Was man beim Beben so braucht

PĂĽnktlich vier Wochen nach dem Mega-Beben wurde Nordost-Japan von einer Serie massiver Nachbeben getroffen. Eine Ermahnung zur Beladung des Krisenrucksacks. Und das kommt mit.

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Von
  • Martin Kölling

Ich möchte heute mit einem Mythos aufräumen. Nein, an Erdbeben gewöhnt man sich nicht, auch Japaner nicht. Nachdem viele Menschen in Nordost-Japan, einschließlich der Tokioter, am 11. März beim Beben der Stärke 9,0 auf der nach oben offenen Richterskala ihre ganz persönliche Todesangst erleben durften, treibt jedes der mitunter unangenehm stark spürbaren Nachbeben kräftiger als vor dem Beben den Blutdruck in die Höhe und erweicht die Knie.

Besonders die richtig starke Erschütterung von Donnerstag voriger Woche vor Sendai und das Trommelfeuer von kaum minder heftigen Nachbeben direkt unter Fukushima und vor Chiba ließ uns Inselbewohner wieder zur Bebenroutine greifen: Helm auf, von Bücherregalen weggehen, den Geschirrschrank festhalten – und warten, wie heftig das Wackeln noch wird. Schließlich weiß man aus Erfahrung, dass, solange man noch stehen kann, die Gefahr für Leib und Leben gering ist.

Dass wir Insulaner dennoch nach Außen hin so ruhig reagieren, wird im Ausland gerne als bewundernswerte Gelassenheit interpretiert. Allerdings ist es nur ein durch die ständige Mega-Bebengefahr geschulter Fatalismus. Wer lange genug in Japan lebt, hat gelernt, dass man Beben nicht entkommen, sondern nur mit Glück überleben kann. Eine gute Vorbereitung hilft, die Chancen wie auch den Komfort zu erhöhen, wenn das Haus, in dem man ist, nun doch zusammenbricht, man überlebt und evakuieren muss.

Ich habe nun ein hübsches Tuch gefunden, etwas mehr als 30 Zentimeter breit und vielleicht einen Meter lang, bedruckt mit der ultimativen Checkliste für den Krisenrucksack. Es beginnt mit den notwendigen Dingen: Da ist zuallererst der Rucksack selbst, in dem die anderen Utensilien verstaut werden. Dann geht’s los:

Notfallrationen in der Dose für drei Tage, ein Messer (der Darstellung nach ein Schweizer Taschenmesser), Unterwäsche und Socken, ein Notizbuch samt Stift (wohl zum Mitschreiben von Krisenmeldungen, dem Notieren von Vermisstenmeldungen oder ähnlichem), Schmerzmittel, ein Schlafsack (vorzugsweise, aber eine goldbedampfte dünne Folie tut es zur Not auch), ein Helm samt Krisentuch (so eines wie die Checkliste), Klopapier und Taschentücher, Wasser, Feuerzeug oder Streichhölzer, Stäbchen, Löffel und eine Tasse, Plastiktüten, eine Trillerpfeife, Handtuch, Bargeld (vorzugsweise viel, denn nach einem Beben muss man damit rechnen, ein paar Tage oder nach der jetzigen Erfahrung ein bis zwei Wochen ohne funktionierende Bankautomaten überleben zu müssen), ein Regenschirm (vorzugsweise der faltbaren Art), Handschuhe, Batterien und Kästchen zum Ordnung halten. Auch ein Radio, eine Taschenlampe und Hausschuhe sollten nicht fehlen. Denn Schuhe zieht man sich auch vor Notunterkünften oder Zelten aus.

Dann kommen wir zum Vorrat im Haus, von dem man zehren kann, wenn das eigene Haus nicht, die Versorgung dafür vollständig zusammengebrochen ist. Wie das jetzige Beben zeigt, ist die bisherige Richtschnur – Proviant für drei Tage – im Zweifel zu kurz bemessen. Wer für ein bis zwei Wochen bunkert, kann komfortabler überleben. Wie dem auch sei, hier die Liste:

Mineralwasser, drei Liter pro Person und Tag, Reis, derbe Kleidung, Plastikdecken (wahrscheinlich zum Zeltbau), Klebeband, Gaskocher, Notfalltoilette und ein Seil. Ich wĂĽrde auch noch einen Kochtopf mitsamt Suppenkelle dazu tun, sonst hilft der Kocher nicht viel.

Auch an Babys soll man denken, rät mir mein Tuch. Also muss auch noch Platz für Windeln, Fläschchen und Babypuder gefunden werden. Wessen Haus, Auto oder Kraft groß genug ist, kann auch noch ein paar Dinge dazu legen, die nicht unbedingt notwendig sind, aber doch laut dem Tuch das Leben bequemer machen. Feuchte Tücher zum Beispiel, kleine Heizkissen zum Wärmen der Hände oder Füße für den Winter, Gesichtsmasken (besonders gut derzeit in der Heuschnupfensaison), Zellophanfolie, ein Zelt, einen Föhn, Unterlagen von Lebens- und Krankenversicherung, Wagenheber und Brechstange.

Anschließend werden auch die Anwendungsmöglichkeiten des Tuches vorgestellt: Man kann es als Fahne verwenden, um Helfer auf sich aufmerksam zu machen. Zusammen geknotet mit anderen Tüchern wird ein Seil daraus. Ich kann es mir feucht um den Kopf binden (wohl zum Schutz vor Feuer) oder als Maske vor den Mund. Darüber hinaus kann es als Babywindel, Tragetuch und diverse Formen von Verbänden benutzt werden. Und wenn ich auch noch meinen Namen und Adresse in die dafür vorgesehenen Felder eintrage, kann es auch zur Identifizierung des Leichnams oder Verletzten dienen. Um Ärzten die Behandlung zu erleichtern, gibt es sogar ein Feld für Allergien.

Ich persönlich würde noch ein paar weitere Dinge hinzufügen: einen kleinen Stromgenerator, ein Satellitentelefon und – wenn man schon dabei ist – einen Klappspaten, Isomatte, Spielkarten und Würfel. Denn die Tage in einem Evakuierungszentrum oder daheim, ohne Strom, können verdammt lang werden. Und nach der jüngsten Erfahrung mit dem atomaren Super-Gau sollten auch Jodtabletten und vielleicht ein handlicher Geigerzähler nicht fehlen. Allerdings hoffe ich persönlich, niemals in die Verlegenheit zu kommen, meinen alsbald gepackten Notfallrucksack schultern zu müssen. Mir haben die bisherigen Erfahrungen gereicht. (nbo)