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Was war. Was wird.

Ja, ja, die neue Realität, sie verlangt Antworten, an die sich auch die Hightech-Elite nicht herantraut. Oder behauptet sie nur, eine eben solche zu sein, fragt sich Hal Faber. Dabei kommt Freiheit vor Sicherheit.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Was die eine Enzyklopädie Alexander Spoerl zuschreibt, die andere auf Wilhelm Busch zurückführt, ist drittens wieder einmal passiert. Da sollte doch die ganze furchtbar dunkle Unterseite des Internet im Fernsehen angeleuchtet werden, da sollte gezeigt werden, wie Online-Täter mit vielen Stuxnetten die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedrohen, doch was dann kam, war die bekannte Mashup-Vorlage für zahllose Downfall-Parodien. War etwa das Internet in Deutschland abgeschaltet und konnte darum nicht angeleuchtet werden? Nix da, der Tod vom Marlboro-Man Eichinger war der Auslöser.

*** Es starben noch andere. Der unter Außenminister Joschka Fischer ausgebürgerte Deutschjamaikaner Peter Paul Zahl wurde 66. Zum Abschied kassierte er halbgare Nachrufe im Feuilleton. Besonders gelungen die Zusammenfassung in der Bildzeile der Zeit: "Der Schriftsteller Peter-Paul Zahl war Passfälscher, hatte Verbindungen zur terroristischen 'Bewegung 2. Juni' und saß wegen einer Schießerei mit Polizisten im Gefängnis." So schnurrt ein Leben auf eine durch und durch kriminelle Laufbahn zusammen. Wie war das noch?

am 24. mai 1974
verurteilte mich
das volk
– drei richter
und sechs geschworene –
zu vier jahren freiheitsentzug
am 12. märz 1976 verurteilte mich
in gleicher sache
das volk
– drei richter und zwei geschworene –
zu fĂĽnfzehn jahren freiheitsentzug
ich meine
das sollen die völker
unter sich ausmachen
und mich da rauslassen
Peter-Paul Zahl

*** Auch der Journalist und Futurologe Daniel Bell ist gestorben. Er war in den 60er Jahren Leiter der berühmten "Commission for the year 2000" der American Academy of Arts and Sciences und prognostizierte relativ genau, was mit den Computern in der "nachindustriellen Gesellschaft" passieren wird. Für die Kommission schrieb er 1967: "We will probably see a national information-computer-utility system, with tens of thousands of terminals in homes and offices providing library and information services, retail ordering and billing services, and the like." Seine Beobachtungen zu den kulturellen Widersprüchen des Kapitalismus führen direkt zur Aufmerksamkeitsökonomie, die heute im Internet gepredigt wird. Seine Annahme, dass eine technische Klasse von Wissensarbeitern entsteht, denen die klassischen demokratischen Werte fremd sind, wird zumindest in Deutschland mit dem aktuellem Wort von den "Postprivacyspacken" hoch gehalten.

*** Wie viele Tote es in Ägypten bisher gegeben hat, ist derzeit nicht genau bekannt. Die große totale Internet-Sperre ist zwar nicht lückenlos, doch zuverlässige Informationen sind noch Mangelware. Ein Regime bricht dort zusammen, das sich technisch auf der sicheren Seite sah. Gegen den historisch einmaligen Abschaltungsversuch protestierte die Internet Society, während eine zusammengerufene Runde von Internetunternehmern beim Weltwirtschaftsforum im schnuckeligen Davos sich bislang nicht auf eine Protestnote einigen konnte, weil so das Alles wird Gut-Gefühl von Googles "Außenminister" Eric Schmidt beschädigt werden könnte. Auf dem Zauberberg in Absurdistan lautet das Motto der CEO-Sause übrigens: "Building a response to the new Reality". So demontiert sich, was eine Schraube locker hat. Ganz nebenbei zeigt der Versuch, den großen Internetschalter umzulegen, die groteske Überschätzung des Internet, meint Evgeny Morozov. Der hat darüber ein neues Buch, "The Net Delusion" geschrieben. In Europa erscheint es mit dem Untertitel "How not to Liberate the World". In den USA heißt es hingegen "The dark side of Internet Freedom": Manchmal sind es kleine Sprachschalter, die den Unterschied ausmachen.

*** Wenn die Regierung das Internet abschaltet, ist es dann Zeit, die Regierung abzuschalten? Gibt es ein Menschenrecht auf IP-Connectivity? Beim Münchener WarmUp für Davos, diesem Digital Life Design entzückte Eric Schmidt die Zuhörer mit der unverbindlichen Erwähnung von Tunesien, von Ushahidi im Kontext des immer wieder liebenswerten unbösen Google, das bei jedem gespeicherten Bit um Erlaubnis fragt. Euphorisch wurde die Stimmung, als Schmidt sich zu der Aussage verstieg, dass mit neuen, superschnellen Netzen wie LTE und fix rechnenden Mobilgeräten sich so etwas wie eine "Augmented Humanity" einstellt, so frei nach Schnauze von Ernst Bloch interpretiert: "Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Aber ich habe mein Klugfon. Schick!" Für die bemerkenswerte Leistung, Humanität an ein Gerät und nicht an die Condition Humaine, die Lebenswirklichkeit zu binden, wird Schmidt sicher noch einen Ehrenpreis bekommen. Das in München unter der Hand gezeigte Google-Tablet hatte in Davos dann seine Premiere und holla, holla, die Bild kann nun in allen Sprachen gelesen werden! Schick! Kai Dieckmann macht dazu Mala-Mala.

*** Auf dem WarmUp stieg die schauspielernde Gastgeberin in eine Inszenierung der besonderen Art, derweil ihr Göttergatte seine Wunderkammer öffnete und allen Ernstes Googles Page Rank mit der Kunst der Fuge von Bach verglich. Interpretieren lässt sich das nur als Aufruf zu einem gesunden Atheismus: Wenn es einen gerechten Gott, Jahwe, Allah oder Ellen Mustermann geben täte, so würden längst Blitz und Donner wüten für diesen Frevel. Nix da, friedlich war's auf einer Konferenz, die im Mai 2000 als Cool people in the hot desert startete. Leider, leider bliebt es in der heißen Wüste nicht friedlich wegen der Infitada, deshalb trug bereits die Fortsetzung den Cyberwar im Titel. Bereits bei den Cool People knirschte es anno 2000 heftig im Gebälk: Die von ultra-orthodoxen Juden geleitete Firma WizApp wollte nicht erscheinen, die palästinensiche Hi-Tek-Engineering aus Ramallah durfte nicht. In dieser Woche veröffentlichte ausgerechnet Al Jazeera Dokumente über die Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Von dem im Jahre 2000 groß angekündigten Peace Technology Fund sind auch nur noch Ruinen erhalten. Und die Leiter der armenischen Christen an der Grabeskirche steht auch noch angelehnt vor den zerstörten Fenstern der Grabeskirche und verwittert. Welt, wo ist dein Fortschritt?

Was wird.

Auf den Fortschritt hat bekanntermaßen Wikileaks ein Copyright. Oder eben Openleaks, die Ausgründung. Oder eben diese Erzählung oder diese oder eben diese vom Staatsfeind Wikileaks. Weitere Bücher sind angekündigt. Im Februar gibt es eine deutsche Schilderung über die gefährlichste Website der Welt, einen Monat später erscheint das Buch der Lichtgestalt Julian Assange, das derzeit in Fantasixillionen Exemplaren gedruckt wird.

Wo bleibt das Positive? Gemach, gemach, der Igel ist nun einmal schneller als der Hase: Da wäre die tageszeitung zu nennen, die sich nach einem gräßlich verrunfallten Stück "Dschungelcamp-Reportage" bei ihren Abonnenten um jeden "Credit" gebracht hat, den "politischen Preis" zu bezahlen. Ab sofort ist sie ein ganz normales Nachrichtenmedium wie FAZ, FR, SZ und viele, viele andere, die man abonnieren kann oder ignorieren. Dazu startet The Daily auf dem iPad und signalisiert, dass es der Branche gut geht.

Recht heimlich, still und leise hat sich IBM herangeschlichen und in dieser Woche die Geburtstags-Website freigeschaltet, die darauf hinweist, dass ein Jubeljahr gefeiert wird. Zwar musste sich das deutsche Jubiläum dafür etwas verstecken, doch hey, wer geniale Ideen hat, darf feiern, wann er will.

Das gilt auch für Microsoft oder Google, deren 100-Jahr-Feier diese Kolumne nicht mehr erleben wird. Darum endet die kleine Wochenschau mit Peter-Paul Zahl und einem altägyptischen Hinweis.

man muss sie gesehen haben
diese gesichter unter dem tschako
während der schläge

sag nicht: die schweine
sag: wer hat sie dazu gebracht

Und im Hintergrund fragt die Viererbande, wer Ich eigentlich ist, wenn alles von mir abhängt. (jk)