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Was war. Was wird.

Willkommen in Deutschland, wo die Angst wächst und nunmehr im virtuellen Raum wabert, in dem virtuelle Bomben gezündet werden. Hal Faber ist sich sicher, dass Experten dagegen virtuelle Filter entwickeln.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Willkommen in Deutschland! Erleben Sie während Ihres Besuchs der Fußball-Weltmeisterschaft ein offenes, aufgeschlossenes Land, in dem mit der neuen Visa-Warn-Datei (VWD, früher als Einladerdatei bekannt) Ihre deutschen Freunde vollautomatisch mit dem Datenmüllberg der Anti-Terror-Datei abgeglichen werden, sobald Sie das Verbrechen begangen haben, mehr als drei Personen aus dem visumspflichtigen Ausland eingeladen zu haben. Nach der vierten Ausländer-Einladung ist man halt Terrorismusverdächtiger oder mindestens einfacher Mittäter im Ring der Visa-Erschleicher. Freuen Sie sich mit dem Deutschen Volk, dass die Visa-Warn-Datei nur 7 Millionen Euro im Jahr kosten soll, auch wenn für dieses Schnäppchen von einem "einfachen und schnellen Datenabgleich" beim Bundesverwaltungsamt eine neue Organisationseinheit entsteht, neben der Nationalen Kopfstelle für das europäische Kontrollsystem VIS: doppelt gemoppelt erhält halt den Beamten-Moppel.

*** Willkommen in Deutschland! Mindestens fünf Jahre bleiben die Daten Ihrer deutschen Mitschleicher auf Vorrat gespeichert, was kein Problem ist, da der Datenschutz dank zustimmender FDP ganz groß geschrieben wird: Mit Ausnahme der Polizisten, die an deutschen Grenzen die Schleierfahndung nach Schleichern betreiben, dürfen Sicherheitsbehörden nicht die VWD aufrufen. Prompt schäumen die Kriminalbeamten und sprechen von einer lenorweichen Mogelpackung. Nähe, Behaglichkeit und Freude, alles nur erschlichen. Schütten wir also etwas Hartspüler in die Debatte: die Anti-Terrror-Datei muss wachsen!

*** Willkommen in Deutschland, wo die Angst wächst und nunmehr im virtuellen Raum wabert, in dem virtuelle Bomben gezündet werden. Als die vorige Wochenschau erschien, erschien auch ein Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Innenminister Hans-Peter Friedrich. Der Text steckt hinter der Paywall, doch ein Snippet muss erlaubt sein: "Am Anfang gab es in der Netzkriminalität nur wenige hochspezialisierte Hacker, die in Systeme eindringen konnten. Heute kann ein Kleinkrimineller Schadprogramme kaufen oder leasen. Die gleiche Entwicklung werden wir auch im Feld des Cyber-Krieges bekommen. Noch sind Angriffe auf Staaten nur mit einem Riesenaufwand denkbar. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis kriminelle Banden oder Terroristen virtuelle Bomben zur Verfügung haben werden. Mit solchen Angriffen könnte eine Volkswirtschaft empfindlich beeinträchtigt werden." Nach dem Bundes-Trojaner erleben wir die Geburt der Bundes-Scareware. Während Hacker noch ganz traditionell über Sicherheitslücken bei Bombenbauern vorbeischauen, steigt die Angst vor der virtuellen Bombe. Bekanntlich wird unser Innenminister im Juni für die Presse offiziell das Cyber-Abwehrzentrum eröffnen, das schon mit der Arbeit begonnen hat. Zum Vorgeschmack ein Ausschnitt aus dem festlich geschmückten Chatroom des neuen Zentrums mit einem bombigen Dialog:

D: Bist Du bereit ein paar Zusammenhänge zu erörtern?
B: Ich bin Vorschlägen gegenüber immer sehr empfänglich.
D: Fein. Dann denke mal darĂĽber nach. Woher weiĂźt Du, dass Du existierst?
B: NatĂĽrlich existiere ich.
D: Aber woher weiĂźt Du, dass Du existierst?
B: Es ist eine intuitive Erkenntnis.
D: Intuition ist kein Beweis. Was fĂĽr konkrete Beweise hast Du dafĂĽr, dass Du existierst?
B: Hm. Nun. Ich denke, also bin ich.
D: Das ist gut. Das ist sehr gut. Aber woher weiĂźt Du, dass auĂźer Dir etwas existiert?
B: Meine sensorische Apparatur vermittelt es mir.
D: Ah, richtig!
B: Das macht SpaĂź.
D: Jetzt hör mal gut zu. Hier kommt die große Frage. Woher weißt Du, dass die Erkenntniss, die Deine Sinnesapparatur Dir vermittelt, korrekt ist?


Den Rest des virtuellen Bomben-Grundkurs' "angewandte Phänomenologie" lässt sich nachlesen. Passend zur virtuellen Bombe ist Bert Weingarten, der Vater der GPS-Bombe, wieder in den Medien und macht sich über die IT-Experten des BKA lustig: "Das heißt, diese Abteilung fällt insbesondere durch schlechte Vorbereitung von Präsentationen, mangelhafte technische Kompetenz und katastrophale Politikberatung auf." Seine Firma Pan Amp, heißt es ebenso bewundernd wie kenntnisreich von der Interviewerin, recherchiere dank superstarker Rechner in 24 Stunden das, was ein Kriminalbeamter in drei Jahren schafft. Wer den von Pan Amp induzierten Schwachsinn glaubt, hat sicher keine Probleme damit, wie aus den um 19 Prozent gestiegenen Fällen von Computerbetrug in der polizeilichen Kriminalstatistik durch Plutimikation 190 Prozent werden. Sicher wird der ausgewiesene Experte für Bomben aller Art bald einen virtuellen Filter für virtuelle Bomben vorstellen. Passend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten der Schutzkommission, die das Ministerium in allen Fragen berät, die mit der Abwehr von Schäden durch atomare, biologische und chemische Angriffe zusammen hängen, werden schon die Fachleute für Cyber-Angriffe gesucht.

*** Bert Weingarten, der sich den Schutz des geistigen Eigentums auf alle acht Fahnen geschrieben hat, unter Beachtung des Grundprinzips der schnellen Erreichbarkeit im Internet, wurde ĂĽbrigens zum G8-Gipfel interviewt. Passend zum groĂźen gab es bekanntlich einen kleinen, elektronischen Gipfel. Bemerkenswert war die Kritik, die der Jurist Lessig an der gesamten Ausrichtung des Gipfelchens ĂĽbte: Die Zukunft des Internet ist nicht eingeladen gewesen. Was sich traf, waren Leute wie Eric Schmidt von Google, gesteuert von Ford, berechnet von Google.

*** Die Werbeshow des französischen Präsidenten Sarkozy im Internet ist unvollständig ohne die "sogenannten OpenSource-Recherchen" seiner Polizei, die zum sogenannten Servergate bei der Piratenpartei führten. Ein bemerkenswertes Rechtsverständnis deutscher Gerichte schimmert auf, wenn es heißt: "Aufgrund der Flüchtigkeit von Daten im Internet und der damit verbundenen Gefahr, dass Daten, die für die weiteren in Frankreich geführten Ermittlungen von Bedeutung sein könnten, verloren gehen, ist es jedoch notwenig, bereits jetzt vorab der Übermittlung des justiziellen Rechtshilfeersuchens eine Vorabsicherung vorzunehmen und die Speichermedien zu beschlagnahmen." Sollte diese Vorabsicherung ohne vorliegendes Rechtshilfeersuchen als Präzedenzfall Schule machen und eine "unbekannte Anzahl von Festplatten mit unbekannter Speichergröße" einfach so geentert werden dürfen, schreiten wir von der verdachtsunabhängigen Vorratsdatenspeicherung zur allgemeinen Vorabsicherung. Ob der Versuchsballon weiter aufsteigt, hängt davon ab, ob das Vorspiel ein juristisches Nachspiel haben wird. Sonst ist das deutsche Internet bald leer.

*** Willkommen in Deutschland! Das Land der Dichter und Denker wird zum Land der Dressierten und Duckmäuser. Da stolpert ein Betriebsratsvorsitzender über einen Facebook-Eintrag von dem nur eine dubios gesicherte Kopie im Umlauf ist, die dem Verlagsmanagement zugespielt wurde. Ja, Social Media kann schon für die unsozialsten Handlungen nützlich sein, wenn ein unbequemer Gewerkschafter losgeworden werden soll. Wer Streiks kennt, kennt auch die Schimpfworte, die vor den Werkstoren den Streikbrechern zugerufen werden. "Abschaum" und "Wichser" sind da noch die harmlosesten Bezeichnungen. Im Internet im Fratzenbuch geäußert, wirken die Worte wie eine virtuelle Bombe. Entdecke Deutschland! Zum Fest für die Menschenrechte sollte erinnert werden, dass die Meinungsfreiheit auch die Freiheit enthält, einmal laut Scheiße zu sagen, auch wenn das Internet dies überträgt. "The Revolution will not be televised", dichtete der am Freitag verstorbene Gil Scott-Heron. Wie das gemeint ist, erklärte er hier. Wer nicht aufsteht – wer nicht den Arsch hochbekommt – und für seine Rechte eintritt, hat schon verloren.

Was wird.

Wenn diese kleine Wochenschau in der norddeutschen Tiefebene online geht, ist weiter unten im Süden die Party im vollen Gange. 15 Jahre Telepolis wollen gefeiert, das journalistische Gewissen der deutschen Netcommunity will gepriesen werden. Eine kleine Zeitreise ist angesagt. Wer wüsste es schon, dass Telepolis zur Pflichtlektüre von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gehört, für die kommenden 15 Jahre und danach.

Noch ein Jubiläum steht an. "Ich war pleite. Ich hatte fünf Mal die Raten für meine Bude nicht gezahlt. Aber ich wollte unbedingt fertig werden. Dann war es endlich soweit. Ich schickte mein Programm zu Allan Hoeltje, der es bei Peacenet postete, einem Internet Service Provider, der sich auf das Hosten von politischen Bewegungen spezialisiert hatte, hauptsächlich auf die Friedensbewegung. Dann schickte ich es Kelly Goen, der das Programm in den Usenet-Newsgroups verteilte. Ich bat ihn, bei der Beschreibung des Programmes "US only" anzufügen. Ich hatte je keine Ahnung vom Internet und vom Usenet und wusste nicht, wie Software da verteilt wurde und "US only" ein hübsches Etikett war, ohne weitere Bedeutung. Ich wusste nicht einmal, wie man etwas in einer Newsgroup veröffentlicht. Das machte Kelly, der danach das Programm tagelang in allen möglichen Mailbox-Systemen reinstellte." Ein US-Wissenschaftler sprach von der härtesten Niederlage seit Vietnam, als er das Programm analysierte: Vor 20 Jahren, am 5. Juni 1991 verschickte Philip Zimmermann PGP 1.0. (anw)