Was war. Was wird.
Ja, ist denn schon Weihnachten? Ja, ist es, und fĂĽr den Gabentisch bescheren uns die obersten IT-Gipfler den Bundestrojaner. Nebel legt sich nicht nur ĂĽber die norddeutsche Tiefebene, sondern auch in die Gehirne der Menschen, befĂĽrchtet Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Der IT-Gipfel ist bapschmäßig verdamp lang her, und so richtig ähnz jenomme hat den wohl keiner, aber dennoch müssen ein paar Worte aus der norddeutschen Tiefebene an die Gipfelleute gerichtet werden. Wir haben also eine Kanzlerin, die sich vor laufender Kamera über die Länge des Informatik-Studiums mokiert und anmerkelt, dass ein Informatiker einfach mal nicht noch die x-te Programmiersprache lernen, sondern lieber früher arbeiten gehen soll. Dafür bekam Frau Merkel viel Beifall von Herrn Burda in der ersten Reihe in einem Hörsaal am Hasso Plattner-Institut, während Herr Plattner zweifelnd mit dem Kopf wackelte. Vielleicht erinnerte sich der Mitgründer einer Weltfirma an die Jugendsünden namens ABAP, einer Programmiersprache, die als verhunzter BASIC-Dialekt gestartet war. Vielleicht erinnerte sich auch niemand daran, denn Erinnern ist in der IT überhaupt schädlich und einem IT-Gipfel schlicht nicht angemessen. Sonst wäre vielleicht dem einen oder anderen ein IT-Gipfel eingefallen, den ein Forschungsminister Riesenhuber in der Regierung Kohl veranstaltete, nach dem die Künstliche Intelligenz der 5. Generation gefördert wurde und ein Verbmobil mit mehr als einer Milliarde DM finanziert wurde. Von dem verhunzten Gipfelprojekt ist ein Übersetzungssystem für Hotelreservierungen übrig geblieben. So fügt es sich ganz wunderbar im Sinne der historischen Kontinuität, dass mit Theseus die Verbmobilisten wieder ein Leuchtturmsprojekt an Land gezogen haben, bei dem nach Herzenslust gefunzelt werden darf. Die Stars der Szene wie Frau Henzinger werden bieder und praktisch in ihre Perlenkette beißen.
*** Apropos Google. Die mit der stattlichen staatlichen Förderung von 0 Dollar gestartete Suchmaschine freut sich über einen neuen Mitarbeiter, den Samba-Entwickler Jeremy Allison, der aus Protest gegen den Nichtangriffspakt von Novell mit Microsoft bei Novell das Handtuch geworfen hat. Über die Hintergründe seines Schrittes, über die Angst, als Paria von der Community ausgeschlossen zu werden, will Allison auf der kommenden FOSDEM in Brüssel berichten. Huch, damit wäre ich viel zu früh beim "Was wird".
*** Also nochmal zurück, denn es war doch noch was los in dieser Woche: Wegen der Mehrwertsteuererhöhung sind die Heiligen Drei Könige vorzeitig gekommen und haben uns reichlich beschenkt. Wie von Merkel angemahnt, setzt Deutschland Standards und so bekommen wir den Bundestrojaner. Zwar ist die Online-Durchsuchung vorerst nur in NRW legalisiert, doch wenn die Klagen scheitern, wird man sich bundesweit darauf einstellen können, dass der Verfassungsschutz den Dodo-Bundestrojaner losschickt. Denn wer sich in das Internet begibt, stellt seinen "standortunabhängigen PC" quasi in ein "Schaufenster", wie es Horst Engel, der Rhetorikexperte der FDP, kundig beschreibt. In diesem wundersamen Schaufenster liegen also Verzeichnisse wie Mein_Moelli_Compi\Meine_Dateien\Meine_Partei\Meine_schwarze_Kasse\Mein_geplanter_Selbstmord quasi offen herum und werden vom Bundestrojaner abtransportiert. Die neue Befugnis, heimlich auf fremde Rechnersysteme zugreifen zu können wird von einem FDP-Politiker verantwortet. Das ist die Partei, in der eine Politikerin aus Protest gegen den Großen Lauschangriff von ihrem Posten als Justizministerin zurücktrat. Lang ist das her, genau 11 Jahre; am 14. Dezember 1995 geschah das. Vielleicht sollte dieser Tag zum Feiertag erklärt werden, an dem wir alle Einigkeit und Recht und Freiheit singen.
*** Ganz nebenbei ziehe ich meinen Hut vor Twister, die ich in diesem WWWW mit allen guten Wünschen in die Twister-Ferien geschickt hatte. Die Schöpferin der bezaubernden Sabrina hat es sich trotz aller Hindernisse nicht nehmen lassen, gegen die Online-Durchsuchung Verfassungsbeschwerde einzulegen. Normalerweise macht ja der beste Verlag der niederdeutschen Tiefebene hier Werbung und bezahlt mich dafür, die Werbung mit etwas Text zu garnieren, aber weil kommt, was manche "Fest der Liebe" nennen, mache ich etwas Werbung für die Möglichkeit, Geld für einen guten Zweck zu spenden. Mit allen üblichen Witzchen: Eine Spendenquittung aus Bielefeld sollte jeder an sein Handtuch tackern.
*** Das zweite standardsetzende Weihnachtsgeschenk kommt von Bundeskabinett und besteht aus einer saugeil kostenlosen Erweiterung des Reisepasses um die Fingerabdrücke der beiden Zeigefinger. Die wieder einmal betonte Vorreiterrolle lassen wir uns einiges kosten: Fingerabdruckleser auf den Meldeämtern bzw. bei den Passbehörden, Vernetzung aller Lesestellen inklusive. Denn die Extended Access Control sieht vor, dass sich das Pass-Lesegerät mit einem gültigen Zertifikat präsentieren muss, ehe die Fingerabdruckdaten vom Chip frei gegeben werden. Unautorisierte Zugriffe soll es der Theorie nach nicht geben, Fingerdatensammlungen auch nicht. Nur bei Nicht-Schengen-Menschen und Verbrechern wird gesammelt. Das Ganze wird als Maßnahme im Kampf gegen den Terrorismus verkauft. Besonders putzig ist diesmal nicht die FDP. Die lamentierenden Grünen haben anscheinend vergessen, dass sie in eben der Regierung waren, die den biometrischen Reisepass auf den Weg gebracht hat. Aber das ist ja lange her, richtig verdamp lang.
*** Das dritte Weihnachtsgeschenk gehört zu der Kategorie der Schrottwichtel. Vor allem aber ist es schwer zu fassen und auf den ersten Blick nicht sehr IT-haltig. Im Februar kassierte das Bundesverfassungsgericht das geplante Luftsicherheitsgesetz. Mit ihm sollten die Streitkräfte zum Abschuss von Flugzeugen ermächtigt werden, ehe diese in Hochhäuser stürzen und ein ordentliches Backup verhindern. Leben darf niemals mit Leben verrechnet werden, verkündete dagegen Karlsruhe. Nun haben uns findige Juristen den Tatbestand des Angriffs auf Gemeinschaftsgüter beschert. Ist also ein Gemeinschaftsgut wie ein Stadion, ein Kraftwerk, ein Bahnhof, ein Bundestag durch einen wie auch immer gearteten Angriff gefährdet, darf das Militär gerufen werden und im Spannungsfall zur Waffe greifen. Eine militärische Besetzung des DE-CIX-Knotens wäre demnach eine legitime Handlung zum Schutze des Gemeinschaftsgutes, wenn die Bundestrojaner ausschwärmen. Lernen wir von den Engländern: Im Kampf gegen Shampoo ist jedes Mittel recht.
Was wird.
Bei so vielen Geschenken muss, was in die Krippe kommt, die reine Freude sein. Und das, obwohl im Weihnachtsgeschäft des abrückenden Jahres 2006 erstmals PCs keine Rolle als Renner spielten. Jedenfalls tauchen sie erstmals nach vielen Jahren nicht mehr im üblichen Bericht des Einzelhandels auf. Aus den USA wird berichtet, dass nur Mac-PCs Zuwächse verbuchten. Noch ist zu früh, um den verspäteten Windows Vista die Schuld zu geben, aber nicht zu spät, allen Lesern ein wirklich ruhiges Weihnachten zu wünchen. Wer sonst als "Computerspezialist" am heiligen Abend Anrufe sehr entfernter Verwandter und Bekannter bekam, wird diesmal offenbar ruhig weiter essen dürfen. Derweil sind die Markt-Auguren schon eifrig tätig und reden von der Hyperdisruption, mit der neue Märkte im Nahen Osten und den BRIC-Staaten erschlossen werden. Ich sehe schon meinen lokalen PC-Händler mit einem Koffer voller Festplatten in Dubai auftauchen. Vielleicht schmeißt er auch den Gewinngenerator an.
Channukah geht zu Ende, das Weihnachtsfest wird auch bald vorbei sein, nur Kwanzaa wird noch ein bisschen länger gefeiert, Übrigens ist Microsoft einer der wenigen Arbeitgeber in der IT, die dieses Fest vorbehaltlos anerkennen. Genau die richtige Zeit für den CCC, im realsozialistischen Prachtbau BCC die Vertrauensfrage zu stellen und Tacheles über die Online-Durchsuchungen zu reden. Wobei es schon auffällig ist: Ein paar Wochen später tagt im BCC der europäische Polizeikongress, ebenfalls mit einem Panel über Online-Durchsuchungen. Form Follows Function?
Nach dem Feiern geht es weiter, da wartet für Jüngere der Parcour, für Ältere die Disko. Und natürlich das Jahresend-WWWW. (Hal Faber) / (jk)