Medialer Herdentrieb
Das ganze hektische Gewusel scheint eine eher seltsame Eigendynamik zu entfalten: Wer nicht ständig neue Katastrophen nachlegt, gerät schnell in den Verdacht, zu verharmlosen.
Das ganze hektische Gewusel scheint eine eher seltsame Eigendynamik zu entfalten: Wer nicht ständig neue Katastrophen nachlegt, gerät schnell in den Verdacht, zu verharmlosen.
Hinter mir hängt ein Bild von einem blühenden Kirschbaum – ein Nachdruck von Kano Eigakus „Kirschblüte und Bach“. Das Original ist im Bostoner Museum of Fine Arts zu bewundern.
Seit ich als Jugendlicher zum ersten mal japanische Farbholzschnitte bewusst wahrgenommen habe, bin ich fasziniert von diesen Bildern. Keine Ahnung, warum das so ist. Ich vermute, es hat mit der Dominanz der rechten Hirnhälfte in der japanischen Kultur zu tun – einer polychronen stark kontextbezogenen Kultur mit einer Schriftsprache, die aus stilisierten Bildern besteht. Diese Denkweise kommt mir manchmal seltsam vertraut vor, wie eine Geste, eine Handbewegung, die man bei völlig Fremden sieht, die einen aber doch mit einem Schlag wieder in die eigene Kindheit versetzen kann.
Dass die atomare Katastrophe sich jetzt ausgerechnet in Japan abspielt, kommt mir allerdings seltsam unwirklich vor: Der atemlose Datenstrom aus Googles Echtzeitsuche, Twitter, Videos und Livetickern hinterlässt mich bestenfalls ratlos, berührt mich aber kaum. Das ganze hektische Gewusel scheint eher eine seltsame Eigendynamik zu entfalten. Man bleibt an den Nachrichten kleben, wie an der neusten Folge der Lieblings-Soap. Wird die giftige Wolke Tokio verstrahlen? Was passiert mit den Helden in der Leitwarte von Fukushima? Bleiben Sie dran, die nächste Sondersendung gleich nach dem Werbeblock!
Dazu kommt der Kampf um die Quote. Wer nicht ständig neue Katastrophen nachlegt, gerät schnell in den Verdacht, zu verharmlosen. "Wie viel medialen Katastrophenalarm können wir verarbeiten, ohne unsere Sensibilität, unser Differenzierungsvermögen zu verlieren? Gibt es für Aufklärung noch eine Chance, wenn die Medien (auch die öffentlich-rechtlichen!) letztlich um Auflagen, Clicks und Einschaltquoten konkurrieren?", schreibt Stephan Ruß-Mohl auf "CARTA". Verdammt gute Frage. Ich habe nur leider keine Antwort darauf. (wst)