Patricia Russo hat als Chefin von Alcatel/Lucent große Sparpläne
Die deutsche Dependance von Alcatel hat bislang noch keine Informationen über einen möglichen Stellenabbau nach dem Zusammenschluss von Alcatel und Lucent hierzulande.
Patricia Russo (53), eine der prominentesten amerikanischen Unternehmerinnen, hat enormes Durchsetzungsvermögen. Dies hat sie als Konzernchefin beim größten US-Telecomausrüster Lucent Technologies bewiesen. Seit Januar 2002 trieb sie die Sanierung von Lucent in der für die Telekommunikationsbranche schlimmsten Geschäftsphase erfolgreich voran. Russo soll Chefin des geplanten Weltmarktschwergewichts Alcatel-Lucent mit Sitz in Paris werden, falls die als "Fusion Gleicher" deklarierte transatlantische Ehe mit dem französischen Telecomausrüster Alcatel von den Aktionären beider Firmen und den Aufsichtsbehörden genehmigt wird. Alcatel-Chef Serge Tchuruk (68) ist als Verwaltungsratsvorsitzender vorgesehen. Der Wert der Transaktion wird auf rund 13,4 Milliarden US-Dollar beziffert.
Bei Lucent Technologies hatte Russo die Belegschaft halbiert. Sie ließ zahlreiche Werke schließen und richtete Lucent stärker auf das Internet und das Geschäft mit den Unternehmen aus. Allerdings blieb Lucent weit hinter dem auf Internet-Equipment konzentrierten Branchenführer Cisco zurück. Die Firma leidet auch unter der Konkurrenz von Firmen wie Juniper Networks und neuen chinesischen Billiganbietern. Der Zusammenschluss von Alcatel und Lucent könnte nach Wall-Street-Spekulationen Telecom-Ausrüster wie Nortel Networks, Ericsson und Siemens in Zugzwang bringen.
Jährliche Einsparungen von 1,4 Milliarden Euro sind vorgesehen. Mehr als 10 Prozent der Belegschaft und damit fast 9000 Mitarbeiter sollen innerhalb von drei Jahren ihre Stellen verlieren. Als Hauptaufgabe wird Russo die schwierigen Personalkürzungen durchsetzen müssen, was in den USA wegen des fehlenden Kündigungsschutzes viel einfacher sein dürfte als in Frankreich mit viel strikteren Gesetzen. Die Amerikanerin will dabei "fair und ausgewogen" vorgehen. Überlappungen gibt es Branchenbeobachtern zufolge im Verkauf und Marketing, Werksschließungen sind offensichtlich ebenfalls geplant. Allerdings hielten sich Russo und Tchuruk noch zurück, wo genau der Rotstift angesetzt werden soll.
Lucent hatte gewaltige Milliardenverluste zu verkraften, bevor Russo das Steuer herumriss. Der Konzern hatte Anfang 2002 noch 62 000 Beschäftigte. Unter Russo ging der Stellenabbau dann rasant weiter: Lucent hat derzeit nur noch rund 30.000 Mitarbeiter. Die viel größere Alcatel beschäftigt rund 58.000 Mitarbeiter.
Russo, eine passionierte Golfspielerin mit Schulfranzösisch-Kenntnissen, hatte zu Beginn ihrer Laufbahn zunächst acht Jahre lang bei IBM im Verkauf gearbeitet, ehe sie 1981 zum Telefonkonzern AT&T wechselte. Dort machte sie rasch Karriere. AT&T hatte seine große Telecom-Ausrüstungssparte 1996 als Lucent an die Börse gebracht und abgespalten. Die Managerin schied im August 2000 bei Lucent aus. Damals war sie Leiterin der Netzwerksparte. Nach einem Zwischenspiel beim Fotoriesen Eastman Kodak als für die Tagesgeschäfte verantwortliche Präsidentin kehrte sie Anfang 2002 als Konzernchefin zu Lucent zurück. Sie brachte Lucent innerhalb von zwei Jahren auf Vordermann und wieder in die Gewinnzone.
Noch keine Informationen über Stellenabbau in Deutschland
Die deutsche Tochter von Alcatel hat bislang noch keine Informationen über einen möglichen Stellenabbau nach dem Zusammenschluss von Alcatel und Lucent. "Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist noch nichts absehbar", sagte eine Sprecherin am heutigen Montag in Stuttgart.
Alcatel hatte Ende 2005 in Deutschland rund 5200 Beschäftigte, darunter 1600 Ingenieure. Deutschland ist nach Frankreich der zweitgrößte Entwicklungsstandort des Konzerns. Eines von weltweit sechs Forschungszentren ist in Stuttgart angesiedelt. Weitere Standorte sind im thüringischen Arnstadt, in Berlin, Bonndorf (Baden-Württemberg) und Hannover. Im vergangenen Jahr wurde ein Umsatz von 1,3 Milliarden Euro (2004: 1,2 Milliarden) erzielt.
Ein Schwerpunkt der deutschen Alcatel-Tochter mit Hauptsitz in Stuttgart ist die Entwicklung von Leit- und Sicherungstechnik für Bahnen im Fern- und Nahverkehr. Seit dem 1. April ist Wolfgang Weik neuer Chef von Alcatel in Deutschland. Er rückte auf den Posten von Reinhard Hutter.
Siehe dazu auch:
- Mit ihrer Telecom-Ehe rücken Alcatel und Lucent zur Nummer zwei auf
- Telecomausrüster Alcatel und Lucent fusionieren
- Geheimaufträge für Lucent erschweren Fusion mit Alcatel
- Lucent und Alcatel bestätigen Fusionsgespräche
(Peter Bauer, dpa) / (jk)