Das war erst der Anfang
Japan stehen bewegte Zeiten bevor. Experten warnen, dass der letzten Katastrophe eine Welle weiterer Mega-Beben und Vulkanausbrüche folgen könnte.
- Martin Kölling
Japan stehen bewegte Zeiten bevor. Experten warnen, dass der letzten Katastrophe eine Welle weiterer Mega-Beben und Vulkanausbrüche folgen könnte.
Naturkatastrophen der richtig katastrophalen Art, das habe ich gerade erlebt, sind gut fürs journalistische Geschäft. Insofern könnte meine Entscheidung, in Japan zu bleiben, schon bald reiche Früchte tragen. Das befürchtete Tokai-Erdbeben - alle 100 bis 150 Jahre stattfindende schwere Erdbeben der Tokai-Nankai-Region- dürfte wegen des Mega-Bebens in Japans Nordosten schon früher auftreten als ursprünglich angenommen, mahnt der bekannte Seismologe Katsuhiko Ishibashi. Schon jetzt soll es mit 87 prozentiger Wahrscheinlichkeit in den kommenden 20 Jahren dazu kommen.
Einige seiner Kollegen sagen sogar voraus, dass das Beben vom März ein simultanes Mega-Beben in den Regionen Nankei, Tonankai und vielleicht auch Tokai auslösen könnte. Die volkswirtschaftlichen Schäden des nordostjapanischen Bebens könnten sich dagegen wie Peanuts ausnehmen. Denn in dem Falle würde Japans industrielles Herz Osaka (Elektronik- und Pharmaindustrie), Aichi (Toyota) und Shizuoka (Honda und viele Technikfirmen) getroffen werden und nicht nur drei ärmliche Präfekturen in Japans Peripherie.
Doch damit nicht genug. Der Geologe Shuji Yoshida von der Universität Chiba rechnet sogar damit, dass Japan vor einer Welle von Vulkanausbrüchen steht. Dummerweise verläuft die Bruchlinie direkt vom Süden über die Halbinsel Izu nur 100 Kilometer von Tokio entfernt nach Niigata im Norden.
Selbst ein Ausbruch des japanischen Nationalberges Fuji ist nicht ausgeschlossen. Auf der dreistufigen Aktivitätsskala der 108 aktiven japanischen Vulkane wird er zwar nicht mit der Höchststufe A, sondern mit B bewertet. Aber einige Kritiker glauben, dass es sich um eine politische Einstufung handelt. Denn ein Ausbruch des Fuji würde den Großraum Tokio gefährden. Im Jahr 1707, bei der letzten Eruption des Berges, der rund hundert Kilometer von Tokio entfernt und gut sichtbar am Horizont der Hauptstadt wacht, wurde die Hauptstadt Edo (Tokyos damaliger Name) mit einer viele Zentimeter dicken Ascheschicht zugedeckt. Zum Glück gab es damals weder Flugverkehr, noch Stromversorgung oder Handynetze, die durch die Aschewolken tagelang außer Gefecht gesetzt werden könnten.
Ihre Warnungen unterfüttern die Experten mit Lehren aus der Geschichte. Das so genannte Jogan-Erdbeben, das im Jahr 869 Japans Nordosten mit gleicher Stärke und mit einem fast gleich hohen Tsunami wie im März zerstört hat, gilt als Horrorvorbild. 887 folgte das Ninna-Nankai-Erdbeben nicht weit von der heutigen Millionenmetropole Osaka mit einer geschätzten Stärke von 8,6 auf der Richterskala – und zwar gleichzeitig mit einigen anderen Beben. Begleitet wurde das Zeitalter der Katastrophen von gesteigerter vulkanischer Aktivität.
Alle 1000 bis 1200 Jahre tritt dieser Zyklus auf, meint Yoshida. Jetzt scheint die Zeit reif für einen weiteren Zyklus zu sein. Im Jahr 2000 flog die Insel Miyakejima vor der Halbinsel Izu in die Luft, die Teil einer Reihe von Vulkaninseln ist. Zum Glück liegt sie weit genug weg von Tokio, auch wenn sie offiziell zur Stadt gehört. Und nach dem jüngsten Beben hat die Aktivität von 20 Vulkanen zugenommen, sagt Yoshida.
Der Fuji brach in der Jogan-Epoche ebenfalls aus, allerdings fünf Jahre vor dem Jogan-Erdbeben. Aber fünf Jahre sind in geologischen Zeiträumen gemessen nicht einmal ein Wimpernschlag. Aber es gibt auch noch genug andere Vulkane, die nicht allzu weit von meinem Domizil losfeuern können. Der Berg Asama beispielsweise.
Ich weiß nicht so recht, wovor ich mich mehr fürchten soll, einem großen Erdbeben bei oder unter Tokio oder einem Ausbruch des Fuji. Hm, ich denke, Beben machen mir mehr Angst. Die kommen plötzlich. Der Ausbruch von Vulkanen lässt sich – wenigstens meist – besser absehen. In jedem Fall, so diktiert es der Betriebsmodus unserer Gesellschaften, wäre es – journalistisch gesehen – ein gutes Geschäft. (bsc)