Software liest HandbĂĽcher

Regina Barzilay hat gemeinsam mit Kollegen ein Programm entwickelt, das gelernt hat Civilization zu spielen, indem es einfach das Handbuch studiert. Wo soll das enden?

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Können wir jetzt doch mal einpacken, wir Menschen? Regina Barzilay hat gemeinsam mit Kollegen ein Programm entwickelt, das gelernt hat Civilization zu spielen, indem es einfach das Handbuch studiert.

Civilization - für alle, denen das nichts sagt - ist ein rundenbasiertes Strategiespiel, bei dem es darum geht, die „Zivilisation“ seines eigenen Spielvolkes schneller zu entwickeln, als die aller anderen Mitspieler, einschließlich der vom einer eingebauten künstlichen Intelligenz verwalteten Völker. Mag seltsam klingen, aber Spieleentwickler Sid Meier wurde mit diesem Spiel zur Kultfigur.

Aber ich schweife ab. RTFM, „Read the fucking manual“ - das war einer dieser Insiderscherze in den 90ern: Eine kurze, kryptische Antwort, die Systemadministratoren armen, kleinen Nutzern hinwarfen, wenn die mal wieder zu viele dumme Fragen gestellt hatten.

Und jetzt gibt es Software, die diesen Rat wirklich ernst nimmt. GĂĽtiger Weizenbaum, wo soll das enden?

Wenn man sich das Paper näher anschaut, verfliegt die Ehrfurcht ein bisschen. Denn zum Einen handelt es sich um Civilization II; eine schon ziemlich betagte Version des Spieles, die längst nicht so komplex ist, wie die neuesten Versionen. Zum anderen versteht die Software das Handbuch eigentlich nicht wirklich: Sie versucht vielmehr durch Ausprobieren mit neuronalen Netzen einen Zusammenhang zwischen Handbuch, Spielinformation (Punktestand, Textmeldungen usw.) und dem Spielzug herzustellen, den sie gerade gemacht hat.

Auf den zweiten Blick ist das aber eine ziemlich clevere Sache, die uns nachdenklich machen sollte: Das System macht Fehler, um daraus zu lernen. Soll heiĂźen: Fehler machen ist existenzieller Bestandteil der Lernstrategie.

Nehmt das, Professoren, die ihr versucht, an den Universitäten akademischen Nachwuchs auszubilden. Nehmt das, und denkt darüber nach. Das Zulassen von Fehlern ist aus unserer Wissenschaftskultur - von der Arbeitswelt wolln wir hier gar nicht mal reden - fast völlig verschwunden. Das ist dumm. Und wird sich spätestens dann als besonders folgenschwerer Fehler erweisen, wenn die Maschinen uns überholen. Aber dann ist es zu spät, daraus zu lernen. Höchstwahrscheinlich jedenfalls. (wst)