Armer Fachhandel! Anti-Werbung von Telering und Co.
Als ob es die Fachhändler nicht schon schwer genug hätten! Jetzt starten die großen Kooperationen auch noch eine Werbekampagne, die man wegen ihrer imageschädigenden Wirkung eigentlich verbieten müsste.
Guter Ansatz: Medimax-Reklame
(Bild:Â Medimax)
Lieber Telering-Geschäftsführer Franz Schnur,
die erste Woche des Jahres 2011 haben wir schon mal geschafft. Bisher lief es ja nicht schlecht, nicht wahr? Die Konjunkturlokomotive steht unter Dampf, die Stimmung bei Firmen und Verbrauchern ist gut, die Unternehmen investieren und stellen ein, die Arbeitnehmer freuen sich auf Gehaltserhöhungen, die Röcke werden kürzer, die Aktienkurse steigen. So kann´s weitergehen.
Sie, lieber Herr Schnur, haben 2011 ja zu einem ganz besonderen Jahr erklärt: nämlich zum "Jahr des Fachhandels“. Das ist schön, wirft aber gleichzeitig die Frage auf, was denn dann die anderen, früheren Jahre waren. Also sagen wir mal zum Beispiel die Jahre 2000 bis 2010. Was mir auch nicht so recht klar ist, ist die Frage, wen Sie mit diesem Fachhandelsjahr per Akklamation erreichen wollen. Den Verbraucher, der noch immer nicht geschnallt hat, dass er beim Fachhandel besser aufgehoben ist als woanders? Oder wendet sich Ihre Initiative, die Sie gemeinsam mit den Kooperationen ElectronicPartner, Euronics und Expert ins Leben gerufen haben, eher an die Fachhändler selbst? Sozusagen als eine Art Weckruf nach dem Motto "Leute, aufwachen, lasst euch von den Media-Saturns und den Amazons dieser Welt nicht an die Wand drücken, sondern macht den Verbrauchern da draußen im Lande klar, was ihr zu bieten habt." Zu diesen "Assets" des Fachhandels zählen Sie vor allem die "umfassende ehrliche (!) Beratung", den "fairen Service" und die "persönliche und räumliche Nähe" der meist inhabergeführten Betriebe.
Interessant fand ich in diesem Zusammenhang die Kampagne der ElectronicPartner-Vertriebslinie Medimax. In fetten Lettern auf rotem Stern vor gelbem Hintergrund steht "0 Prozent Rabatt aufs ganze Sortiment“. "Wie 0 Prozent?!", stutzt da der "Geiz-ist-geil"-konditionierte Verbraucher, "0 Prozent", das ist ja nichts! Damit ist – wir erinnern uns an die AIDA-Formel der Werbewirtschaft – schon einmal das erste Ziel erreicht: Die Aufmerksamkeit ("Attention") des potenziellen Kunden ist geweckt. Aber der gute Ansatz wird dann sogleich wieder im Keim erstickt. Denn am Ende steht bei der Medimax-Werbung dann doch nur wieder der Preis im Vordergrund, in diesem Fall als Dauertiefpreis. Schade drum.
Lieber Herr Schnur, Sie beklagen, dass der "seriöse und qualitätsbewusste Fachhandel" beim Verbraucher "kaum Gehör" finde. Das wollen Sie in diesem "Fachhandelsjahr" unter anderem mit einer Anzeigenkampagne ändern. Ich bin gespannt. Aber ich sag Ihnen eins: Wenn da nicht mehr kommt als die Slogans, die ich bisher gelesen habe, dann werden Sie auch in diesem Jahr "kaum Gehör" finden. Denn Sprüche wie "Fair – wie Fachhandel", "Fachhandel – nichts liegt näher" oder "Fachhandel – so kauft man heute" sind an Langeweile kaum zu überbieten. Die gleichen verstaubten Floskeln habe ich schon vor 20 Jahren gehört und gelesen. Wen wollen Sie denn damit für Ihre Läden begeistern? Wie ich gelesen habe, sind Sie von dem Brancheninformationsdienst "markt-intern“ zu dieser Kampagne ermutigt worden. Wie es der Zufall will, habe ich Ende der 80er Jahre ein mehrmonatiges Praktikum bei markt-intern in Düsseldorf gemacht, und was soll ich sagen: Es gibt offensichtlich Bürogebäude in Deutschland, in denen die Uhren einfach stehen geblieben sind. Diese Claims von markt-intern waren schon damals zum Gähnen, und sie sind seitdem nicht lebendiger geworden. Das Erstaunliche ist für mich, dass sich offenbar immer noch jemand in der Branche findet, der sie sich aufschwatzen lässt. Wenn der Fachhandel genauso viel Pep hat wie diese Slogans – na dann gute Nacht! Das ist ja fast schon imageschädigende Anti-Werbung. Da ist es schon eher eine Gnade, wenn diese Claims beim Verbraucher "kein Gehör" finden.
Sie meinen, ich soll nicht nur meckern, sondern statt dessen einen konstruktiven Beitrag liefern? Bitteschön, gerne. Nehmen Sie den Eyecatcher der aktuellen Medimax-Reklame ("0 Prozent Rabatt auf alles") mit einem gescheiten, aber spritzigen Text, fertig. Dann, lieber Herr Schnur, dann klappt´s auch mit den Kunden.
Beste GrĂĽĂźe
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