Die Affäre Yogeshwar

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar soll ein von der Atomindustrie bezahlter, verdeckter Lobbyist sein. Was ist von diesen VorwĂĽrfen zu halten?

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Als hätte ich’s geahnt: Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle darüber sinniert, wie man als Technik- oder Wissenschaftsjournalist den schwierigen Balanceakt zwischen Aufklärung, Panikmache und Verharmlosung bewältigen soll. Und prompt gerät einer der Kollegen, der sich meiner Meinung nach verschärft um eben diese Aufklärung bemüht hat, ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit: Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar soll ein von der Atomindustrie bezahlter, verdeckter Lobbyist sein, weil er nicht der allgemeinen Hysterie gehuldigt hat.

Die Beweisführung funktioniert so ähnlich, wie bei Antifa-Flugblättern in den 90er Jahren. Wenn es damals darum ging, einen Aktivisten der rechtsradikalen Szene in der Öffentlichkeit als besonders miese Gestalt zu brandmarken, hat man gerne aufgezählt, wer wen kennt und sich wann mit wem getroffen hat. Allein aus der Dichte des Beziehungsgeflechtes, das sich dabei vor den Augen des Lesers entfaltete, konnte man leicht die ungeheure Gefährlichkeit der Person konstruieren.

Jetzt liest sich das so: „Allerdings wurde Yogeshwar vor einigen Jahren auch für ThyssenKrupp tätig. ThyssenKrupp baut an Kernkraftwerken mit und ist zur Zeit am Bau des finnischen AKW Olkiluoto, bei dem es Pannen gab, beteiligt. Im Juli forderte der ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, im August war er einer von 40 Personen, die den "Energiepolitischen Appell" mitunterzeichneten.“ Ja ja, alles klar, soll der geneigte Leser denken. Der Yogeshwar hat doch neulich erst gesagt, dass in Fukushima ist gar nicht so schlimm. Aber das hat er bestimmt nur gesagt, weil er von der Atomlobby bezahlt wird.

Gelaufen ist die Geschichte nicht nur auf Meedia. Auch das Springer-Flaggschiff "Welt" hat die Argumentation dankbar aufgegriffen. Nun frage ich mich, als Liebhaber abstruser Verschwörungstheorien, woher dieser plötzliche Transparenz-Hype denn eigentlich kommt. Ich meine, es gibt durchaus Kollegen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie etwa Wolfgang Herrles, die unter dem Vorwand einer rationalen Diskussion uralte rhetorische Muster der AKW-Lobby wieder ins Spiel bringen. Aber niemand fragt, wer Herrles bezahlt. Warum nicht? Ist das Alles eine Scheindebatte, um vom eigentlichen Problem abzulenken? Von der Tatsache, dass die Öffentlichkeit in Sachen Atomkraft über Jahrzehnte immer wieder für Dumm verkauft worden ist? (wst)