Japan ist verrĂĽckt
Gewöhnlich schreibe ich über verrückte Technik aus Japan. Aber jetzt wurde ein ganzes Land verrückt – um bis zu fünf Meter. Diese Woche begann das Land mit seiner Neuvermessung.
- Martin Kölling
Gewöhnlich schreibe ich über verrückte Technik aus Japan. Aber jetzt wurde ein ganzes Land verrückt – um bis zu fünf Meter. Diese Woche begann das Land mit seiner Neuvermessung.
Ich hoffe, bald mal nach Nordost-Japan fahren zu können. Einer meiner ersten Versuche wird sein, wie genau meine GPS-gesteuerte Verkehrsnavigation da noch funktioniert. Denn das Mega-Erdbeben am 11. März hat einige Regionen um bis zu fünf Meter nach Osten versetzt. Selbst Japans Hauptstadt Tokio soll sich um bis zu 50 Zentimeter verschoben haben.
Mir persönlich macht das ja nichts aus. Bei einem Blick in den Sternenhimmel würde ich den Versatz nicht wahrnehmen (wenn ich denn überhaupt mehr als drei Dutzend Sterne am hiesigen Nachthimmel sehen könnte). Aber moderne Ortungstechnik stellt es offenbar schon potenziell vor Herausforderungen, wenn plötzlich die GPS-Daten nicht mehr mit der eingespeicherten Topographie übereinstimmen.
Wie fein die GPS-Navigation schon bei Allerweltsgeräten wie dem iPhone funktioniert, konnte ich vor kurzem bei einem Ausritt auf meinem Drahtesel feststellen. Ich habe mir da so ein Programm - uff, Apps heißt das ja jetzt - gekauft: MotionX-GPS. Im Kleingedruckten betonen die Entwickler zwar, sich nicht für "life safety applications" zu eigenen, also Aktionen, in denen die Genauigkeit oder Zuverlässigkeit der Software Situationen heraufbeschwören könnte, in denen Tod oder Verletzung droht. Aber ich war schwer beeindruckt, als sie mir nicht nur meine aktuelle Geschwindigkeit vorrechnete, sondern sogar einen kleinen, drei Meter weiten Rechtsschlenker um das Hinterteil eines Lasters auf meiner Fahrtroute aufzeichnete.
Ich gebe zu: Für mein Leben hätte es vermutlich keine Rolle gespielt, diesen Schlenker wie so viele andere zuvor und danach schlicht vergessen zu haben. Nun werde ich mich vielleicht ein Leben lang an diese Belanglosigkeit erinnern. Aber wenn ich jetzt ein futuristischer Pflanzroboter auf einem nordostjapanischen Reisfeld wäre, oder eine Straße, ein Deich oder ein Haus, das in den Trümmerwüsten neu gebaut werden soll, würde mich die Diskrepanz zwischen Datensatz und Umgebung wohl doch schon in Verlegenheit bringen.
Es verwundert daher nicht, dass Japans Regierung mit der Neuvermessung des Landes beginnt. Am Dienstag nahmen sich die Geodäten zuerst den Nullpunkt in Tokios Stadtteil Azabu vor. Bisher gingen die Experten davon aus, dass er sich um 20 bis 30 Zentimeter seitlich bewegt hat. Wie stark in der Höhe, ist gänzlich ungeschätzt. Bald werden wir es ganz genau wissen. Im Anschluss werden die restlichen verrückten Punkte neu geeicht. Das ist eine Heidenarbeit.
Insgesamt 45.000 der 100.000 Messpunkte sollen das Erdbeben verschoben haben. Ein bisschen überrascht bin ich durch den Zeitplan. Bereits im Oktober soll Japan wieder im Lot sein, vermessungstechnisch gesehen wenigstens. Ich werde vielleicht meinen persönlich Test unternehmen und einmal jetzt und dann später mit meinem iPhone eine der am stärksten betroffenen Regionen begehen. Doch halt, die Kartographen von Google Maps und Co. werden wahrscheinlich ihre Karten noch nicht auf den neuesten Stand gebracht haben. Oder lassen sich die neuesten Messpunktdaten mit einem Upgrade in die Software einpflegen? Ich werde es feststellen, versprochen. (bsc)