Twittern auf vier Rädern

Das Auto wird interaktiv: Immer mehr Hersteller vernetzen ihrer Fahrzeuge mit dem Handy. Toyota baut mit dem US-Internet-Unternehmen Salesforce.com sogar ein soziales Netzwerk: "Toyota Friend".

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Von
  • Martin Kölling

Das Auto wird interaktiv: Immer mehr Hersteller vernetzen ihrer Fahrzeuge mit dem Handy. Toyota baut mit dem US-Internet-Unternehmen Salesforce.com sogar ein soziales Netzwerk: "Toyota Friend".

Bislang ist die Kommunikation des Menschen mit dem Auto eine Einbahnstraße. Fahrer beschimpfen oder treten ihre Kutsche, wenn sie liegen geblieben ist. Aber das Auto kann bisher, abgesehen von einigen Telematikanwendungen, nur über Tachoanzeigen dem Fahrer seine Bedürfnisse signalisieren. Das ist ja so analog, so 20. Jahrhundert, hat sich Toyotas Chef Akio Toyoda gesagt. Ab 2012 will er daher in Zusammenarbeit mit dem US-Internetunternehmen Salesforce.com in Japan und dann weltweit ein virtuelles soziales Netzwerk einführen, in dem Auto, Fahrer, Händler und Werkstatt, Autohersteller und Freunde des Fahrers in Echtzeit miteinander kommunizieren können. Der Name des Dienstes ist Programm: "Toyota Friend". "Das Auto soll unserer Freund werden", sagte Toyoda am Montag bei der Vorstellung der Neuerung in Tokio. Der Dienst soll die "User Experience" verbessern.

Mit Videos veranschaulichte Toyoda, wie das funktionieren soll. Herr Morizo, Toyodas Blog-Alter Ego, kommt mit seinem Plug-in-Hybrid nach Hause, geht in die Wohnung. Kaum hat er sich hingesetzt, erhält er eine Botschaft von Puri-kun (verniedlicht und abgekürzt für Prius-chen) auf seinem Handy: "Meine Batterie ist nur noch zu fünf Prozent geladen. Hast du mich eingestöpselt?", fragt das Auto. "Sorry", tippt Morizo zurück, "mach ich sofort". "Danke", mailt das Auto zurück, "ich warte auf dich". Kaum hat Morizo sein Auto an die Steckdose angeschlossen, landet wieder eine Message auf dem Bildschirm. "Es ist 23.30 Uhr, ich lade jetzt. Um 2.15 wird der Ladezyklus voraussichtlich beendet sein. Bis morgen."

Auch an Inspektionen soll das Auto uns erinnern und auch gleich den Kontakt zur Werkstatt vermitteln, damit wir online sofort einen Termin abmachen können. Eine Friend-Suche gibt es auch, so dass zwei Freunde sich mit ihren Autos verabreden können. Der jeweilige Standort der Fahrer wird auf dem Navigationsgerät dargestellt. Das Toyota-Netz wird auch über Ladestationen in der Nähe und andere Dinge am Wegesrand aufklären können. Wem das mitteilungsbedürftige Auto zu viel ist, sei allerdings beruhigt: Zu Anfang will Toyota das System nur für seine Elektroautos und Plug-in-Hybride einführen. Besonders Fahrer von Stromern werden die Hinweise wegen der geringen Reichweite und langen Ladezeit der Akkus aber zu schätzen wissen. (Nissan macht es genauso: Einen Handy-Dienst gibt es bereits mit dem Stromer "Leaf".) Benziner werden vorerst nicht ins virtuelle Leben der Fahrer aufgenommen.

Mitverantwortlich für die neue Idee des interaktiven Autos ist Salesforce.com-Chef Mark Benioff, der sich selbst als "Prediger des Cloud-Computing" bezeichnet. Er sollte Toyoda treffen und hat sich gefragt, was seine Firma den Japanern bieten könnte. Sein Chief Creative Officer habe ihm dann von einer 20 Jahre alten Studie für einen Autohersteller erzählt, in der die Berater zu dem Schluss kamen, dass der Händler der Freund des Fahrers sein müsse. Doch Facebook- und Twitter-Fan Benioff sagte sich, heute darf es nicht mehr nur der Händler sein. Er wollte im Auto die gleicher User Experience wie mit dem Handy haben.

Seine Idee: "Ich will, dass mein Auto mein Freund wird." Das Auto müsse daher in ein soziales Netz eingebunden werden wie die menschlichen Freunde. Andere Produkte könnten diesem Trend folgen, so Benioff. Toyoda war sofort begeistert, als der Salesforce.com-Chef ihm Anfang 2011 die Idee vorstellte und schlug ein. "Ich liebe Autos", erklärte der Konzernchef, "es ist für mich kaum vorstellbar, dass das Auto zu mir spricht". Nur fünf Monate später kündete er nun das Produkt an.

Die Kumpelei der Maschine mit dem Menschen hat schnöde betriebswirtschaftliche Gründe. Die Verbindung zwischen Hersteller und Kunden soll gestärkt werden. Die Echtzeitkommunikation soll dabei helfen, sagt Benioff. "Im 21. Jahrhundert gibt es keine Gelegenheit für zeitversetzte Kommunikation." Die Welt ändere sich schnell, das wichtigste sei daher Vertrauen. Firmen müsse es daher gelingen, die Freundschaft zwischen Menschen gleichsam zu replizieren. Vertrauen und Transparenz seien dabei die zwei Seiten ein und derselben Medaille. Mit Echtzeitkommunikation zwischen Kunden, Händlern und Hersteller über Facebook- oder Twitter-ähnliche Dienste können auch große Unternehmen den Spagat zwischen Nähe und Masse schaffen, glaubt Benioff.

Gleichzeitig erhalten die Firmen schneller Feedback über ihre Produkte und können daher Angebot und Dienstleistungen ständig verbessern. Toyoda wird den Gedankengang sofort verstanden haben. Denn Just-in-Time und Kaizen, das System der kontinuierlichen Verbesserung, sind Kernbestandteile der Toyota-Kultur. Zudem hofft Toyoda, mit dem sozialen Netzwerk die jungen Japaner, die derzeit lieber ihr Geld in Handys und Online-Kommunikation als in Autos investieren, wieder zum Autokauf verführen zu können.

Technisch setzt Toyota dabei auf ein zweistufigen Ansatz. Mit Microsoft hat der Konzern dieses Jahr eine Partnerschaft für den Aufbau einer umfassenden Kommunikationsplattform zwischen Auto, Firma, Händlern und Fahrern geschlossen. Salesforce.com soll den Dienst aufgesetzt auf seinem mit Facebook ähnlichen Kooperationstool für Firmenkunden ("Chatter") in die Cloud verlegen, so dass Fahrer von überall über alle Systeme und Geräte auf "Toyota Friend" zugreifen können. Die trilaterale Partnerschaft spiegelt sich auch in den Beteiligungen an Toyota Media Service wider, der Toyotas Netzwerke betreiben soll. Toyota hält 44,2 Prozent, Microsoft 33,5 Prozent und Salesforce.com 22,3 Prozent.

So wenig ich persönlich mit dieser Idee anfangen kann, so sehr fasziniert sie mich auf mehreren Ebenen. Erstens finde ich sie weniger merkwürdig als es sich auf den ersten Blick anhört. Menschen haben seit Urzeiten Tiere oder Gegenstände (sogar Götter) vermenschlicht. Doch bisher konnten die Vermenschlichten nur in der Legenden und Märchen sprechen (sehr religiöse Personen mögen mir da widersprechen, wenigstens was die Götter angeht). In der Zukunft wird diese Kommunikation nun Wirklichkeit, wenn auch anfangs mit einer Einschränkung. Die Rückmeldung wird vor allem positiv sein. Autos werden sicher nicht zurück meckern und sich damit von den richtigen Menschen deutlich unterscheiden. Die Bindung zwischen Mensch und Materie wächst.

Zweitens interessiert es mich, wie große Unternehmen die Ansprüche der Echtzeitkommunikation und Transparenz leisten können. Und drittens grübele ich, ob sich hier ein Gegensatz in der Markenbildung auftut, sozusagen "freundschaftliche" kontra "religiöse" Marken. Marken wie Apple verursachen bei ihren Fans religiöse Gefühl, zeigen nun auch Hirnscans. Bei Apple geht es also eher um Verehrung. Transparenz und Kommunikation sind, glaube ich wenigstens, nicht die Stärken der Firma. Ich könnte mir vorstellen, dass "freundschaftliche" Marken zwar weniger spektakulär, aber robuster sind, sprich das Kunden eher einmal negative Erlebnisse verzeihen. Aber was versteh ich schon davon. Gibt es hier irgendwelche Marketingspezialisten, die Licht in mein Wissensdunkel bringen können? (bsc)