, seitdem wir von Namibia umzingelt sind. Wo bleibt nur Google Packet View, als Service passend zu den seltsamen Vorschlag, huschehuschfixfix die Vorratsdatenspeicherung einzuführen, weil Omas Pakete durch eine "Schutzlücke" rutschen. Und das vor Weihnachten, wo gutgetarnte Zipfelmänner mit Rauschebart und Päckchen unterwegs sind. Da braucht es dringend diese Sicherheitsnetze, in denen gefangene gefährliche Tannenbäume eingelagert werden, damit dieses unsere Land wieder sicher wird. Um jedes Päckchen ein Netzchen und frisch deutsches Liedgut dazu geschmettert:

Ich habe wohl ein Netzchen, das fischt gar gut, ich fang mir den goldenen Fisch in der Flut. Mein wirst du, o Liebchen, fĂĽrwahr du wirst mein, und wolltest du es auch nicht sein.

*** Wollen wir eigentlich diese Freiheit mit allgemeiner Gepäckaufsischtspflicht und der Denunziation von Menschen, die eine Sprache sprechen, die wir nicht verstehen? Ganz von dem logischen Knick abgesehen, wie man das Aussehen von Menschen beurteilen soll, die sich nie blicken lassen? So kann man sehen, dass in der allgemeinen Hysterie auch politische Trantüten einen gefährlichen Inhalt haben können. Wenn heute abend unser aller Bundesinnenminister Thomas de Maizière zusammen mit Gerhart Baum bei Anne Will über die akute Terrorgefahr diskutiert, werden selbst hartgesottene Admins ihr Riechtüchlein zücken. Eine andere Seite der typisch deutschen Terror-Hysterie sollte freilich nicht verschwiegen werden. Wenn die Netzutopisten kurzerhand den Datenschützer exkommunizieren, demonstrieren sie ihr plattes Unverständnis des Real Life. Freiheit statt Angst vor Kompromissen, das hört sich dummerweise nicht kampagnenfähig an.

*** Von besonders ausgesuchter Plattheit präsentierte sich diese Woche das deutsche Fernsehen mit einem kenntnisfreien Stück zum neuen Personalausweis und der maschinenlesbaren Zone, die der neue Ausweis wie der alte Ausweis und der Reisepass besitzt. Der Beitrag suggerierte, dass diese Zutrittsabsicherung bei der KFZ-Ummeldung oder auf der Bank geprüft wird. Entsprechend einfach konnte unser aller Bundesinnenminister die Sache dementieren. Der Rufmord per Rufname ist darum eine beachtliche Fehlleistung, weil es rund um den Ausweis eigentlich genug Probleme gibt, mit der sich Kritiker beschäftigen können. Man denke nur an die bohnerwachsweiche Mitteilung zum Test der AusweisApp als angeblich schwer komplexer Software. Oder daran, dass derzeit zwar die ersten Ausweise von der Bundesdruckerei zu den Meldebehörden geschickt werden, dort aber die Änderungsterminals nicht freigeschaltet sind. Wortspiele zu diesen Änte-Boxen gibt es schon zur Genüge. Ähnlich seltsam sind die Jubelmeldungen, dass ELENA gestoppt ist. Tatsächlich läuft die Aufschüttung eines riesigen Datenberges mit Meldungen aus den Unternehmen weiter, nur die Testphase ist verlängert worden, weil das System alles andere als ein kostengünstiges Verfahren ist.

*** Landauf, landab wird auf den Unterhaltungsseiten der hochleistungswertigen Presse der 100 Todestag von Tolstoi gefeiert. Selbst in den IT-Nachrichten ist ein Hauch von Tolstoi zu finden, weil sich Microsoft vor 25 Jahren den Spaß erlaubt hat, an diesem Tag Windows vorzustellen, komplett mit einer Notiz und einem Kalendereintrag zu Tolstoi. Krieg und Frieden liegen nahe beieinander und so passt auch die Nachricht vom Auftauchen der Beatles auf feindlichem Gebiet in diese Wochenschau. Im Jahre 1981 unterzeichneten die Apple Corps Ltd. und Apple Computer Corporated ein geheimes Abkommen, dass Apple Computer den Namen Apple für Computer nutzen durfte. Als 1989 die Multimedia-welle begann, als MIDI- und CD-Unterstützung auch die Apple-Rechner erreichte, verklagten die Briten Apple Computer und wollten 250 Millionen Dollar Schadensersatz. Der erste Rechtsstreit wurde 1991 außergerichtlich beigelegt, als Apple 26,4 Millionen Dollar zahlte - und prompt von der eigenen Rechtsschutz-Versicherung verklagt wurde, die sich unzureichend informiert fühlte und kein Geld auszahlte, sondern selber 13,2 Millionen Schadensersatz kassieren wollte. Der zweite Rechtsstreit bestätigte dann die landläufige Wahrheit, dass kein Frieden ewig ist.

Was wird.

Von einem geheimen Krieg gegen die Freiheit von Informationen reden auch die Fans von Wikileaks, weil ihr Sprecher Julian Assange nun von der schwedischen Staatsanwaltschaft mit internationalem Haftbefehl zur Untersuchungshaft geführt werden soll. Der ohnehin schon unübersichtliche Fall aus dem Privatleben eines Aktivisten taugt darum bestens für Verschwörungstheorien, weil Assange sich wochenlang in Schweden aufgehalten hat und während dieser Zeit ausdrücklich bestätigt bekam, dass er ausreisen darf. Im Gegenzug ist es nicht minder skurril, die Stellungnahme eines Anwaltes zu lesen, dass es tatsächlich um ungeschützten Geschlechtsverkehr gehen soll und der Angeklagte großzügig eine persönliche Aussage via Telefon, Videokonferenz oder e-Mail anbietet, unter der Voraussetzung, dass er nicht verhaftet wird. Die Chancen stehen gut, dass dieses Drama viele Fortsetzungen hat, weil nun Interpol am Zuge ist und gestern eine Red Notice in der Causa Assange erlassen haben soll. Ob Irland, Schweiz, Großbritannien oder Kuba, all diese Länder dürften auf diesen Auslieferungsantrag positiv reagieren, in der nächsten Woche. Immerhin ist die Geschichte um Assange eine nerdige Alternative zum Terror der Berichte über Wilhelm und seine Käthe. Wenn sie sich ein bisschen mehr angestrengt hätte, wäre sie eine Top-Stewardess geworden. (vbr)