Das Gespenst der Radioaktivität

In Deutschland hat sich nach dem Reaktorunglück von Fukushima eine diffuse Angst vor Strahlenschäden breit gemacht. Wir sollten uns davon frei machen und statt Geiger-Zähler zu kaufen lieber Geld für die Katastrophen-Opfer spenden.

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Ich versuche dieser Tage, mir einen Reim auf die Strahlen-Angst zu machen, die Deutschland seit den unglückseligen Reaktorkatastrophen in Fukushima umtreibt. Conrad meldete zwischenzeitlich, dass seine Geigerzähler-Vorräte leergekauft seien. Apotheken und Pharma-Unternehmen berichten von sprunghaft erhöhten Absätzen bei Jodtabletten. Die Menschen hierzulande machen sich zudem Sorgen, ob sie noch Sushi, Sojasoße, Fisch und grünen Tee aus Japan essen können, ohne radioaktiv verseucht zu werden.

Vertraut man den hiesigen Entwarnungen von Behörden, Wissenschaftlern und Ärzten nicht? Will man es einfach selber wissen (und messen) und mit prophylaktisch eingenommenen Jodtabletten auf der sicheren Seite sein? Sitzt die Angst vor kontaminierten Lebensmitteln durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl in 1986 tiefer als gedacht?

Ich vermute (beweisen kann ich es nicht), dass letzteres der Fall ist. Rational mag man anerkennen, dass Fukushima 9000 Kilometer weit weg ist; dass das empfindliche Sensornetzwerk, das die Welt überzieht – eigentlich, um geheime Atomwaffentests aufspüren zu können –, bisher keine besorgniserregenden Werte gemessen hat; und auch dass die aus Japan importierten Lebensmittel kontrolliert werden.

Gleichzeitig ist das asiatische Land durch das mediale Trommelfeuer gefühlt ganz nah, durch Fernsehen und Internet quasi im heimischen Wohnzimmer angekommen. Und weder die japanische Betreiberfirma Tepco noch andere Betreiber von Beinahe-Katastrophen-Reaktoren wie der des schwedischen AKWs Forsmark haben sich mit lückenloser Aufklärung hervorgetan.

Ich erinnere mich ja selbst, wie ich den Sonntag nach der Erbeben- und Tsunamikatastrophe von Japan verbracht habe: Der Fernseher lief fast den ganzen Tag, parallel dazu chattete ich mit einer früheren Kommilitonin in Norwegen, die ebenfalls die Nachrichten verfolgte. Wir sahen uns Diskussionsrunden an, klickten auf den Neulade-Knopf von Spiegel-Online & Co. und durchstöberten Wikipedia-Einträge über Tschernobyl, Atomkraftwerke und Strahlungstypen. Wir waren und sind immer noch fassungslos, dass sich nun schon zum zweiten Mal in unserem Leben eine Kernschmelze in einem Atomkraftwerk ereignet hat, ein größter anzunehmender Unfall, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit für ein AKW Experten mit 1 zu 100.000 angeben.

Trotzdem, bei aller Fassungslosigkeit wird es Zeit, zum rationalen Bewerten der Lage und aller verfügbaren Informationen zurückzukehren. Ohne Not eingenommene Jodtabletten bringen nicht nur nichts, sondern können sogar schädlich sein (ich weiß, viele Menschen schicken sie an Freunde und Bekannte in Japan). Aus den betroffenen japanischen Regionen importierte Lebensmittel müssen laut Verbraucherschutzministerium ein Zertifikat besitzen, dass sie in Japan auf Radioaktivität getestet wurden. Und wer außer einem Fachmann weiß wirklich etwas mit der Anzeige eines Geiger-Zählers anzufangen, der zudem mit mehreren Hundert Euro zu Buche schlägt? Spenden Sie das Geld lieber an die Katastrophen-Opfer in Japan, unter denen wir durch die AKW-Bilderflut gar nicht mehr an die – mehr als 500.000 – Menschen denken, die durch das Erdbeben und den Tsunami obdachlos geworden sind und oft sämtliches Hab und Gut verloren haben. (wst)