4W

Was war. Was wird.

Aus dem Ruck, den einst ein deutscher Bundespräsident einforderte, ist ein Rück geworden. Einiges spricht dafür, dass Deutschland sich auf den Weg ins Mittelalter befindet, konstatiert Hal Faber in seiner Wochenschau, die kein Blog ist.

vorlesen Druckansicht 262 Kommentare lesen
Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die Zeit will Bewegung in die Welt des Wissens bringen und hat darum in dieser Woche ihre Leser mit dem ersten Band eines Lexikons angefixt, das ganz hinten mit dem "Besten aus der Zeit" angereichert wurde. So sieht es aus, wenn das Wissen als Synergieeffekt auf toten Bäumen ins Haus getragen wird. Eigentlich wäre die Sache nicht weiter berichtenswert, wären da nicht die gierigen Blicke auf die unverschämte Wikipedia im Internet, die, von BAföG-gestützten Studis und hoffnungsvollen Assis vollgeschrieben, dem Wissen als Ware Konkurrenz macht. Inmitten der Diskussion um Studiengebühren tauchen erste Überlegungen darüber auf, wie man dem akademischen Nachwuchs verbieten kann, bei einem so ungebührlichen Projekt der Wissensanhäufung mitzumachen, wie es die Wikipedia ist. Ganz arglos klopft auch die VG Wort an, um Urheberrechtsgebühren vom freien Wissen zu kassieren, weil Schulbuchverlage sich ohne groß zu fragen aus der Wikipedia bedienen. Die einstmals revolutionäre Idee vom Urheberrecht verkümmert zum Eigentumsclaim. Doch halt! Noch ist Deutschland nicht verloren! Es gibt, juchheissassa, den Brockhaus multimedial, der einen festen Platz auf dem Weihnachtswunschzettel der jungen Generation hat. Weil er eben ein digitales Leadprodukt voller Medienmix ist, das die 19- bis 24-Jährigen emotional aktiviert und daher den Blick ins Lexikon bei ihnen als best practice positioniert. Und wer da von einer multimedial vernetzten Kampagne voller Viralmarketing, Internetaktivitäten und Promotions am Point of Sale schwärmt, hat schon mal eines erreicht, die Abschaffung der deutschen Sprache. So erinnert nur noch die Wikipedia an ein großes Projekt.

*** Mit dem großen Ruck, den einst ein deutscher Bundespräsident anforderte, hat etwas nicht geklappt. Aus dem Ruck, der durch Deutschland gehen sollte, ist ein großes Rück geworden. Deutschland befindet sich auf den Weg ins Mittelalter. Nehmen wir nur die LKW-Maut, die bald wirklich (für Werber: in echt) starten soll. Aus diesem Grunde gibt es seit Freitag die Mauttabellen mit den Details zur sogenannten Autobahnmaut. Jetzt wird deutlich, wie viele Strecken mautpflichtig werden, die keine Autobahnen sind. In Hamburg sind sämtliche innerstädtischen Strecken nach Harburg vermautet und erinnern damit an das finstere Mittelalter, als die Harburger beim Betreten der Hansestadt Stadtzoll zahlen mussten. Mit Blick auf das Tabellenwerk bekommen die Naturschützer Recht, die eine Ausdehnung der Maut auf alle Straßen fordern. Wenn da nicht die ganze schöne Technik mit OBUs, GPS, und Mautbrücken wäre, würde Finanzminister Eichel diese Ausweitung sofort bejubeln. Aber die Technik muss ihren Nutzen beweisen: Wenn alle Straßen mautpflichtig sind, würde die Kontrolle des Kilometerzählers reichen, wie in der Schweiz.

*** Mit GPS kann man einen LKW auf fünf Meter genau orten. Das geht auch mit noch kleineren Dingen wie etwa einem Auto, das ein ganz gefährliches sein kann, wenn vermutete Terroristen drin sitzen. In dieser Woche hat das Bundesverfassunggericht die Beschwerde von Bernhard Falk angehört, der 1992 mittels GPS und Videokamera überwacht wurde. Nun wird entschieden, ob GPS ein Hilfsmittel ist wie ein Peilsender oder ob vielleicht doch die Datenschützer Recht haben, die in der totalen Überwachung eine neue Qualität sehen. Nur wenn es um Terroristen geht oder um kleine Kinder, dann differenziert man doch nicht. Ab sofort hat ohnehin der wache Volksgenosse seine Volks-Kamera dabei und schießt los.

*** "Bin ich noch ein Trendsetter?, so lautet die bange Frage, die sich jeder Mensch morgens beim Blick in den Spiegel stellen muss. Habe ich wirklich genug heise online gelesen, um die Vogelperspektive der IT-Branche zu verstehen, die Standards setzt und mein Leben bestimmt? Hat mein Computer mich geplonkt? Täglich aufs Neue werden wir zurückgeworfen in die Urverführung und müssen uns dem misslichen Rätsel namens Leben stellen.

*** Sébastien Briat vom Collectif d'action contre l'enfouissement des déchets radioactifs muss es nicht mehr. Weil ein Polizeihubschrauber zum Tanken abdrehte, wurde er am vergangenen Sonntag von einem einem Zug mit Tempo 98 überrollt. Unerheblich, ob Briat angekettet war oder nicht bleibt die Leichtsinnigkeit der Transporteure bestehen, gilt das Vertrauen in die Technik. In diesem Zusammenhang möchte ich auch an Karen Silkwood erinnern, die gestern vor 30 Jahren starb.

*** Auch Jassir Arafat gehört nun zu den Toten. Sein Volk erwies ihm die Ehre in einer Art Jubelfeier. Die Aburteilung als "Mörder und Verbrecher, dessen Familie in Paris in Saus und Braus lebte", überlässt man Deutschlands prominentestem Juden Michel Friedman.

Was wird.

Natürlich erwartet Jedermensch, dass ich nun über das weltweite Toilettentreffen abferkele, aber nein, ich respektiere die Einkehr, die sich in der Beleuchtung unserer Städte eingefunden hat. Denn was wird schon groß werden, wenn das christliche Weihnachtsfest heranrückt? Der Mensch als soziales Wesen und als Soldat ist unperfekt, dankbar nimmt er die Hilfe der Peripherie in Anspruch, immerdar gewappnet zu sein. Während im Irak Falludja zu 80 Prozent erobert ist, ändert die amerikanische Armee ihre Mail-Policy. Die kämpfende Truppe darf fürderhin nicht durch Spam voller Vicodin, Rolex und Viagra verwüstet, die Daten-Geschenkpäckchen müssen ordentlich abgegeben werden. Ein vorbildliches System, das der im Exportgeschäft expandierenden Bundeswehr empfohlen ist.

Auch Microsoft lebt vom Export. Doch manchmal gibt es schmerzhafte Niederlagen. Während bei uns die Stadt Treuchtlingen feiert und 1000 Tage Tux begeht, während München vor dem "Fall" steht, ist Paris noch nicht verloren. Dort hat sich der Rat für eine Zwitter-Strategie entschieden. Das ist angeblich Grund genug für Bill Gates, auf dem französischen Äquivalent zu unserem Städtetag aufzutreten und den kleinen grünen Drasen zu bekämpfen. Oder war das ein schnaubender Mozilla, ein grünes Chamäleon?

Eine letzte Korrektur, in Anbetracht zahlreicher Mails an den "Blogger Hal Faber": Viele halten diese Wochenschau für ein Blog. Das ist sie nicht, wie ich in einem Buch über Blogs hinreichend ausführlich begründet habe. Was Blogger antreibt oder in die Lethalität treibt, ist mir ein Buch mit 42 Siegeln. Geschrieben auf totem Holz, tot wie die Comdex, die heute Abend ihre Eröffnung durch Bill Gates zu feiern hätte. Statt dessen stampfen Indianer durch Las Vegas und amüsieren sich prächtig. Die Blogger hier zu Lande amüsieren sich derweil im Hilligen Köllen bei einer Lesung der besten Blogger der Welt zum Thema "Die Gedanken sind frei", inhaltlich natürlich die Abwrackung des absolut obsoleten Journalismus diskutierend, den wir hier noch betreiben. Hoffentlich trinken sie dabei einen Wein. Windows und Linux, Kölsch und Alt, meiner und deiner, ach, wie hab ich das über! Wer ohne Sünde ist, der schmeiße den ersten Stein. Heiliger Augustin, alles ist ... (Hal Faber) / (anw)