Ein Sticker soll‘s richten

Nach dem Apple-Ortsdatenskandal ist ein US-Netzbetreiber auf eine geniale Idee gekommen, wie sich die Problematik entschÀrfen lÀsst: mit schicken Warnaufklebern auf möglichst allen Smartphones.

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Nach dem Apple-Ortsdatenskandal ist ein US-Netzbetreiber auf eine geniale Idee gekommen, wie sich die Problematik entschÀrfen lÀsst: mit schicken Warnaufklebern auf möglichst allen Smartphones.

Ich muss zugeben, ich bin ja in einem meiner Berichtsgebiete, der modernen Informationstechnik, einiges gewohnt: Datenschutzskandale, bekloppte Werbeaktionen – in der einst so sittsamen IT gibt es mittlerweile nichts, was es nicht gibt. Doch manchmal lassen Entscheidungen seitens einer Marketing- oder Rechtsabteilung eines großen Konzerns bei mir die Kinnlade runterkippen. Man kann sich dann zwar in etwa vorstellen, wie es zu dieser unfassbaren Wahl gekommen ist ("Machen wir es doch einfach so...", "Herr X hat gesagt..."), doch besser macht es das nicht.

In diesem Fall geht es um den US-Mobilfunkriesen Verizon, der sich zusammen mit AT&T regelmĂ€ĂŸig um die vorderen PlĂ€tze der Markt-Top-5 in dem Land balgt. Erschrocken von Apples aktuellem Ortsdatenskandal, der sich mittlerweile als verquere Mischung aus Programmierfehlern und merkwĂŒrdiger Grundhaltung gegenĂŒber Kundendaten entpuppt hat, hat man bei dem Konzern bemerkt, dass ja auch die eigenen GerĂ€te hĂŒbsch Lokationsinfos sammeln.

Wie nun Kashmir Hill in ihrem Blog bei Forbes schreibt, will das Unternehmen nicht etwa damit aufhören, sondern plant, offenbar bereits seit lÀngerem, die Verwendung eines neuartigen Warnaufklebers. Der Sticker, den das Unternehmen US-Kongressabgeordneten schon einmal stolz vorstellte, enthÀlt folgende spannende Aussage:

"Bitte vor Verwendung entfernen. Dieses GerĂ€t ist fĂ€hig, seinen (und Ihren) physischen, geographischen Ort zu bestimmen und diese Ortsdaten mit anderen Kundeninformationen zu verbinden. Um den Zugriff auf diese Ortsinformationen durch andere einzuschrĂ€nken, lesen Sie sich bitte die Einstellungen im "NutzerfĂŒhrer fĂŒr Ortsdaten" durch und seien sie vorsichtig, wenn Sie Anwendungen und Dienste herunterladen, auf sie zugreifen oder sie verwenden."

Dieser Disclaimer dĂŒrfte, so glaubt man wohl bei Verizons Rechtsabteilung, alle Scherereien, die die amerikanische Politik den Netzbetreibern kĂŒnftig bei der Verwendung der marketingtechnisch höchst attraktiven Ortsdaten machen könnten, unterbinden. "Der Kunde hat es ja gesehen und den Sticker entfernt!", hört man die Hausjustiziare jubeln. (Den "NutzerfĂŒhrer fĂŒr Ortsdaten" wĂŒrde ich ĂŒbrigens gerne mal lesen.)

Da kommt einem Apple mit seinem EingestĂ€ndnis, anonyme Ortsdaten zum Aufbau von Verkehrsdatenbanken zu nutzen, fast harmlos vor. Schließlich haben die Mobilfunknetzbetreiber alle Infos, die sie brauchen, schon in ihrem eigenen Netz: Über die Basisstationen tracken sie jeweils eindeutige GerĂ€te. (Dass der Staat genau diese Infos im Rahmen der Vorratsdatenspeicherung auch in Deutschland sechs Monate haben wollte, erwĂ€hne ich hier nur am Rande.)

Bevor sich Anwender also kĂŒnftig mit irgendwelchen bekloppten Stickern abspeisen lassen, sollten sie ihren Netzbetreiber einmal tief in die Augen sehen und fragen, was der denn bitte mit ihren Daten anfĂ€ngt. Verizon behĂ€lt Ortsdaten (und andere Kundeninfos) ĂŒbrigens fĂŒr sage und schreibe sieben Jahre. (bsc)